Rems-Murr-Kreis

Armut im Rems-Murr-Kreis: Betroffene packt wegen hoher Energiepreise die Angst

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Obdachlos
Im Winter könnte die Zahl der obdachlosen Menschen noch ansteigen. © pixabay.com/mramirferdi
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Symbolfototafelladen
Das Foto ist 2021 am Schorndorfer Tafelladen entstanden, nachdem der Laden, zuerst coronabedingt geschlossen, wieder aufgemacht hatte. Es bilden sich regelmäßig Schlangen vor den Tafelläden. © Gaby Schneider

Es herrscht ein wildes Durcheinander vor dem Eingang der Tafel in Waiblingen. Menschen drängeln sich nebeneinander und voreinander– jeder will das Kärtchen mit der Nummer ergattern, das die Mitarbeiterin der Tafel gerade in der Hand hält. Das Kärtchen ist das Ticket dafür, die Tafel zu betreten und sich dort günstige Waren zu kaufen, die man sich sonst nicht leisten kann. Ein Brötchen kostet 6 Cent, eine Dose Energy-Drink 4 Cent.

Die Mitarbeiterin fordert die Wartenden vehement dazu auf, Ruhe zu bewahren und sich in einer Reihe aufzustellen. Viele hier sind Geflüchtete aus der Ukraine und sprechen nur gebrochenes Deutsch oder Englisch. Eine Kundin sagt mir, sie warte schon seit über einer Stunde darauf, die Tafel betreten zu können. Zuvor hatte sie immer den Kürzeren gezogen, jetzt hat sie sich durchgesetzt und hält ein Kärtchen mit Nummer in der Hand. Sie kommt zweimal in der Woche hierher, immer dienstags und donnerstags. Seit drei Jahren ist sie nun arbeitslos, davor hatte sie als Sekretärin bei einer Fahrschule in Schorndorf gearbeitet. Jetzt ist sie über 60, da sei es nicht so leicht, eine neue Arbeit zu finden. Von den 1090 Euro, die sie monatlich vom Arbeitsamt bekommt, gehen 750 Euro für ihre Miete drauf, die sich in den letzten Jahren stetig erhöht hat. Die restlichen 340 Euro reichen ihr nicht zum Leben, auch schon vor dem Ukraine-Krieg und der Inflation war sie auf die Tafel angewiesen. Verbittert wirkt sie deshalb nicht, eher dankbar. „Man muss froh sein, dass wir die Tafel haben“, sagt sie.

Zwischendurch wurde der Andrang vorm Tafelladen einfach zu groß

Am liebsten kauft sie sich Obst, Gemüse und Brot, da man diese Waren in Supermärkten nicht so günstig bekommt. Sie ist nicht die Einzige, die so lange auf ihren Einkauf warten muss. Seit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs sind die Wartezeiten bei der Tafel immens, viele warten eine Stunde oder länger auf ihr Essen. Die Tafel in Winnenden hatte zwischendurch schon einen Aufnahmestopp verhängt, weil der Andrang zu groß war. „Manche Kunden gehen auch wieder heim, weil ihnen die Wartezeiten zu lang sind“, erzählt die Vorsitzende der Tafel Waiblingen, Erika Severin. Die 80-Jährige hatte lange Zeit die Bastlerzentrale in Waiblingen geleitet und kümmert sich nun ehrenamtlich darum, dass die Lebensmittelspenden von Supermärkten bei den hilfsbedürftigen Menschen ankommen.

Lebensmittelspenden gibt es in letzter Zeit immer weniger, vor allem Obst und Gemüse ist durch die Dürre knapp geworden. Schokolade gibt es gar nicht mehr, übrig gebliebene Osterhasen waren schon nach Minuten vergriffen.

"Viele Menschen haben Angst"

Die Gründe, warum Leute zur Tafel kommen, sind vielfältig. Es kommen viele Geflüchtete aus der Ukraine oder aus Syrien, Menschen, die von Altersarmut betroffen sind, und Alleinerziehende. „Das Leben auf kleinster Fläche während der Corona-Lockdowns war schwer für Familien“, meint Petra Off, die Leiterin des Tafelladens in Waiblingen. Sie zeigt viel Verständnis für ihre Kunden: „Viele Menschen haben Angst, sind angespannt, sorgen sich um ihre Zukunft.“ Trotzdem kommt nur ein Bruchteil der Menschen, die hilfsbedürftig sind, überhaupt zur Tafel. Älteren Menschen sei der Weg oft zu weit, bei manchen ist die Scham zu groß. „Meistens scheitert es schon daran, dass das Busticket zu teuer ist“, so die 58-Jährige. Durch das 9-Euro-Ticket kamen viele Menschen von außerhalb, die zuvor noch nie bei der Tafel in Waiblingen waren.

„Der öffentliche Nahverkehr sollte günstiger werden, zumindest armutsbetroffene Menschen sollten einen Preis zahlen, der nicht wehtut“, da sind sich Erika Severin und Petra Off einig. Sonst halten sie sich eher zurück mit politischen Forderungen. Die Lasten sollten auf jeden Fall fairer verteilt werden, auch eine Übergewinnsteuer wie in anderen europäischen Ländern können sie sich vorstellen.

Eine Sozialarbeiterin hilft, die Flut an Post zu bewältigen

Auch Frau Beyrich (Name geändert) ist arbeitslos und von Armut betroffen. Die 53-Jährige war zum Sommerpressegespräch der Erlacher Höhe in Backnang eingeladen, um von ihrer Notsituation zu erzählen. Die Erlacher Höhe ist ein Verein zur Unterstützung von Menschen in sozialen Notlagen und veranstaltet jeden Sommer eine Presserunde, um über ihre Arbeit zu berichten. Dieses Jahr war das besonders dringend.

Frau Beyrich erhält Unterstützung von einer Sozialarbeiterin der Erlacher Höhe, anders würde sie die Flut an Post, die sie vom Jobcenter bekommt, nicht mehr bewältigen können. Die neuste Stromnachzahlung über 400 Euro hat sie besonders getroffen. Sie ist alleinerziehend, hat vier Kinder und musste sich schon öfters Geld von Freunden leihen – betteln, wie sie es nennt. Sie erzählt von Existenzängsten, vor allem die Angst vor steigenden Energiekosten im Winter macht ihr zu schaffen. Drei ihrer Kinder gehen zwar schon arbeiten, müssen aber einen großen Teil ihres Verdienstes an den Staat zurückgeben. Das demotiviert, und es sorgt für Konflikte in der Familie. Essen gehen ist für Frau Beyrich schon lange nicht mehr drin. Im Urlaub war sie zuletzt 2014, als ein Freund sie eingeladen hatte.

Viel mehr sozialer Wohnungsbau wäre nötig

„Es leiden alle unter dem Ukraine-Krieg. Aber die Hilfe des Staats sollte sich auf diejenigen konzentrieren, die es am dringendsten brauchen“, meint Wolfgang Sartorius, Vorstand der Erlacher Höhe und Leiter des Pressegesprächs in Backnang. Der 60-Jährige arbeitet schon seit 30 Jahren bei der Erlacher Höhe und hat eine klare Meinung dazu, was für staatliche Maßnahmen nötig wären, um armutsbetroffenen Menschen ein würdevolles Leben zu ermöglichen.

Vor allem der soziale Wohnungsbau müsste vorangetrieben werden – die Ziele, welche die Regierung dafür bis 2030 ausgegeben hat, würden im aktuellen Bautempo weit verfehlt werden. Auch der aktuelle Hartz-IV-Regelsatz müsste von den aktuellen 449 Euro im Monat um mindestens 100 Euro steigen, damit sich Empfänger der Transferleistungen das Leben wieder leisten können.

Viel mehr Obdachlose, als in der Statistik vermerkt sind

Die Einführung des Bürgergelds im Januar 2023 begrüßt er, doch auch die Steigerung des Regelsatzes würde durch die galoppierende Inflation schnell wieder verpuffen. „Wenn alles teurer wird, droht den Menschen der Verlust ihrer Wohnung“, meint Sartorius. Aktuell sind laut amtlicher Statistik 178.000 Menschen wohnungslos, die Dunkelziffer liegt weit höher. Im Winter könnte diese Zahl noch weiter ansteigen. „Wir müssen das Vertrauen in das Sozialsystem wieder herstellen, viele Menschen sind verunsichert“, so Sartorius. „Wenn es für diese Menschen im Winter keine finanzielle Kompensation gibt, ist der soziale Frieden in Gefahr.“ Allein der tägliche Kampf mit den Behörden sei für Menschen in finanziellen Notlagen eine Herausforderung. Die Verwaltung müsse digitaler werden und für Menschen wie Frau Beyrich in existenzieller Notlage zugänglicher sein.

„Ohne die Hilfe der Erlacher Höhe wüsste ich nicht, wie ich das alles schaffen soll“, so Frau Beyrich. Politiker wie der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz oder der SPD-Vorsitzende Lars Klingbeil haben sich schon für ein weiteres Entlastungspaket und ein Energiegeld in Höhe von 1000 Euro für Geringverdienende ausgesprochen. Es bleibt abzuwarten, ob den Worten auch Taten folgen. Für Frau Beyrich geht er dagegen weiter, der tägliche Kampf um ein würdevolles Leben.

Es herrscht ein wildes Durcheinander vor dem Eingang der Tafel in Waiblingen. Menschen drängeln sich nebeneinander und voreinander– jeder will das Kärtchen mit der Nummer ergattern, das die Mitarbeiterin der Tafel gerade in der Hand hält. Das Kärtchen ist das Ticket dafür, die Tafel zu betreten und sich dort günstige Waren zu kaufen, die man sich sonst nicht leisten kann. Ein Brötchen kostet 6 Cent, eine Dose Energy-Drink 4 Cent.

Die Mitarbeiterin fordert die Wartenden vehement dazu

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