Rems-Murr-Kreis

Absurder Streit bei den Grünen im Rems-Murr-Kreis um Familie Fazio und Facebook-Likes, Spionage und Stalinismus

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Gruennominierung
Hauptfiguren im grünen Streit: Kandidatin Swantje Sperling ... © ALEXANDRA PALMIZI
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... Rolf Schmidt vom Kreisvorstand ... © Gaby Schneider
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... Gegenkandidat Alfonso Fazio ... © Gaby Schneider
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... und Like-Button-Drückerin Marilena Fazio. © Ralph Steinemann Pressefoto

Die Grünen haben gewonnen wie noch nie – die Landtagswahl 2021: ein Triumph. Im Rems-Murr-Kreis aber sind sie in einen Rosenkrieg verstrickt, wie man ihn sich irrer und wirrer nicht ausdenken kann. Zu den hin- und herfliegenden Vorwürfen gehören: Spionage. Stalinismus. Parteischädigendes Verhalten. Beleidigte Leberwurstigkeit. Es begann damit, dass ... Halt! Strittig ist bereits, wie es begann.

Begann es mit Alfonso Fazios Dickkopf? Oder mit Willi Halders Rückzug?

Variante eins: Es begann damit, dass die Waiblingerin Marilena Fazio bei der parteiinternen Abstimmung, wer für die Grünen im Wahlkreis Waiblingen kandidieren darf, knapp gegen die aus Remseck reingeschmeckte Swantje Sperling verlor. Worauf Marilenas Vater Alfonso – auch er ein Grüner – als unabhängiger Einzelbewerber zur Landtagswahl antrat; mit dem Ziel, der parteidemokratisch gekürten Sperling Stimmen abspenstig zu machen. Dafür droht ihm nun der Parteiausschluss.

Variante zwei: Es begann damit, dass der grüne Altmeister Willi Halder bekanntgab, er werde 2021 nicht mehr antreten, um sein Landtagsmandat im Wahlkreis Waiblingen zu verteidigen. Ein aussichtsreicher Platz wurde frei – und auf den habe sich Swantje Sperling in einer generalstabsmäßigen Großoffensive gestürzt. Bereits wenige Tage nach Halders Rückzugserklärung sei sie aus dem Nachbarlandkreis angereist und gemeinsam mit ihrem Zweitkandidaten Valentin Gauß in die Mitgliederversammlung der Rems-Murr-Grünen geplatzt, um ihre Ansprüche vorzubringen nach dem Motto: Her damit, wir sind die Profis.

In der Tat, das sind sie: Gauß ist persönlicher Referent des grünen Landesverkehrsministers, Sperling war seinerzeit Mitarbeiterin der Landtagsabgeordneten Stefanie Seemann und hat einen guten Draht zur Landesvorsitzenden Sandra Detzer. Manche altgedienten Grünen fühlten sich förmlich an die Wand geblasen von diesem Sturm aus Ambition und Willenskraft.

Plötzlicher Mitgliederzuwachs bei den Grünen vor dem Showdown

Gerücht: Als Sperlings Bewerbung um die Halder-Nachfolge vorlag, seien „innerhalb einer Stunde 15 Leute“ bei den Rems-Murr-Grünen eingetreten, darunter sogar jemand „über 80“. Sie hätten bei der Kampfabstimmung für Sperling votiert; danach seien die meisten wieder ausgetreten.

Zur vollständigen Story gehört allerdings auch dieser Schnörkel: Marilena Fazios weiterer Familienkreis habe sich vor der Abstimmung ebenfalls plötzlich zur Grünen-Mitgliedschaft entschlossen.

Womit begann es? Variante eins, zwei? Wie auch immer: Unstrittig ist, dass es von hier aus erst so richtig vogelwild wurde.

Alfonso Fazio trat also als Einzelbewerber an. Und Marilena versah Fotos, die ihr wahlkämpfender Vater auf Facebook von sich veröffentlichte, mit einem „Like“ (auf Deutsch: mag ich). Worauf die Tochter eine Mail erhielt ...

„Guten Abend, Marilena, dein öffentliches Bekenntnis und damit deine öffentliche Unterstützung der Einzel-Kandidatur deines Vaters ist parteischädigend. Mit diesem Verhalten stellst du dich gegen die demokratisch gewählte Kandidatin Swantje Sperling. Wir fordern dich auf, uns bis Freitag früh um 10.00 Uhr ein Statement zu deinem Verhalten deiner Partei gegenüber abzugeben. Mit grünen Grüßen“, der Kreisvorstand.

Marilena Fazio konterte: „Mir wird parteischädigendes Verhalten vorgeworfen, weil ich meinen VATER unterstütze???“ Sie stehe „immer zu 100 Prozent“ hinter ihm und lasse sich das „nicht verbieten“.

Später legte sie nach: Hier sei „Buch geführt“ worden, was sie auf Facebook tut. „Wenn Mitglieder intern ausspioniert und überwacht werden, nimmt das Ganze eine Dimension an, die ich mit meinem politischen Verständnis nicht vereinbaren kann.“

Als wäre all das noch nicht wahnwitzig genug, mischten sich in die Mail-Debatte nun auch noch lokale Parteigrößen ein.

Die Grünen und der Vergleich mit einem Massenmörder

Einer mahnte: „Jetzt macht mal halblang“, die Grünen seien doch eine „pluralistische und keine Kaderpartei“, da müsse man Fazios Kandidatur aushalten können.

Eine andere fragte: Wenn es parteischädigend ist, dass eine Tochter ihren Papa mag – müssen sich dann „Paare, die für verschiedene Parteien antreten, trennen?“

Ein dritter, in kommunistischer Geschichte offenbar vorbildlich beschlagener Grün-Grande aber schrieb: Das sei „Sippenhaft in Reinkultur und kommt aus einer bösen Zeit. Feliks Dzierzynski hätte seine wahre Freude an solchen Maßnahmen.“

Feliks Dzierzynski: Gründer der sowjetischen Geheimpolizei Tscheka; eine Schreckensgestalt des „Roten Terrors“ im Russland der 20er Jahre. Er ließ Leute wegen abweichender Meinungen erschießen oder in Zwangsarbeitslagern verrotten.

Die ehrenamtliche Rems-Murr-Führung der Grünen mit einem vollberuflichen Polit-Massenmörder vergleichen? Rolf Schmidt vom Kreisvorstand seufzt: „Da bist du sprachlos.“ Dabei, findet er, sei eigentlich doch alles recht einfach: Die ganze Geschichte handle schlicht vom „Nichtakzeptieren einer demokratischen Entscheidung“; von „Alfonsos Beleidigtsein“ wegen „der Nichtwahl von Marilena. Darin gründet alles.“ Er habe, sagt Schmidt, dieses Jahr „keinen Heiligabend und kein Silvester“ gehabt vor lauter Vermittlungsversuchen und Schlichtungsmissionen, er habe „alles versucht“, um mit Alfonso Fazio „vernünftig zu reden. Es war sinnlos.“

Das Wahlvolk hat mittlerweile auch seinen Kommentar abgegeben zu alldem. Swantje Sperling: 30 Prozent, Direktmandat, Express-Ticket in den Landtag. Alfonso Fazio: 0,7 Prozent.

Die Grünen haben gewonnen wie noch nie – die Landtagswahl 2021: ein Triumph. Im Rems-Murr-Kreis aber sind sie in einen Rosenkrieg verstrickt, wie man ihn sich irrer und wirrer nicht ausdenken kann. Zu den hin- und herfliegenden Vorwürfen gehören: Spionage. Stalinismus. Parteischädigendes Verhalten. Beleidigte Leberwurstigkeit. Es begann damit, dass ... Halt! Strittig ist bereits, wie es begann.

Begann es mit Alfonso Fazios Dickkopf? Oder mit Willi Halders Rückzug?

Variante

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