Rems-Murr-Kreis

9-Euro-Ticket, Tag eins auf der Remsbahn - Spareffekte: enorm! Andrang: gering

Neuneuro
Scheint eher ein Old-School-Heini als ein Digital Native zu sein: ZVW-Redakteur Peter Schwarz mit seinem Neun-Euro-Papierticket. © Alexandra Palmizi

Es lohnt sich brutal – aber der große Ansturm blieb fürs Erste aus. Tag eins mit dem Neun-Euro-Ticket, eine Fahrt im Go-Ahead von Gmünd (7.54 ab) nach Waiblingen (8.28 an): Geschichten von monumentalen Spar-Effekten, die offenbar noch gar nicht so viel Leute nutzen.

Die Frau kommt aus Urbach, sie arbeitet in Waiblingen, und normalerweise pendelt sie mit dem Auto. An diesem historischen 1. Juni aber hat sie einen Termin in Filderstadt – und beschlossen: Ach, nimmst du mal das neue Ticket. Nun sitzt sie im Zug, hat problemlos einen Sitzplatz gefunden, schaut sich um im definitiv nicht überfüllten Abteil und sinniert: Wenn sie das Kärtchen nun schon habe, „nehme ich diesen Monat öfter den Zug“. (Man könnte aber natürlich auch zum Spottpreis nach Hamburg - Details siehe hier.)

9 statt 100 plus x Euro Kosten: Ein Urbacher Rechenbeispiel

Denn die Rechnung ist einfach (und um seine schmählich unterentwickelte Mathe-Kompetenz nicht zu überfordern, arbeitet der Reporter obendrein nur mit runden Zahlen). Kalkulieren wir mal mit 25 Autokilometern von Urbach nach Waiblingen – macht hin und zurück 50. Bei 20 Arbeitstagen im Monat kommen 1000 Kilometer zusammen. Setzen wir nun konservativ fünf Liter auf 100 Kilometer an, dann ergibt sich ein Verbrauch von 50 Litern; zu je zwei Euro: macht 100 Euro.

Und wir reden da nur vom Sprit. Verschleiß und Wertverlust des Wagens wären mindestens noch mit einzurechnen, von Steuer und Anschaffungskosten zu schweigen – aber die lassen wir jetzt mal weg. Das Auto haben wir ja so oder so.

Und nun dasselbe im Juni mit dem Zug – neun Euro ausgegeben, 91 gespart. Falls die Frau den Sommerurlaub verschiebt und auch im Juli und August das Billigticket kauft, kann sie in den Herbstferien 273 Euro mehr auf den Kopf hauen.

Und der Zeitfaktor? Der Go-Ahead braucht von Urbach nach Waiblingen 19 Minuten; mit dem Auto geht es kaum schneller. (Und kann man Hunde oder Räder mitnehmen? Details dazu hier.)

„Drei Monate lang kostenlos“ – der Arbeitgeber übernimmt

Was auffällt an diesem Morgen des 1. Juni: Für das eine oder andere volle Abteil sorgen nur Klassen auf Schulausflug. Den Vorteil des neuen Tickets scheinen bislang vor allem Leute erkannt zu haben, die sowieso auch sonst den Zug nutzen.

Zum Beispiel Oguzhan Kayali, er arbeitet in Stuttgart, pendelt mit dem Go-Ahead – und jetzt tut er das eben „drei Monate lang kostenlos“. Denn die 27 Euro übernimmt sein Arbeitgeber.

Oder Max Härtkorn: studiert und wohnt in Aalen; macht derzeit ein Praxissemester in Stuttgart. Mit dem Auto pendeln? Indiskutabel. „Zu teuer – und das mit dem Stau ist brutal lästig, Alter“.

Also hat er bei der OVA in Aalen ein Semesterticket gelöst, damit kommt er bis Lorch. Danach, für den Streckenabschnitt durchs VVS-Gebiet, hat er ein Anschluss-Studi-Ticket zugebucht. Für die nächsten drei Monate zahlt er damit „200 und ein paar zerquetschte“. Mit dem Neun-Euro-Ticket werden daraus 27. Die bereits bezahlten Mehrkosten kann er sich zurückerstatten lassen.

Schlange am Schalter: Die Tücken der Rückerstattung

Haken: Man müsse die Überzahlung dort eintreiben, wo man das Ticket gelöst habe – Härtkorn muss seine Ansprüche deshalb nun im Kundencenter Schorndorf geltend machen. Und dort stehe man derzeit oft „eine halbe bis dreiviertel Stunde in der Schlange“. Dennoch: unterm Strich ein krasses Schnäppchen.

Weniger enthusiastisch ist Martin Scheel, der berufsbedingt öfter auf der Remsschiene unterwegs ist. „Das kommt jetzt ein paar Euro billiger“, aber ab September „geht's halt wieder normal weiter“. Ein „Strohfeuer“, findet er, „wenig durchdacht. Eine populistische Maßnahme.“

Mit dieser Kritik ist er an diesem Morgen eher allein. Und die Grundschüler aus Plüderhausen brauchen sowieso kein Neun-Euro-Ticket zu ihrem Glück: Sie steigen in Schorndorf schon wieder aus, pilgern rüber zum Wiesel-Gleis, dort geht es weiter nach Michelau – die Lehrerin hat dort ein Stückle. So muss Schule sein!

Wer sich umhört, gewinnt überhaupt nicht den Eindruck, dass hier massenweise bekehrte Gaspedaleure sitzen – es scheint fürs Erste so zu sein, wie Student Härtkorn mutmaßt: „Ich glaub nicht, dass die Hardcore-Autofans sich ändern werden.“

Raus aus dem Home-Office, wenn Pendeln so billig ist

„Normalerweise“, erzählt derweil ein Mann aus Urbach, „mach ich Home-Office. Aber ich hab jetzt mal das Neun-Euro-Ticket gekauft – ich werde in nächster Zeit vielleicht öfters mal im Büro sein“, dann kommt man wieder unter Leute. Und am Samstag wird er mit den Kindern auf der Schiene nach Nürnberg fahren. (Werden auf solche Ideen auch andere kommen? Hintergründe dazu hier.)

Kurz vor Waiblingen: Im Abteil sind noch mehrere Sitzplätze frei. Kein Gedrängel. So reist sich's komfortabel, nebenbei kann man lesen, Whatsapps checken, ein Schwätzchen mit Fremden halten – und auf die Minute pünktlich, um 8.28 Uhr, rollt der Zug in den Bahnhof Waiblingen.

Der Befund an Tag eins ist radikal eindeutig: Wer das Neun-Euro-Ticket nicht nutzt, ist selber schuld.

Es lohnt sich brutal – aber der große Ansturm blieb fürs Erste aus. Tag eins mit dem Neun-Euro-Ticket, eine Fahrt im Go-Ahead von Gmünd (7.54 ab) nach Waiblingen (8.28 an): Geschichten von monumentalen Spar-Effekten, die offenbar noch gar nicht so viel Leute nutzen.

Die Frau kommt aus Urbach, sie arbeitet in Waiblingen, und normalerweise pendelt sie mit dem Auto. An diesem historischen 1. Juni aber hat sie einen Termin in Filderstadt – und beschlossen: Ach, nimmst du mal das neue

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