Rems-Murr-Kreis

Alkohol und Drogen in der Corona-Pandemie: Suchtgefahr steigt

Elternselbsthilfe Rems-Murr-Kreis
Heike und Rajco Mohrmann engagieren sich in der Elternselbsthilfe. © ALEXANDRA PALMIZI

Am 25. August 2015 bricht Heike Mohrmanns Welt zusammen. Ihr Sohn Tim, 22, stirbt an einer Überdosis Heroin. In der schwersten Zeit ihres Lebens hilft ihr vor allem die Unterstützung anderer Eltern drogenabhängiger Kinder. Etwa zwei Jahre zuvor hatte Heike Mohrmann mitten in der Nacht eine verzweifelte E-Mail an den Elternkreis Waiblingen geschrieben, in dem sich Betroffene treffen. „Dort wurde ich aufgefangen“, sagt die Mutter. Heute heißt der Elternkreis Elternselbsthilfe Rems-Murr-Kreis für Eltern mit suchtkranken Kindern und Heike Mohrmann ist dessen Gruppenleiterin. Sie arbeitet den Tod ihres Kindes immer noch auf, ist in Therapie. Doch sie möchte auch anderen helfen, gerade während der Corona-Pandemie.

Denn die Zahl der an illegalen Drogen verstorbenen Menschen ist im vergangenen Jahr deutlich angestiegen. 2020 wurden in Deutschland 1581 drogenbedingte Todesfälle registriert. Das sind 13 Prozent mehr als im Vorjahr (1398). „Die Lage ist für suchtkranke Menschen durch die Pandemie mehr denn je dramatisch. Viele von ihnen sind durch Corona in eine verstärkte Lebenskrise geraten. Gewohnte Strukturen, persönliche Hilfsangebote und Ansprechpartner sind quasi von einem Tag auf den anderen weggebrochen“, sagte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig, im Frühjahr bei der Bekanntgabe dieser traurig machenden Zahl.

Mediensucht nimmt zu

Auch Heike Mohrmann, die sich neben der Elternselbsthilfe Rems-Murr-Kreis auch in der Baden-Württembergischen Landesvereinigung der Elternselbsthilfe Suchtgefährdeter und Suchtkranker als Vorstandsmitglied engagiert, beobachtet steigenden Konsum von Alkohol und anderen Substanzen. „Stark zugenommen hat außerdem die Mediensucht, seien es Spiele am PC oder Online-Sex“, sagt Mohrmann. Das Dilemma: Sowohl Medien als auch Drogen sind in der Pandemie verfügbar, Hilfsangebote für Süchtige und deren Angehörige aber nicht oder nur eingeschränkt.

„Die Elternselbsthilfe hatte vor zwei Wochen ihr erstes Präsenztreffen nach langer Zeit“, so die Gruppenleiterin. Natürlich habe man auch während des Lockdowns telefonisch und per Nachrichten Kontakt gehalten, doch das könne die persönlichen Treffen nicht ersetzen. „Vor allem der Kontakt zu Eltern, die neu zu uns kommen, ist viel schwieriger, wenn Gestik und Mimik fehlen.“ Dabei sind Gespräche das Fundament der Gruppe. Denn Eltern suchtkranker Kinder könnten meist nur mit anderen Betroffenen offen über ihre Sorgen und Ängste, die Veränderungen ihrer Kinder und die häufig auf den Drogenkonsum folgende Kriminalität sprechen, sagt Mohrmann. Von Außenstehenden kämen oft Vorwürfe oder Schuldzuweisungen, sicher auch oft unbeabsichtigt. Oft sei auch einfach die Scham der Eltern zu groß.

Hilfe für mehr Selbstfürsorge

„In der Elternselbsthilfe wollen wir Eltern uns unterstützen“, erklärt Mohrmann. Es gehe darum, Schuldgefühle loszulassen und sich von dem Gedanken zu lösen, dass es einem als Mutter oder Vater nur gutgehen darf und kann, wenn es auch dem Kind gutgeht. „Wir wollen die Eltern in ihrer Selbstfürsorge unterstützen.“ Dafür habe die Gruppe vor Beginn der Corona-Pandemie auch Seminare zu diesem Thema gemeinsam besucht, auch das liegt nun seit langem brach.

Heike Mohrmann hofft, dass es die Pandemie-Lage im Herbst zulässt, einiges nachzuholen und dass die Treffen der Gruppe weiterhin in Präsenz stattfinden können. „Wir wollen im geschützten Raum, anonym, vertraulich und mit Respekt füreinander da sein. Das alles kam jedoch in der Pandemiezeit zu kurz.“

Info

Die Elternselbsthilfe Rems-Murr-Kreis für Eltern mit suchtkranken Kindern und andere Angehörige trifft sich immer am ersten und dritten Montag des Monats um 19 Uhr im Forum Mitte in Waiblingen, Blumenstraße 11, 71332 Waiblingen. Da wegen der Corona-Pandemie zurzeit maximal acht Teilnehmer bei einem Treffen erlaubt sind, ist eine telefonische Anmeldung bei Heike Mohrmann unter 01 72/6 20 43 93 nötig.

Am 25. August 2015 bricht Heike Mohrmanns Welt zusammen. Ihr Sohn Tim, 22, stirbt an einer Überdosis Heroin. In der schwersten Zeit ihres Lebens hilft ihr vor allem die Unterstützung anderer Eltern drogenabhängiger Kinder. Etwa zwei Jahre zuvor hatte Heike Mohrmann mitten in der Nacht eine verzweifelte E-Mail an den Elternkreis Waiblingen geschrieben, in dem sich Betroffene treffen. „Dort wurde ich aufgefangen“, sagt die Mutter. Heute heißt der Elternkreis Elternselbsthilfe Rems-Murr-Kreis

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