Rems-Murr-Kreis

Alkohol und Koma-Saufen im Rems-Murr-Kreis: Jugend von heute besser als Boomer

Komasaufen
Klare Ansage: Das ist ein gestelltes Archivbild - und für die Trinkgewohnheiten heutiger Jugendlicher nicht sonderlich repräsentativ. © Habermann

Seit fast anderthalb Jahrzehnten warnt die DAK-Gesundheitskampagne „bunt statt blau“ im Rems-Murr-Kreis und bundesweit Jugendliche vor den Gefahren des Komasaufens. Der Zyniker im Journalisten neigt da zur Unterstellung: Ach, das ist doch bloß gut gemeint und bringt nicht viel. Aber der Kampf gegen das Exzesstrinken ist eine statistisch belegbare Erfolgsgeschichte. Die Jugend von heute ist recht anständig - vor allem im Vergleich zu den sogenannten Boomern früher, den Jahrgängen 1955 bis 1965 ...

"Bunt statt blau": Warum die Kampagne entstand

Kunst gegen Komasaufen: Das ist das Prinzip der Kampagne „bunt statt blau“; im Jahr 2023 sucht die Krankenkasse DAK bereits zum 14. Mal die besten Plakatideen von Schülerinnen und Schülern zwischen zwölf und 17 Jahren zum Thema Rauschtrinken. Einsendeschluss: 31. März. Alle Schulen auch im Rems-Murr-Kreis sind eingeladen, Alkoholmissbrauch im Unterricht zu diskutieren und beim Plakatwettbewerb mitzumachen. Aber wie kam es zu der Aktion? Blenden wir zurück.

Anfang der 2000er Jahre braute sich Ungutes zusammen: Im Jahr 2000 landeten bundesweit 7000 junge Menschen zwischen zehn und 17 Jahren wegen akuter Alkoholintoxikation im Krankenhaus; 2005 waren es bereits über 14.000; und 2010 gar rund 18.000.

Interessanterweise war es durchaus nicht so, dass alle jungen Leute einfach immer mehr tranken. Im Gegenteil. Daten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung besagen: 1979 konsumierten 25 Prozent aller Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren mindestens einmal in der Woche Alkohol; Mitte der 2000er Jahre fiel der Wert auf etwa 21 Prozent; und sank bis 2010 gar auf unter 13 Prozent!

Nur: Ein Teil der Jugendlichen schoss sich eben regelrecht ab. Eine unselige Rolle spielten dabei Alcopops: Mischgetränke, die so süß schmecken, dass der hohe Alkoholgehalt nicht recht wahrnehmbar ist.

Gesetze gegen Alcopops - und Aufklärungsarbeit

Ein Schlüssel bei der Trendwende war sicher die Alcopops-Sondersteuer und „Ab 18“-Regel ab dem Jahr 2004, die zusehends Wirkung entfaltete. Dazu aber gab es flankierend eine Fülle von Aufklärungskampagnen, zum Beispiel „Alkohol? Kenn dein Limit“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder „Klarer Kopf oder Blackout – Du entscheidest“ des baden-württembergischen Landeskriminalamts; und eben, ab 2010, auch „bunt statt blau“.

Die „Entwicklung der vergangenen Jahre ist erschreckend“, begründete damals Martin Kieninger, Leiter der DAK Waiblingen, das Engagement der Kasse. Seit 2010 haben bundesweit mehr als 122.000 Schülerinnen und Schüler Plakate gegen das Komasaufen gestaltet. „Die Aufklärung über die Gefahren eines riskanten Alkoholkonsums gelingt mit dem Wettbewerb sehr gut“, sagt Kieninger heute. „Mit ihren bunten Plakaten bekennen die Schüler Farbe. Wenn sie im Unterricht untereinander oder mit ihren Lehrkräften Kreativideen diskutieren, kommen sie gleichzeitig bei dem schwierigen Thema Alkoholmissbrauch ins Gespräch.“

„Bunt statt blau“ hat zwar gewiss nicht allein zur Trendwende geführt, aber die breite Präventions- und Aufklärungsarbeit, kombiniert mit einer angemessen kantigen gesetzgeberischen Reaktion auf Alcopops-Exzesse, war offensichtlich erfolgreich: Laut einer Hochrechnung der DAK wurden 2021 bundesweit rund 11.000 Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren wegen eines akuten Alkoholrausches stationär behandelt – kein Vergleich zu den Höchstständen um das Jahr 2010. Sicher spielt da auch der Corona-Effekt eine Rolle – Ausgangsbeschränkungen, weniger Partys – , aber der Abwärtstrend war auch lange vor 2020 schon beobachtbar.

Ende der 1970er Jahre soffen viel mehr Jugendliche

Derweil ist auch der Alkoholkonsum prinzipiell unter jungen Leuten noch weiter zurückgegangen: Der Anteil Jugendlicher zwischen 12 und 17 Jahren, die mindestens einmal in der Woche trinken, sank 2021 auf 8,7 Prozent – der niedrigste Stand seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1979. Auch bei den jungen Erwachsenen (18 bis 25 Jahre) ist der langfristige Trend rückläufig: Regelmäßig tranken 2021 in dieser Altersgruppe 32 Prozent, zehn Jahre vorher waren es noch mehr als 40 Prozent gewesen und Ende der 1970er Jahre gar 66 Prozent.

„Es ist ein positives Signal, wenn immer weniger junge Menschen nach dem Rauschtrinken im Krankenhaus behandelt werden müssen“, schreibt die DAK in ihrer Pressemitteilung zum Start der 2023er-Kampagne „bunt statt blau“ – „Formate . Fest steht: Noch immer trinken viele Jugendliche sprichwörtlich, bis der Arzt kommt.“ Deshalb, sagt Martin Kieninger, „setzen wir weiter auf Aufklärung und führen unsere erfolgreiche Präventionskampagne fort“.

Es wird alles immer schlimmer: Diesen Eindruck haben, angesichts sich aufeinandertürmender Krisen, viele Menschen. Manchmal aber ändern sich Dinge auch zum Guten. Jugendliche früher, das steht felsenfest, haben viel mehr gesoffen.

Seit fast anderthalb Jahrzehnten warnt die DAK-Gesundheitskampagne „bunt statt blau“ im Rems-Murr-Kreis und bundesweit Jugendliche vor den Gefahren des Komasaufens. Der Zyniker im Journalisten neigt da zur Unterstellung: Ach, das ist doch bloß gut gemeint und bringt nicht viel. Aber der Kampf gegen das Exzesstrinken ist eine statistisch belegbare Erfolgsgeschichte. Die Jugend von heute ist recht anständig - vor allem im Vergleich zu den sogenannten Boomern früher, den Jahrgängen 1955 bis

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