Rems-Murr-Kreis

Allergien und RS-Virus: Ist der Hygiene-Fimmel moderner Eltern daran schuld?

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Zu häufiges Waschen schwächt die Immunbarriere von Haut und Schleimhäuten. © Adobestock/Robert Kneschke

Kinder sind nicht immunologisch geschwächt durch die Corona-Maßnahmen, „aber es gibt ein bis zwei Jahrgänge, die gewisse Infektionen sozusagen ausgelassen haben und diese jetzt nachholen“, sagt der Schorndorfer Kinderarzt Dr. Ralf Brügel. Zur Zeit kursiert die Behauptung, die pandemiebedingte penible Hygiene hätte die Immunsysteme geschwächt und deshalb verbreiteten sich angeblich auch RS-Viren so rasant. Und wie steht es um die zunehmenden Allergien? Ist der Sauberkeitsfimmel moderner Eltern daran schuld?

Zu penible Sauberkeit kann schädlich sein

„Alle Experten gehen davon aus, dass der starke Anstieg allergischer Erkrankungen seit den 1970er-Jahren in den Industrieländern neben genetischen Ursachen besonders auch mit Umwelteinflüssen und Lebensstil zu tun hat“, sagt Prof. Dr. Ralf Rauch, Chefarzt für Kinder- und Jugendmedizin der Rems-Murr-Kliniken. „Wir verstehen hier noch nicht alle Zusammenhänge, aber zwei Faktoren sind klar: Kinder sind bei vielen Gelegenheiten Industrieprodukten ausgesetzt, die ihr Immunsystem sensibilisieren, und zu häufiges Waschen schwächt die Immunbarriere von Haut und Schleimhäuten.“

Interessanterweise können Parasiten helfen, das Abwehrsystem vor einer Überreaktion gegen bestimmte Allergene zu schützen, sagt Prof. Rauch. „Daher wissen wir: Ja, zu penible Sauberkeit rund um das Kind kann das Entstehen von Allergien begünstigen.“

Auch der medizinische Vorstand des Klinikums Stuttgart, Prof. Jan Steffen Jürgensen sagt: „Die wissenschaftliche Evidenz ist zu dieser Frage nicht eindeutig. Unstrittig ist aber, dass beispielsweise allergisches Asthma in industrialisierten Ländern erst ab den 1960er-Jahren deutlich zunahm und die Häufung allergischer Krankheiten zeitlich mit zunehmender Hygiene, dem Rückgang parasitärer Wurminfektionen und veränderten Ernährungsgewohnheiten Hand in Hand ging. Immunologisch gibt es einige plausible Hypothesen, warum beispielsweise Menschen mit parasitären Wurmerkrankungen seltener an allergischem Asthma erkranken – aber keine Beweise.“

Extra krank werden, um das Immunsystem zu trainieren?

Sich extra Krankheitserregern oder etwa Kinder gewollt einer Corona- oder RS-Viren-Infektion auszusetzen, davon ist jedoch abzuraten: „Unser Immunsystem ist täglich unzähligen Erregern ausgesetzt, um es zu ,trainieren‘ braucht es nicht den Kontakt mit potenziell tödlichen Keimen“, sagt Dr. Jens A. Steinat, Pandemiebeauftragter des Rems-Murr-Kreises. „Zweifelsohne ist das Erlangen einer Immunität durch eine Impfung – sofern verfügbar – eine der größten Errungenschaften der modernen Medizin. Darüber hinaus sind eine gesunde Lebensweise und die üblichen Hygienemaßnahmen zur Verhütung von Krankheiten selbstverständlich.“

Dass eine zu penible Hygiene wegen Corona zu Immunschwächungen und der momentanen RS-Virus-Welle bei Kleinkindern geführt habe, verneint Dr. Steinat jedoch: „Die aktuell vor allem betroffenen Altersgruppen waren zu keiner Zeit durch die in den letzten knapp drei Jahren geltenden Hygieneschutzmaßnahmen betroffen. Weder trugen diese Masken, noch waren sie von sozialer Distanz betroffen. Man beachte, dass die Kindergärten und Schulen ausschließlich im Frühsommer 2020 für zwei Monate geschlossen waren. Daher ist nicht davon auszugehen, dass die damals geltenden Einschränkungen zu einer immunologischen Schwächung der jetzt betroffenen Kinder führte.“

RSV-Infekte beträfen vor allem Kinder unter vier Jahren als häufiger Erreger von Infekten der unteren Atemwege und fast alle Kinder machten bis zum Alter von zwei Jahren einen RSV-Infekt durch, erläutert der Prof. Jürgensen vom Klinikum Stuttgart. „In der Regel ist keine spezielle Therapie erforderlich und die meisten Kinder sind nicht extrem beeinträchtigt. In schwereren Fällen kann es zur Lungenentzündung, Bronchitis oder Bronchiolitis kommen.“

Grundsätzlich seien Neugeborene oder chronisch vorerkrankte Kinder, zum Beispiel mit Herzfehlern, gefährdeter bei RS-Infekten als andere, so Jürgensen. „Gefürchtet sind bei Neugeborenen auch selten als Komplikation auftretende Atemstillstände, weshalb die Indikation zur kurzen stationären Überwachung gegeben sein kann. Die meisten Infekte verlaufen jedoch relativ harmlos.“

Ratschläge zum Thema Masketragen und Hygiene

„Mein Rat ist: entspannt bleiben“, sagt Kinderarzt Dr. Ralf Brügel. „Mich sorgt am meisten, dass Krankheit so viel und so oft mit großen Ängsten assoziiert wird. Bestes Beispiel: RS-Viren. Das gab es schon immer, jetzt wird es regelrecht gehypt. Viele Eltern bekommen inadäquat große Angst. Es ist einfach so: Kranksein gehört zum Kindsein dazu.“

Chefarzt Prof. Rauch weist auf andere Aspekte hin: „Wie auch aus anderen Kliniken zu hören, haben wir in unserer psychosomatischen Abteilung für Kinder und Jugendliche in den Rems-Murr-Kliniken einen rapiden Anstieg von Ess- und Zwangsstörungen während der Pandemie wahrgenommen. Das hat mit dem damit verbundenen Verlust von Tagesstrukturen und dem verminderten Kontakt zu Gleichaltrigen zu tun. Für viele Jugendliche, die schon vorher labil waren, ist die Situation durch Corona aus dem Ruder gelaufen. Sie brauchen jetzt deutlich mehr Unterstützung, und die Therapien haben sich verlängert. Ich würde daher raten, Kinder lieber gegen Influenza zu impfen, als sie abzusondern oder ihnen wieder Masken aufzusetzen.“

Kinderpsychologen berichten indes auch von einem Anstieg der Sauberkeits-/Waschneurosen schon bei jungen Kindern seit Andauern der Corona-Pandemie. Das bestätigte schon Ende Oktober die Schorndorfer Kinder- und Jugend-Psychotherapeutin Diana Rapp dieser Zeitung.

Deshalb betont Prof. Jürgensen vom Klinikum Stuttgart: „Wenn weder die Kinder selbst noch Angehörige aufgrund von Vorerkrankungen ein besonderes hohes Risiko für einen schweren Corona-Verlauf haben, sollten das Masketragen und die Hygiene bloß nicht übertrieben werden, (und situativ beim Besuch der immunsupprimierten Großmutter im Pflegeheim trotzdem Rücksicht genommen werden).“

Der Kreis-Pandemiebeauftragte Dr. Jens A. Steinat rät: „In der aktuellen Situation würde ich bei großen Ansammlungen von Menschen in Innenräumen und dem öffentlichen Nahverkehr das Tragen einer FFP2-Maske empfehlen. Wer sich krank fühlt, sollte einen SARS-CoV2-Schnelltest machen, aber auch bei negativem Ergebnis nur mit Maske aus dem Haus gehen und diese im engen zwischenmenschlichen Kontakt auch tragen.“

Handhygiene sollte selbstverständlich sein, sagt Steinat. „Falls Eltern bei ihrem Kind allerdings diesbezüglich eine angstbehaftete Entwicklung beobachten sollten, sollte unbedingt das Gespräch mit dem Kind gesucht werden, um die Sorgen hoffentlich entkräften zu können. Falls dies nicht gelingt, sollte frühzeitig therapeutische Hilfe in Anspruch genommen werden.“

Kinder sind nicht immunologisch geschwächt durch die Corona-Maßnahmen, „aber es gibt ein bis zwei Jahrgänge, die gewisse Infektionen sozusagen ausgelassen haben und diese jetzt nachholen“, sagt der Schorndorfer Kinderarzt Dr. Ralf Brügel. Zur Zeit kursiert die Behauptung, die pandemiebedingte penible Hygiene hätte die Immunsysteme geschwächt und deshalb verbreiteten sich angeblich auch RS-Viren so rasant. Und wie steht es um die zunehmenden Allergien? Ist der Sauberkeitsfimmel moderner

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