Rems-Murr-Kreis

Andrea Berg und ihre Fans zeigen: Es funktioniert, ein Konzert unter Pandemiebedingungen durchzuführen

Andrea Berg
Die Ränge scheinen voll – sind sie auch. Aber alles wird von den Verantwortlichen im Blick behalten. © Gabriel Habermann

Endlich. Es ist so weit. „Fühlt es sich für euch auch so bescheuert geil an?!“, ruft Sängerin Andrea Berg und eröffnet damit den ersten von vier Konzertabenden im Rahmen des Modellvorhabens des Rems-Murr-Kreises. Als sie zuvor mit einem lilafarbenen Oldtimer-Pick-up ins Stadion eingefahren wird, winkt sie und für die zugelassenen 2000 Gäste gibt es kein Halten mehr. Sie jubeln, klatschen, grölen zu den Tönen von „Diese Nacht ist jede Sünde wert“: Es ist ein Neustart für alle nach dem Lockdown.

Heimelige Lagerfeueratmosphäre

Mit Jeans-Hotpants, weißem Top, Cowboyhut und -stiefeln, bunten Federn im Haar ist die 55-Jährige zurück auf der Bühne – wenn auch nur auf einer sehr kleinen. Ein Strohballenwagen mit Sofa, vielen Kissen, Lampen und einem großen Traumfänger sorgen für die heimelige Lagerfeueratmosphäre. Mit Konzertbeginn haben sich die dunklen Wolken am Himmel verzogen. „Ich fühle mich wie auf einem anderen Stern“, sagt das Berg-Cowgirl.

Viele Fans aus der Region, der Schweiz und aus Italien

Vor dem Hintergrund, dass die „WirmachenDruck“-Arena Platz für bis zu 15 000 Gäste pro Konzertabend bietet, die vor der Pandemie zu den Heimspielen strömten, ist das ein ganz neues Gefühl. „Irgendwie ist es toll – aber irgendwie ist es auch wie in einem Kasperletheater, weil hier ja sonst viel mehr Leute stehen“, sagt die Sängerin und blickt in die Menge. Viele Fans aus der Region sind im Fautenhau, aber auch Besucher, die mehr als 200 Kilometer für diesen Abend gefahren sind, und Gäste aus der Schweiz und Italien. Das Areal ist weiträumig abgesperrt, um Zaungäste, die es sonst bei jedem Heimspiel gibt, zu vermeiden.

Bevor das Publikum und die Künstlerin dem Motto des besonderen Heimspiels 2021 – „Steh auf und tanz“ – frönen, richtet Andrea Berg ein persönliches Anliegen an ihre Fans: „Wir dürfen endlich das Leben wieder feiern – aber passt auf, nicht rumlaufen. Aufstehen, mitwippen und ausgelassen mitsingen sind erlaubt. Und wenn uns das alles gelingt – dann feiern wir weiter bis zur Explosion.“ Die Texte von „Ich würd’ dich so gern wiederseh’n“ und „Mosaik“ passen ebenso in diese Pandemiezeit, wie „Steh auf und tanz“.

Feiern, Wippen, Tanzen

Gekonnt und bestimmt vom Berg-Team durchdacht sind Lieder in den Ablauf eingebaut, die das Publikum wieder Platz nehmen lassen, nur um der Entertainerin zu lauschen – sei es beim Song „Geh deinen Weg“, der ihrer Tochter Lena-Maria gewidmet ist, „Sternenträumer“ oder „Over the Rainbow“. Aber das Feiern, Wippen, Schunkeln und Tanzen überwiegen – sowohl auf den Rängen als auch an den Plätzen vor dem Strohballenwagen. Mit einem Medley ihrer etwas älteren Songs denkt sie an ihre Bandmitglieder, die sie vermisst: „Ist schon ungewohnt, so alleine auf der Bühne zu stehen, ohne die Jungs.“ Aber umso mehr freut sie sich auf die Mosaik-Live-Arena-Tour, die im Januar fortgesetzt wird. Das Publikum hört zu und zückt die Handylichter.

Besucher verhalten sich diszipliniert

Die Sitzplätze auf der Tribüne sind gefüllt – dort, wo sonst die SG-Sonnenhof-Anhänger ihren Fußballverein anfeuern. Auch im Innern der Arena besteht die Möglichkeit, sich auf Strohballen oder auf Stühlen an Tischen Platz zu nehmen. Abstand? Auf den Rängen scheinen nur wenige Plätze frei zu sein. „Wir haben das alles sehr genau im Blick,“ nimmt Aspachs Bürgermeisterin Sabine Welte-Hauff Stellung. „Bis zu 25 Personen dürfen auf der Tribüne zusammensitzen, Ordner haben ein Auge darauf und hier unten vor der Bühne ist der Abstand durch die aufgestellten Tische gewährleistet.“ Die Bürgermeisterin lobt die Besucher, die sich sehr diszipliniert verhalten: „Ich habe beobachtet, wie die Maskenpflicht beim Verlassen des Platzes wirklich eingehalten wird. Das ist toll, wenn die Menschen so mitziehen.“ Man merke ihnen an, wie sie sich danach sehnen, wieder das Leben zu leben.

73 Besucher an der Corona-Teststation – keiner positiv

Erfreut ist Welte-Hauff über den Inklusionsgedanken, der bei diesem Heimspiel fortgesetzt wird, und lobt in diesem Zusammenhang die Zusammenarbeit mit dem Landkreis und Landrat Dr. Richard Sigel. Denn nach 2019 können wieder 200 Menschen mit Behinderung live dabei sein. Das Freikartenkontingent wurde vom Berg-Team zur Verfügung gestellt, die Einladung der Einrichtungen erfolgte über das Landratsamt. „Wir wollen auf 2019 aufbauen und im Rahmen des Modellvorhabens sozusagen Inklusion 2.0 erlebbar machen“, so der Landrat. Zu den Regeln spricht Sigel einen Appell aus: „Wir dürfen diesen Abend genießen, aber alle müssen auf den Abstand und die Maßnahmen achten, damit dieses Modellvorhaben gelingen kann.“

Die Abstimmung des Hygienekonzeptes zwischen Gesundheitsamt, Gemeinde Aspach und Veranstalter erfolgte im Vorfeld sehr eng. Zutritt zum Konzert wurde nur für Geimpfte, negativ Getestete und Genesene gewährt. Um die entsprechenden Nachweise zu kontrollieren, ist für alle Konzerte 50 Meter vor dem eigentlichen Einlass eine Teststation des DRK, mit Unterstützung der Rems-Murr-Kliniken eingerichtet. Mit dem Premierenabend zeigen sich die Einsatzkräfte zufrieden: „73 Besucher haben wir getestet – ohne positives Ergebnis“, teilt Sina Löhle vom DRK mit. Ansonsten hätten ihre Kollegen von der örtlichen Einsatzbereitschaft „einen ruhigen Dienst“ vermeldet. Im Rahmen des Projekts ist auch die Kontaktnachverfolgung per
„Luca-App“ vorgesehen, ebenso werden die vier Konzerte wissenschaftlich begleitet.

"Herrliche Stimmung ohne Schnickschnack"

Von den vorgegebenen Regeln lassen sich die Konzertbesucher die Laune nicht verderben. „Ich habe keine Bedenken wegen der vielen Leute. Wir sind geimpft und halten Abstand“, so eine junge Frau, die mit ihrem Mann einen Sitzplatz auf der Tribüne hat. Von einem „Wahnsinnsabend“ ist die Rede bei den Fans, von einer „bombastischen Stimmung und einem Megaauftritt“, von einer „herrlichen Stimmung ohne viel Schnickschnack“. Partylaune also: „Oh, wie ist das schön“ wird angestimmt, alle sind überglücklich, ein Event – und dann auch noch mit Andrea Berg – endlich wieder live zu erleben. Für diesen Moment ist die Pandemie weit weg.

Wie es sich für ein Heimspiel gehört, untermalen Effekte den Auftritt: Flammen schießen aus dem Rasen, ein Feuerwerk wird mehrmals gezündet – alles eben kleiner als sonst. Andrea Berg springt, hüpft und unterhält ihre Zuhörer. Die Künstlerin genießt es sichtlich, wieder mit ihren Anhängern beisammen zu sein – mit Abstand und ohne „In-den-Arm-Nehmen“. Aber sie kenne mittlerweile jeden Radweg und jeden Maiskolben in der Umgebung – deshalb sei es Zeit, dass sie mal „wieder rauskomme“. Ein Fingerzeig genügt, und die Chorleiterin weiß, wie sie ihr Publikum zum Singen bringt: „Die Gefühle haben Schweigepflicht“, „Du hast mich tausendmal belogen“, „Ja ich will“ – ihre Fans sind textsicher. „Wahnsinn – wir haben das Leben zurück.“ Es ist 22 Uhr. Stille. Berg ist von einem gelungenen Auftritt, disziplinierten und frohen Gästen erfüllt – und die Fans? Sie sind dankbar für diesen Konzertabend. Die Sängerin selbst feiert in knalligem Gelb-Orange-Outfit einen Tag nach der eigenen Premiere persönlich weiter – mit „Night Fever – The very Best of the Bee Gees“. Sie schwoft bei diesem Revival-Disco-Abend mit Ehemann Uli, präsentiert gemeinsam mit der Band „Immortality“ und feiert mit 999 zugelassenen Gästen. Und ganz sicher freut sie sich auf ihre drei noch folgenden Konzerte.

    Endlich. Es ist so weit. „Fühlt es sich für euch auch so bescheuert geil an?!“, ruft Sängerin Andrea Berg und eröffnet damit den ersten von vier Konzertabenden im Rahmen des Modellvorhabens des Rems-Murr-Kreises. Als sie zuvor mit einem lilafarbenen Oldtimer-Pick-up ins Stadion eingefahren wird, winkt sie und für die zugelassenen 2000 Gäste gibt es kein Halten mehr. Sie jubeln, klatschen, grölen zu den Tönen von „Diese Nacht ist jede Sünde wert“: Es ist ein Neustart für alle nach dem

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