Rems-Murr-Kreis

Ansteckung, Erkrankung, Verlauf: Wie gut schützt die Corona-Impfung wirklich?

Covid Impfung
Die Impfung lässt sich nach zwei sehr unterschiedlichen Kriterien beurteilen: Wie gut ist erstens die individuelle Schutzwirkung gegen schwere Krankheit und zweitens die gesellschaftliche Schutzwirkung gegen Infektion und Weitergabe des Virus? © Gabriel Habermann

Wie gut schützt die Corona-Impfung wirklich? Wie gut schützt sie individuell gegen eine schwere Erkrankung? Wie gut schützt sie gesellschaftlich gegen Infektion und Virusverbreitung? Vermutlich machen wir uns mit dem folgenden Artikel bei allen unbeliebt: Denn manches ist eindeutiger, als Ungeimpfte wahrhaben wollen; und anderes unklarer, als Geimpfte gerne hätten. Obendrein gilt es einen fragwürdigen Trick anzuprangern, den sich nicht nur das bayrische, sondern auch das baden-württembergische Gesundheitsamt phasenweise erlaubt hat. 

Neue Daten: Schutz gegen Erkrankung? Teil 1

Nach einer aktuellen Auswertung, gemeinsam erstellt vom Robert-Koch-Institut und der Intensivmedizinervereinigung DIVI, waren zuletzt von rund 9000 Intensivpatienten in Deutschland, bei denen der Impfstatus bekannt war, knapp 72 Prozent ungeimpft oder erst einmal geimpft; gut 22 Prozent hatten mindestens zwei Impfungen intus und knapp 6 Prozent schon drei.

Geimpfte sind besser geschützt: Das ist bereits so weit eindeutig – doch der Befund ist in Wahrheit noch viel wuchtiger, als er zunächst wirkt. Denn nun muss man auch noch bedenken, dass zum Betrachtungszeitraum bereits rund 70 Prozent der Deutschen eine Grundimmunisierung per Impfung hatten. Das bedeutet: Auf die 30-Prozent-Minderheit der Ungeimpften entfielen fast drei Viertel der Intensivaufenthalte; nur ein gutes Viertel der Intensivfälle ging aufs Konto der geimpften 70-Prozent-Mehrheit.

Unsere Kliniken: Schutz gegen Erkrankung? Teil 2

Die Daten für die Rems-Murr-Kliniken – Zeitraum 1. Juli bis 14. November – haben wir bereits Mitte November abgefragt und darüber berichtet. Eine Aktualisierung planen wir für Februar. Bereits jetzt aber lohnt sich ein nochmaliger, vertiefter Blick auf die Werte von damals.

  • Insgesamt wurden im Betrachtungszeitraum 309 Menschen stationär behandelt wegen einer Covid-Erkrankung. Davon ungeimpft: 231 (75 Prozent).
  • Bei 81 der Covid-Patienten spitzte sich die Lage so zu, dass intensivmedizinische Versorgung notwendig wurde. Davon ungeimpft: 73 (90 Prozent).

Wieder ist es glasklar: Geimpfte sind viel besser geschützt. Spannend ist aber insbesondere der Zeitraum vom 1. bis zum 14. November – denn damals lag die Impfquote im Kreis bereits bei etwa 61 Prozent.

  • 102 Menschen wurden stationär behandelt wegen Covid-Erkrankung. Davon ungeimpft: 66. Geimpft: 36. Das gilt es nun auf die damals etwa 256 000 Geimpften und die rund 171 000 Ungeimpften zu beziehen: In diesem 14-Tage-Zeitraum mussten von 100 000 Ungeimpften 39 stationär aufgenommen werden; bei den Geimpften landeten nur 14 von 100 000 im Krankenhaus.
  • Bei 25 der Covid-Patienten spitzte sich die Lage derart zu, dass eine intensivmedizinische Versorgung notwendig wurde. Davon ungeimpft: 22. Geimpft: 3. Wieder brechen wir das auf die damals etwa 256 000 Geimpften und die rund 171 000 Ungeimpften herunter. Bei den Ungeimpften landeten 13 von 100 000 in der Intensivstation – bei den Geimpften war es unter 100 000 nur ein einziger.

RKI-Erkenntnisse: Schutz gegen Erkrankung? Teil 3

Interessante Daten liefert auch der jüngste Wochenbericht des Robert-Koch-Instituts vom 13. Januar. Er enthält eine Aufschlüsselung für die letzten drei Kalenderwochen des Jahres 2021. Zunächst ein Blick auf die Altersgruppe 12 bis 17:

  • Bei Infektionen mit einfachen Symptomen (teils durchaus starke Beschwerden, die aber noch keine Krankenhauseinlieferung nötig machen) betrug für die Ungeimpften pro Woche die Inzidenz – Zahl der Fälle binnen sieben Tagen pro 100 000 Einwohner – 200 bis 300; und für die Geimpften etwa 50.
  • Bei Infektionen mit starken Symptomen (die eine Krankenhauseinweisung nötig machen, aber nicht immer eine intensivmedizinische Behandlung) lag für die Ungeimpften pro Woche die Inzidenz zwischen 1 und 3; und für die Geimpften gar unter 1. Die Gefahr einer Hospitalisierung ist in dieser Altersgruppe demnach so oder so äußerst gering.

Altersgruppe 18 bis 59:

  • Bei Infektionen mit einfachen Symptomen betrug für die Ungeimpften pro Woche die Inzidenz 150 bis 200; für doppelt Geimpfte 70 bis 100; und für bereits Geboosterte unter 50.
  • Bei Infektionen mit starken Symptomen ergab sich für Ungeimpfte pro Woche eine Inzidenz zwischen 6 und 10 – während sie bei den Geimpften unter 2 lag und bei den Geboosterten unter 1.

Altersgruppe ab 60:

  • Bei Infektionen mit einfachen Symptomen betrug für die Ungeimpften pro Woche die Inzidenz 100 bis 150, für die doppelt Geimpften etwa 40 bis 50 und für Geboosterte etwa 10.
  • Bei Infektionen mit starken Symptomen betrug für die Ungeimpften pro Woche die Inzidenz 30 bis 50, für doppelt Geimpfte 5 bis 8, für Geboosterte etwa 2.

Die Gefahr, trotz Booster auf Intensiv zu landen, war also im Zeitraum Mitte bis Ende Dezember über alle Altersgruppen hinweg sehr klein, es traf höchstens einen von 100 000 dreifach Geimpften; das entspräche einem Risiko von 0,01 Promille.

Bayrische Tricks: Schutz gegen Ansteckung? Teil 1

Die Impfung hilft sehr gut gegen einen dramatisch eskalierenden Krankheitsverlauf, sie entfaltet eine hohe individuelle Schutzwirkung – aber wie ist es um die gesellschaftliche Schutzwirkung bestellt? Wie gut hilft die Impfung gegen eine symptomarm oder gar symptomlos verlaufende Ansteckung und damit gegen eine womöglich unbemerkte Weiterverbreitung des Virus?

An dieser Stelle müssen wir ein unrühmliches Kapitel aufschlagen: Wie der Freistaat Bayern versuchte, mit Hilfe spektakulärer, aber hinkender Inzidenzvergleiche die Leute zur Impfung zu motivieren und die Ungeimpften unter Druck zu setzen.

Das dortige Landesamt für Gesundheit wies lange Zeit die Infektionsinzidenz für Geimpfte und für Ungeimpfte jeweils gesondert aus und teilte zum Beispiel am 2. Dezember mit, dass der Wert bei Ungeimpften im Freistaat 1616 betrage, bei Geimpften indes nur 103.

Aber: Wenn bei einer Positivdiagnose der Impfstatus des Betroffenen gar nicht amtsbekannt war, unterstellte die Behörde einfach automatisch, dass er ungeimpft sei.

Und so geht’s ja wohl nicht. Denn stellen wir uns vor, von 50 Leuten wissen wir den Impfstatus: 40 ungeimpft, 10 geimpft. Das ergibt ein Verhältnis von 4 zu 1. Wenn nun aber 50 weitere Leute mit unbekanntem Impfstatus hinzukommen und alle 50 umstandslos, ohne Beleg den Ungeimpften zugeschlagen werden, ergibt sich ein Verhältnis von 9 zu 1. Und tatsächlich war es in Bayern so, dass in manchen Wochen bei mehr als der Hälfte der Positivdiagnosen keine Impfinformationen vorlagen.

Selbst, wenn man bei der Inzidenzberechnung die Fälle mit ungeklärtem Status korrekterweise rauslassen würde – der Vergleich wäre immer noch fragwürdig. Denn Ungeimpfte müssen sich aufgrund der geltenden Corona-Regeln öfter testen lassen. Die Wahrscheinlichkeit, dass bei ihnen auch symptomlose Infektionen diagnostiziert werden, ist also höher; und die Dunkelziffer unerkannter Infektionen sicher niedriger als bei Geimpften.

Als es geballte mediale Kritik setzte, verabschiedeten sich die Bayern von ihrem Rechentrick – aber schauen wir mal, wie es in Baden-Württemberg und im Rems-Murr-Kreis gehandhabt wurde ...

Lob und Tadel: Schutz gegen Ansteckung? Teil 2

Im täglichen Lagebericht des baden-württembergischen Landesgesundheitsamtes wurde erstmals am 8. September 2021 die Inzidenz gesondert ausgewiesen nach geimpft und ungeimpft; es stand seinerzeit demnach 17,6 zu 207,5 (siehe hier).

Darunter aber stand im Kleingedruckten, wer alles in die Kategorie „Impfserie nicht abgeschlossen“ fiel: Ungeimpfte; noch nicht zweimal oder grade eben erst zum zweiten Mal Geimpfte; und „Fälle ohne Angaben zum Impfstatus“.

Mit anderen Worten: derselbe Unsinn wie in Bayern! Immerhin, das baden-württembergische Landesgesundheitsamt hörte bereits am 12. November wieder auf mit der kruden Zahlen-Jonglage.

Was den Beitrag der Geimpften zur Virusverbreitung betrifft, wissen wir also viel weniger, als die Landesgesundheitsämter in Bayern und Baden-Württemberg uns zeitweise vorgaukeln wollten.

Das Landratsamt Rems-Murr aber hat, obwohl es auf seinem Dashboard täglich eine lobenswert übersichtlich aufbereitete Fülle von Daten zur Verfügung stellt, niemals die Inzidenz getrennt nach Impfstatus ausgewiesen. Problembewusstsein und statistische Redlichkeit waren hier offensichtlich immer schon ausgeprägter.

Wir wissen wenig: Schutz gegen Ansteckung? Teil 3

Die Impfung verhindere auch eine asymptomatische Infektion „in einem erheblichen Maße“, schreibt das Robert-Koch-Institut und beruft sich dabei auf Daten aus Zulassungsstudien und Untersuchungen aus der Praxis. „Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person trotz vollständiger Impfung PCR-positiv wird, ist signifikant vermindert.“

Obendrein sei selbst im Falle einer Infektion „die Phase der Virusausscheidung kürzer als bei Ungeimpften“.

Insofern hilft die Impfung nicht nur individuell gegen einen schweren Krankheitsverlauf; sondern auch gesellschaftlich gegen eine Verbreitung des Virus.

Es gibt aber wichtige Einschränkungen.

  • „In welchem Maß“ die Impfung die Übertragung reduziert, „kann derzeit nicht genau quantifiziert werden“.
  • Selbst solch vage Erkenntnisse gibt es nur für die Deltavariante. Wie hoch „unter Omikron“ das Übertragungsrisiko nach Impfung ist, könne noch überhaupt „nicht bestimmt werden“.
  • „Zusätzlich muss das Risiko, das Virus möglicherweise auch unbemerkt an andere Menschen zu übertragen, durch das Einhalten der Infektionsschutzmaßnahmen weiter reduziert werden“ – das gilt auch für Geimpfte!

Wenn Geimpfte also denken, nach dem Piks könnten sie Vorsichtsmaßnahmen (Maske, Abstand, Hygiene und so weiter) schleifen lassen und auf regelmäßige Schnelltests verzichten, dann werden sie zur Gefahr für andere; und sollten es tunlichst vermeiden, sich moralisch über Ungeimpfte zu erheben.

Ein starkes Indiz dafür, dass die Impfung zwar gut gegen schwere Krankheitsverläufe schützt, aber offenkundig vor allem bei Omikron überhaupt nicht mehr gut gegen eine einfache Infektion: Von allen 44 Stadt- und Landkreisen in Baden-Württemberg hat Baden-Baden die höchste Impfquote (79 Prozent doppelt gepikst, 60 geboostert) – die Inzidenz aber war dort am Samstag mit 804 so hoch wie nirgendwo sonst im Land.

Wie gut schützt die Corona-Impfung wirklich? Wie gut schützt sie individuell gegen eine schwere Erkrankung? Wie gut schützt sie gesellschaftlich gegen Infektion und Virusverbreitung? Vermutlich machen wir uns mit dem folgenden Artikel bei allen unbeliebt: Denn manches ist eindeutiger, als Ungeimpfte wahrhaben wollen; und anderes unklarer, als Geimpfte gerne hätten. Obendrein gilt es einen fragwürdigen Trick anzuprangern, den sich nicht nur das bayrische, sondern auch das

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper