Rems-Murr-Kreis

Angst vor dem Zusammenbruch der Landwirtschaft

Rettet die Bienen: Räte wollen Infos_0
Die Bienen retten will jeder. Aber wie und um welchen Preis? Volker Escher fürchtet um den Fortbestand der Landwirtschaft © ZVW/Alexandra Palmizi

Waiblingen. Was würde im Rems-Murr-Kreis passieren, wenn das Pro-Biene-Volksbegehren Gesetz würde? CDU und FDP wollten’s vom Landratsamt genau wissen. Landwirtschaftsamt, Amt für Umweltschutz und Wirtschaftsförderung sind sich einig: Es wäre desaströs. Zumindest für die Landwirtschaft. Doch wie sollen sie denn dann gerettet werden, die vielen gefährdeten Arten?

Versachlichen wollten sie die Diskussion und baten um eine „objektive Einschätzung“ der Auswirkungen, die die Forderungen von Pro Biene im Rems-Murr-Kreis hätten. Denn Landwirtschaft, Weinbau und Erwerbsobstbau hätten seit Start des Volksbegehrens „existenzielle Sorgen“. Die CDU- und die FDP-Kreistagsfraktion haben dem Landwirtschaftsamt, dem Amt für Umweltschutz und der Wirtschaftsförderung mit diesen Bemerkungen einen Haufen Arbeit beschert. Denn im Rems-Murr-Kreis gibt es ausgesprochen viele schützenswerte Gebiete, in denen dann auch noch ausgesprochen viel Landwirtschaft stattfindet: Weinbau und Erwerbsobstbau das Remstal rauf und runter, Ackerbau beziehungsweise bewirtschaftete Wiesen über die ganze Fläche verteilt.

Um wie viel Fläche im Rems-Murr-Kreis geht es überhaupt?

Im Rems-Murr-Kreis gibt es 36 364 Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche. Das sind in etwa 56 000 Fußballfelder. Der größte Batzen davon ist Grünland mit über 18 000 Hektar, Obstbau spielt die kleinste Rolle mit 860 Hektar. Äcker für Getreide, Mais, Zuckerrüben und so weiter belegen 16 130 Hektar, Wein wird auf 1 290 Hektar angebaut.

Die Fläche aller Schutzgebiete zusammen beträgt 30 931 Hektar oder, damit man sich’s vorstellen kann, 47 600 Fußballfelder. Wobei hier zu unterscheiden ist: Am strengsten geschützt sind – und sollen noch strenger geschützt werden – Naturschutzgebiete. Davon hat der Kreis 833 Hektar. Bei Landschaftsschutzgebieten sind die bisherigen Reglementierungen der Landwirtschaft schon sehr viel lockerer, außerdem gibt es Vogelschutz-Gebiete, Naturdenkmäler und Fauna-Flora-Habitat-Gebiete, kurz FFH.

Und jetzt kommt die Zahl, die den Landwirten aller Arten Bauchweh bereitet: 14 090 Hektar – 21 700 Fußballfelder – landwirtschaftlich genutztes Land liegen in den Schutzgebieten. Für dieses Land in Bauernhand würden also, wenn die Vorschläge von Pro Biene Gesetz würden, zukünftig deutlich strengere bis sehr, sehr strenge Regeln in Kraft treten. Beispielsweise der vollkommene Verzicht auf Pestizide in Naturschutzgebieten.

Was würde ein Pestizidverbot für die Bauern und den Kreis bedeuten?

Das Landratsamt und seine Sachverständigen gehen davon aus, dass ein Verzicht auf Pflanzenschutzmittel den Landwirten die Arbeit erheblich erschweren und zu Qualitäts- und Ertragseinbußen führen würde. Ausnahmen, die stets zu beantragen wären, würden zu einem hohen Verwaltungsaufwand führen, der den Landwirten zwar Arbeit, aber keinen Verdienst einbringen würde. Das Einkommen der Landwirte, sowieso schon nicht mehr so hoch wie früher, würde noch weiter sinken. Das Landratsamt fürchtet, dass viele, vor allem kleine Landwirte im Kreis ihre Betriebe aufgeben würden. Die Folgen wären spezialisierte Großbauernhöfe und brachliegende Flächen, die verbuschen. Das heißt: Die Remstäler Weinberge beispielsweise, die nicht nur für guten Wein stehen, sondern auch Touristen herziehen, würden wieder zu Wald werden. Dasselbe gilt für die rund 10 000 Hektar Streuobstwiesen im Kreis, bei denen diese Tendenz bereits jetzt zu beobachten sei.

Die Folgen für den Weltmarkt übrigens – Kritiker des Volksbegehrens argumentieren, dass ohne konventionelle Landwirtschaft die Weltbevölkerung nicht ernährt werden könnte – wären, würde die Landwirtschaft im Rems-Murr-Kreis wegbrechen, vernachlässigenswert. Die Weinerzeugung im gesamten Kreis macht nur 0,04 Prozent der Welt-Weinerzeugung aus, die gesamte Getreideproduktion im Kreis in Bezug auf die weltweite sogar nur 0,001 Prozent.

Ist Öko, wie von Pro Biene propagiert, die Lösung für die Bauern?

Was Öko und Bio angeht, ist der Rems-Murr-Kreis in Deutschland schon ein Vorzeigelandkreis: Zwölf Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche und zehn Prozent der Betriebe arbeiten schon nach diesen Prinzipien. Ob’s noch mehr werden können? Ein weiterer Anstieg sei sinnvoll, erklärt das Landratsamt. Doch müsste mit der Umstellung der landwirtschaftlichen Betriebe auf Bio zumindest eine steigende Verbrauchernachfrage einhergehen, wenn sie nicht sogar vorausgehen sollte. Wenn die Verbraucher nicht mitziehen, drohe dagegen ein Überangebot verbunden mit einem Preisverfall. Das Problem: An der Verkaufstheke zeigt sich immer wieder, dass die Menschen lieber billig einkaufen. Bio-Produkte und Regionales sind hochpreisiger. Deshalb betrachtet das Landratsamt den von Pro Biene vorgegebenen Wert von 50 Prozent Ökolandbau kritisch.

Wenn die Pro-Biene-Vorschläge so undurchführbar sind – wie dann?

Die Landesregierung hat es nach der großen Pro-Biene-Aufregung geschafft, das Umwelt- und das Landwirtschaftsministerium, Bauernverbände, Naturschutzverbände und Pro-Biene-Aktivisten an einen Tisch zu bringen. Herausgekommen ist am 15. Oktober ein Eckpunktepapier. Darin heißt es auf der ersten Seite: „Die Initiative „Rettet die Bienen“ hat wichtige Ansatzpunkte aufgezeigt, die sich zu wesentlichen Teilen in dem vorliegenden Eckpunktepapier wiederfinden“. Es heißt aber auch: „Im Hinblick auf die Umsetzbarkeit und das Ziel, unseren bäuerlichen Familienbetrieben eine verlässliche Zukunftsperspektive zu bieten, gilt es aber, einzelne Punkte zu überarbeiten“. Es ist von einer „gesamtgesellschaftlichen Anstrengung“ die Rede und von „zusätzlicher Anstrengung“, da es bisher nicht gelungen sei, das Artensterben zu stoppen.

Der Pflanzenschutz, erklärt Michael Stuber, Leiter des Landwirtschaftsamts Rems-Murr, sei nur ein einzelner Baustein – Artenschutz bedürfe vieler Maßnahmen, beispielsweise einer großen Anzahl von Blühflächen. Und anders als beim Volksbegehren von Pro Biene, so Stuber, seien im Eckpunktepapier weniger pauschale Verbote festgeschrieben.

Tatsächlich aber gibt es Konsens zwischen der Landesregierung, Pro Biene und dem Landratsamt, in der Überzeugung, dass die Landwirte durch den Artenschutz nicht in den Ruin getrieben werden sollen. Sondern dass, wenn die Kosten für den Natur- und Artenschutz nicht über die teureren Produkte gedeckt werden können, die Bauern, die ökologisch aktiv werden, durch Steuergelder zu unterstützen sind.


Waiblingen. Was würde im Rems-Murr-Kreis passieren, wenn das Pro-Biene-Volksbegehren Gesetz würde? CDU und FDP wollten’s vom Landratsamt genau wissen. Landwirtschaftsamt, Amt für Umweltschutz und Wirtschaftsförderung sind sich einig: Es wäre desaströs. Zumindest für die Landwirtschaft. Doch wie sollen sie denn dann gerettet werden, die vielen gefährdeten Arten?

Versachlichen wollten sie die Diskussion und baten um eine „objektive Einschätzung“ der

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