Rems-Murr-Kreis

Alkohol & Co.: Wie Sie Neujahrsvorsätze einhalten und wo Süchtige Hilfe finden

Feature Thema Sucht -
Symbolbild. © Schneider

Wer hat sich zu Silvester vorgenommen, das Rauchen endlich sein zu lassen, weniger Alkohol zu trinken und mehr Sport zu treiben? Und wer hat bereits am 2. Januar darauf gepfiffen?

Niemand muss deshalb das komplette Jahr 2022 im Büßergewand durch die Gänge schlurfen und sich dauernd schämen. Was durchaus nützt, ist Denken und Handeln: Ist das eine Sucht, die einem alles so schwer macht, oder bahnt sich eine Sucht an – und kann man schon Beratung in Anspruch nehmen, nur weil man sich sorgt?

Ja, kann man, und Sinn macht es dazu. Um die mutmaßlich größte Hürde gleich aus dem Weg zu räumen: Es ist heute nicht mehr so, dass sie in der Suchtberatung als Erstes absolute Abstinenz verordnen.

In volltrunkenem Zustand in die Klinik

Nicht ohne Grund wendet sich Dr. Julia Pach, Oberärztin in der Klinik für Suchttherapie und Entwöhnung im Klinikum Schloss Winnenden, ausgerechnet jetzt zum Jahresbeginn an die Öffentlichkeit: Zur Weihnachtszeit und um den Jahreswechsel erleben die Ärzt/innen immer wieder „sehr kritische Situationen“, wenn Menschen in volltrunkenem Zustand in die Klinik gebracht werden. Besser wär’, schon vorher Kontrolle in den Alkoholkonsum zu bringen – und zu reagieren, wenn man merkt, alleine schafft man’s nicht. Eine, höchstens zwei Wochen müssen Betroffene auf einen ersten Beratungstermin warten, länger meist nicht, verspricht Julia Pach. Im Termin klärt sich schnell, was angezeigt ist: Weitere ambulante Begleitung, um den Alkoholkonsum auf ein angemessenes Maß zurückzuführen, ein Aufenthalt in der Tagesklinik, ein stationärer Entzug – die Bandbreite ist groß.

Kontrollierter Konsum als Option 

Julia Pach hält für möglich, was früher in der Suchttherapie als Tabu galt: Kontrollierter Konsum könne den Weg aus einer Sucht ebnen. Es kann auch schiefgehen. Wer sich für diesen Weg entscheidet, muss Disziplin mitbringen, und sicherlich ist diese Methode längst nicht in allen Fällen geeignet. Weshalb Julia Pach diesen Weg trotzdem für einen potenziell richtigen hält, hat einen einfachen Grund: Nie wieder ein Tropfen Alkohol, nie wieder ein Joint – ein derart hoher Anspruch kann dazu führen, dass Menschen aus dem Hilfesystem herausfallen und sich die Spirale erst recht nach unten dreht, weil sie dieser hohe Anspruch überfordert.

Der Ansatz, es mit kontrolliertem Konsum zumindest zu versuchen, ist in der Suchttherapie nach wie vor umstritten. Doch viele Einrichtungen, auch die Winnender Klinik für Suchttherapie, haben diesen Weg eingeschlagen und bilden die Fachleute entsprechend fort. Dieser Prozess läuft momentan, und Dr. Pach steht voll und ganz dahinter: „Stellen Sie sich vor“, sagt sie im Pressegespräch, ein junger Mensch, Anfang 20, cannabis-abhängig, hört in der Beratung, er müsse lebenslang die Finger davon lassen – was wird er tun? Er kommt nie wieder. Mit Blick auf die geplante Legalisierung von Cannabis „machen wir uns da schon auch Sorgen“, sagt Julia Pach.

"Man hat sein  Casino immer bei sich"

In der Ambulanz am Klinikum Schloss Winnenden kann jede(r) einen Beratungstermin erhalten, der oder die sich wegen des persönlichen Alkohol- oder Cannabiskonsums Gedanken macht oder fürchtet, in eine Spielsucht geraten zu sein. Im Zuge von Corona hat sich das Thema Spielsucht zugespitzt, sagt die Oberärztin, zumal Online-Spiele leichten Zugang gewähren: „Man hat sein Casino immer bei sich.“

Unabhängig vom Suchtmittel steht am Anfang der Beratung eine Bestandsaufnahme, ein schlichtes Tagebuch: Wie viel hab’ ich an welchem Tag getrunken und zu welchen Anlässen? Sehr oft zeigt sich in der Therapie, Betroffene nutzen Alkohol oder ein anderes Genussmittel zu bestimmten Zwecken. Das Glas Wein soll helfen, sich nach einem stressigen Tag zu entspannen, unangenehme Gefühle zu übertünchen oder gute Gefühle zu verstärken. Schleichend steigt die Dosis – auch das ist ein guter Grund, sich frühzeitig Hilfe zu holen und nicht erst dann, wenn Symptome wie Zittern, Schwitzen und quälende Unruhe auftreten.

Realistische Pläne aufstellen

Ob Mediziner eine Sucht diagnostizieren oder nicht, hat mit der Menge an Alkohol, die eine Person konsumiert, gar nichts zu tun: Menschen reagieren sehr verschieden, und einige entwickeln bereits eine Sucht aufgrund von Trinkgewohnheiten, die bei anderen so gut wie keine Wirkung zeigen.

Das Winnender Therapeutenteam hilft, Motivation und Ziele herauszuarbeiten, realistische Pläne aufzustellen und Alternativen für schwierige Situationen einzuplanen: Bei Stress im Job oder in der Familie – was hilft bei der Bewältigung anstelle von Alkohol?

Wer scheitert, muss nicht aufgeben, und wer seine guten Vorsätze fürs neue Jahr bereits nicht mehr verfolgt, hat vielleicht nur übersehen, dass die Chancen mit professioneller Hilfe viel besser sind als ohne.

Wer hat sich zu Silvester vorgenommen, das Rauchen endlich sein zu lassen, weniger Alkohol zu trinken und mehr Sport zu treiben? Und wer hat bereits am 2. Januar darauf gepfiffen?

Niemand muss deshalb das komplette Jahr 2022 im Büßergewand durch die Gänge schlurfen und sich dauernd schämen. Was durchaus nützt, ist Denken und Handeln: Ist das eine Sucht, die einem alles so schwer macht, oder bahnt sich eine Sucht an – und kann man schon Beratung in Anspruch nehmen, nur weil man sich

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