Rems-Murr-Kreis

AfD Rems-Murr: Kreistagsfraktion zerbröselt, jetzt gehen auch Frank Kral und Christian Throm

Jürgen Braun
„Wer der Meinung ist, die AfD sei ihm nicht rechts genug, kann unsere Partei gerne verlassen“: Jürgen Braun, AfD-Kreisvorsitzender. © Gabriel Habermann

Die AfD-Kreistagsfraktion hat sich zerlegt: Nachdem unlängst Marc Maier (Waiblingen) und Michael Malcher (Backnang) ihren Austritt bekanntgegeben haben, verlassen nun auch der bisherige Fraktionsvorsitzende Frank Kral (Kirchberg/Murr) und Christian Throm (Althütte) die Gruppe. Während Malcher und Maier gleich der ganzen Partei den Rücken kehrten, bleiben Kral und Throm aber AfD-Mitglieder. Kral will weiterhin dem Kreistag angehören, Throm hingegen hat "den Landrat gebeten, aus dem Kreistag austreten zu dürfen".

Das ursprünglich achtköpfige AfD-Kreistagsteam ist damit halbiert; noch übrig: Ulrich Bußler, Martin Huschka, Daniel Lindenschmid, Max-Eric Thiel. Da laut Geschäftsordnung des Kreistags eine Fraktion aus mindestens sieben Mitgliedern bestehen muss, darf sich das Rest-Fähnlein nur noch Gruppe nennen.

Die Vorgeschichte: Degler, QAnon und mehr

Der Streit, der nun im Zerwürfnis gipfelte, begann damit, dass der Backnanger Steffen Degler aus der Partei flog – der Kreisvorstand ist für solche Verfahren zuständig.

Degler war mehrfach aufgefallen, unter anderem hatte er ein apartes Foto gepostet: Es zeigte ihn mit einem roten „Q“ (Symbol für die verschwörungstheoretische Bewegung QAnon) und dem Hashtag „WWG1WGA“ (so wird die QAnon-Formel „Where we go one, we go all“ abgekürzt). QAnon glaubt unter anderem, mächtige Politiker würden in unterirdischen Lagern Kinder foltern, um ihnen Adrenochrom abzuzapfen, eine Verjüngungsdroge.

Gegen Deglers Rauswurf protestierte eine Gruppe von 23 AfD-Mitgliedern in einem internen Brief, der unserer Redaktion vorliegt, und forderte „die Abwahl“ des „gesamten Kreisvorstandes“ um Kreis-Chef Jürgen Braun. Zu den Unterzeichnern gehörten: Kral, Throm, Maier, Malcher.

Geht es hier um eine ideologische Kampflinie – Radikale gegen Gemäßigte? Diese Deutung des Zwists legte neulich der AfD-Kreisvorstand nahe; er schrieb in einer Pressemitteilung: „Wer der Meinung ist, die AfD sei ihm nicht rechts genug, kann unsere Partei gerne verlassen.“

Worum geht es in diesem Streit: Um Ideologisches?

In der Tat zählt der Kreisvorsitzende Braun, der auch dem Bundestag angehört, zu den Moderaten – Björn Höcke, Schlüsselfigur des rechten Flügels, nannte er mal „diesen Herrn aus Thüringen“; der Mann, stichelte Braun, werde „überschätzt“.

Frank Kral hingegen gilt eher als flügelnah – unter anderem aufgrund seiner Rolle in einem anderen Kleinkrieg. Als Kral noch Schatzmeister im AfD-Landesvorstand war, tobte dort ein giftiger Machtkampf. Die Mehrheit um den als gemäßigt einzuordnenden AfD-Landessprecher Bernd Gögel rang mit dem Lager um den damaligen, eher flügelvernetzten Co-Sprecher Dirk Spaniel. Kral stand an Spaniels Seite. Das Gögel-Lager warf Spaniel/Kral „Halbwahrheiten und Verdrehungen“ vor, die beiden hätten versucht, die Landes-Geschäftsstelle „unter ihre Kontrolle zu bringen“ und „nicht genehme Beschäftigte loszuwerden“. Spaniel/Kral konterten, Gögels Truppe verbreite „Falschbehauptungen und Verleumdungen“ , das sei „Charakterlosigkeit und Niedertracht“. Als Gögel die Schlacht gewann, trat Kral 2019 als Schatzmeister zurück.

Oder geht es letztlich schlicht um Persönliches?

Sind die vier, die nun die AfD-Kreistagsfraktion verlassen haben, also Rechtsabweichler? Moment: Mindestens zwei aus dem Quartett passen nicht in dieses Deutungsraster.

Marc Maier ist im Waiblinger Gemeinderat immer moderat aufgetreten. Über eine Podiumsdiskussion mit ihm schrieb ein ZVW-Reporter gar mal: Maier „hätte gut als CDU-, FDP- oder eventuell SPD-Mitglied durchgehen können“.

Und der nun ebenfalls von der Fraktionsfahne gegangene Gymnasiallehrer Christian Throm hat im Kreistag immer stockseriös geklungen und nie einen rechten Kraftspruch rausgehauen; dass er regelmäßig eine sparsame Haushaltsführung anmahnte, war so ziemlich das Allerkontroverseste, was man je von ihm gehört hat.

Das Zerwürfnis habe „mit ideologischen oder, weniger theatralisch, programmatischen Ausrichtungen überhaupt nichts zu tun!“, behauptet aber auch Frank Kral. Der Umgang mit der „Causa Degler hat für viel, viel Unmut gesorgt“ – wegen des harten Schnitts, den der Kreisvorstand da vollzog, fühlten sich manche Mitglieder, vor allem aus dem AfD-Ortsverband Backnanger Bucht, offenbar bevormundet und überfahren.

Auch Maier und Malcher legten diese Deutung in ihrem Austrittsschreiben nahe, indem sie erklärten, sie seien für „Transparenz, gegenseitige Wertschätzung und Vertrauen“ und hätten andere „Wertevorstellungen“ als der Kreisvorstand.

Christian Throm begründet sein Fraktions-Adieu ähnlich: Er gehe wegen "innerer Konflikte persönlicher Art im Kreisverband Rems-Murr. Es gibt Leute, die meinen, sie müssten das als politischen Konflikt bemänteln. Aber das hat im engeren Sinne mit Politik nichts zu tun." 

Rechtsabweichler? Intrigantenstadel? Der Deutungsstreit tobt

Geht es also schlicht um Animositäten, Antipathien und Uneinigkeit über den richtigen Führungsstil? Oder durchfurchen doch auch ideologische Gräben die Kreis-AfD? Beide Seiten trachten erkennbar nach Deutungshoheit. Der Kreisvorstand brandmarkt die Abtrünnigen als Rechtsaußen, die wiederum beschreiben die Chef-Etage durch die Blume als Intrigantenhaufen. Es ist für Außenstehende unmöglich, das Knäuel aus denkbaren Streit-Motiven zu entwirren.

Klar ist nur: Die AfD-Kreistagsfraktion eifert damit der AfD-Landtagsfraktion nach, die zwischen 2016 und 2021 ein sagenhaftes Schauspiel aufführte. Dauernd gingen welche, Nachrücker kamen – und verschwanden teilweise auch bald wieder. Ein komplettes Dutzend machte sich vom Acker, manche verabschiedeten sich freiwillig, weil sie genug hatten oder ins Europaparlament abwanderten, andere unfreiwillig, weil sie ausgeschlossen wurden, manche traten ab, weil ihnen die AfD nicht rechts genug, andere, weil sie ihnen zu rechts war.

Die Landesgeschichte wiederholt sich nun auf Kreisebene also im Bonsai-Format.

Die AfD-Kreistagsfraktion hat sich zerlegt: Nachdem unlängst Marc Maier (Waiblingen) und Michael Malcher (Backnang) ihren Austritt bekanntgegeben haben, verlassen nun auch der bisherige Fraktionsvorsitzende Frank Kral (Kirchberg/Murr) und Christian Throm (Althütte) die Gruppe. Während Malcher und Maier gleich der ganzen Partei den Rücken kehrten, bleiben Kral und Throm aber AfD-Mitglieder. Kral will weiterhin dem Kreistag angehören, Throm hingegen hat "den Landrat gebeten, aus dem Kreistag

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