Rems-Murr-Kreis

Alles Lügen? Putin führt Krieg gegen Russischsprachige in der Ukraine

Natalia aus Dnipro
Natalia G. mit ihren Kindern Irina (anderthalb) und Dmitro (8) sowie der Katze Morlischka sind bei Susanne Kiefer und ihrem Mann Michael in Winnenden herzlich aufgenommen worden. © Gabriel Habermann

„Putins Propaganda, die Russen in der Ukraine retten und schützen zu wollen, ist mehr als absurd und zynisch“, sagt die russischsprachige Ukrainerin Natalia G., die mit ihren beiden Kindern nach Winnenden geflüchtet ist und bei Familie Kiefer mit offenen Armen aufgenommen worden ist. Putins Armee habe etwa in Mariupol durch seinen blutigen Angriffskrieg vor allem russischsprachigen Menschen das Leben genommen. „Sie stellen in der östlichen Hälfte der Ukraine, besonders auch im Südosten die Mehrheit.“

Während Natalia G. sichtlich mitgenommen und traurig am Esstisch zusammen mit Susanne und Michael Kiefer erzählt, krabbelt ihre kleine Tochter Irina immer wieder unter dem Tisch durch und gluckst vor Spielfreude. Der achtjährige Dmitro ist gerade in der Schule. „Das läuft wirklich alles hochprofessionell und hilfsbereit in der Stöckachschule“, sagt Susanne Kiefer. „Die haben dort eine Deutsch-Vorbereitungsklasse und parallel besuchen die geflüchteten Kinder auch nach und nach normale Unterrichtsstunden.“

Luftalarm und Lichtblitze von Explosionen

Normalität und Sicherheit seien genau das, was sie als Mutter ihren Kindern schulde, ergänzt Natalia G.: Die Flucht aus ihrer Heimatstadt Dnipro (Dnipropetrowsk) im mittleren Süden der Ukraine über Kiew bis nach Lwiw sei traumatisierend gewesen. Für 24 Stunden in einem Sonderzug. In drangvoller Enge saßen und schliefen sie auf dem Boden eines Waggons mit rund 250 anderen. Ein Waggon, in dem normalerweise vielleicht 30 bis 40 Leute Platz finden. „Wiederholt musste der Zug anhalten, weil wir befürchten mussten, bombardiert zu werden. In der Ferne waren immer wieder Lichtblitze von Explosionen zu sehen.“ Endlich über die Grenze in der EU: Über Krakau, Warschau, Berlin und Stuttgart verschlug es sie schließlich bis nach Winnenden. „Wir sind so dankbar für die große Hilfsbereitschaft, die uns in Polen gewährt wurde und hier in Deutschland zuteilwird.“

Nach Kriegsbeginn am 24. Februar hatten sie noch bis Anfang März in Dnipro ausgeharrt. Alle Hoffnungen auf ein schnelles Ende verblassten angesichts der Kriegsgewalt in vielen Teilen des Landes. „Es gab schließlich immer wieder Luftalarm auch in Dnipro und wir flüchteten häufig mit den Kindern in den Keller und harrten dort aus, das war besonders hart, kalt und beklemmend.“

Die Kriegsnachrichten aus dem 300-Kilometer-Umkreis von Dnipro, etwa aus Charkiw, Donezk oder Mariupol, wurden derweil immer schlimmer. Als dann der Angriff auf das nur 85 Kilometer entfernte AKW von Saporischschja in der Nacht auf 4. März passierte, war für Natalia G. und ihren Mann klar, jetzt müssten sie und die Kinder sich in Sicherheit bringen. So entschlossen sie, zusammen mit der Katze Morlischka zu flüchten. Ihr Mann ist in Dnipro geblieben und hilft bei der Landesverteidigung.

Die putingläubige Verwandtschaft streitet jegliches Unrecht ab

„Wenn es nach meiner Schwester und Mutter gegangen wäre, hätten wir gar nicht fliehen müssen“, sagt Natalia. „Ich bin übers Handy ständig in Kontakt, mit Freunden und Bekannten auf der Flucht und in der Ukraine, auch mit meiner Familie. Meine Mutter lebt auf der Krim, meine Schwester und andere Verwandte in Russland.“ Das Verhältnis gestaltet sich mehr als schwierig, „da sie nichts glauben und alles abstreiten, was Russland gerade für Leid über die Ukraine und auch uns Russischsprachige bringt“, sagt Natalia. Da helfe auch nicht, wenn sie ihnen Bilder von zerstörten Wohnhäusern, ermordeten Zivilisten zeige.

Und auch die ersten russischen Raketeneinschläge in Dnipro (am 11. März), die laut einem Bericht im Tagesspiegel einen Kindergarten, ein Appartementhaus und eine Schuhfabrik trafen und bei denen mindestens ein Mensch getötet wurde, brachten ihre Mutter und ihre Schwester nicht dazu, die russischen Kriegsverbrechen und Putins Unrecht zuzugeben. Auch nicht der Erlebnisbericht ihrer Schwiegereltern davon, wie flüchtende Zivilisten systematisch von russischen Soldaten beschossen worden seien.

„Da wird dann immer behauptet, das sei gelogen und ukrainische Propaganda. Dabei bin ich doch ihre Tochter und Schwester“, sagt Natalia. „Es ist für mich wirklich hart, dass sie mir und meinen Freunden und Bekannten nicht glauben, obwohl wir es doch erleben. Stattdessen behaupten, wir hätten gar nicht fliehen müssen, es bestünde keine Gefahr für Frauen, Kinder und Zivilisten.“

Die Propaganda-Gehirnwäsche Putins wirke leider in ihren Köpfen. „Meine Mutter schaut nur russisches Fernsehen. Viele ältere Menschen verspürten sehr Nostalgie, sie wünschen sich die UdSSR zurück. Und sie glauben allen Ernstes, die russische Armee können überhaupt nur Befreier und Helfer sein“, sagt Natalia.

Und von wegen Putins Behauptung, durch die „militärische Sonderoperation in der Ukraine“ werde alles angeblich verbotene und bekämpfte Russische geschützt. „Russischsprachig in der Ukraine zu sein war nie ein Problem. Es war und ist für uns Ukrainer schlichtweg egal, ob man russisch oder ukrainisch spricht“, sagt Natalia.

Wahlbetrug bei Krim-Referendum: Blaupause für Donezk, Luhansk, Cherson?

Natalia G. ist auf der Krim aufgewachsen, studierte und arbeitete in Dnipro und anderswo. Nach der russischen Annexion der Halbinsel gebar sie Dmitro in einer Geburtsklinik in Dnipro, war aber weiterhin auf der Krim registriert, so dass ihr Name noch in einer Wählerliste beim sogenannten „Referendum“ zum Anschluss der Krim an die Russische Föderation auftauchte. „Obwohl ich zur Geburt in Dnipro war und nicht anwesend, erzählten mir Freunde in meinem Heimatort auf der Krim, dass mein Name auf der Wählerliste abgehakt gewesen sei, als hätte ich abgestimmt. Meine Mutter hat dazu nur gesagt, ich hätte doch eh für den Anschluss an Russland votiert“, sagt Natalia. Systematischer Wahlbetrug ist wohl auch in Luhansk und Donezk und womöglich anderen von Russland eroberten und besetzten Gebieten im Süden (etwa Melitopol oder Cherson) zu erwarten, die erwartungsgemäß per Referendum der Russischen Föderation einverleibt werden sollen.

Tag für Tag verfolgt Natalia die Nachrichten aus ihrer Heimat. „Viele Freundinnen und Bekannte sind auch mit ihren Kindern geflüchtet. Einige nach Tschechien, Norwegen und Deutschland, viele aber blieben in Polen. Wir schreiben uns über Social Media. Sie hoffen immer noch, dass der Krieg bald zu Ende geht und sie nach Hause können.“ Sie indes glaubt an kein zügiges Ende. Umso dankbarer ist Natalia G., bei Familie Kiefer aufgenommen worden zu sein und die Kinder in Sicherheit zu wissen.

„Putins Propaganda, die Russen in der Ukraine retten und schützen zu wollen, ist mehr als absurd und zynisch“, sagt die russischsprachige Ukrainerin Natalia G., die mit ihren beiden Kindern nach Winnenden geflüchtet ist und bei Familie Kiefer mit offenen Armen aufgenommen worden ist. Putins Armee habe etwa in Mariupol durch seinen blutigen Angriffskrieg vor allem russischsprachigen Menschen das Leben genommen. „Sie stellen in der östlichen Hälfte der Ukraine, besonders auch im Südosten die

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