Rems-Murr-Kreis

Astrazeneca-Impfung im Rems-Murr-Kreis: Wo gibt's den Piks?

Dr. Issa Garfami
Der Impfstoff Astrazeneca: Im Kreisimpfzentrum gibt’s davon viel zu wenig, während der Stoff in manchen Arztpraxen liegen bleibt. © ALEXANDRA PALMIZI

Sie impfen mit Astrazeneca in einem Edeka-Markt, in einer Gemeindehalle oder in Sonderschichten am Wochenende in der Praxis: Ein paar Ärzt/-innen piksen, was das Zeug hält. Aktionen wie jüngst in Pforzheim oder diese Woche in Pfedelbach im Hohenlohekreis locken Impfwillige aus weitem Umkreis an. Womöglich machen die Beispiele Schule, und auch im Rems-Murr-Kreis impfen bald Ärzte in großem Stil in Hallen - wer weiß.

Fakt ist: Astrazeneca-Impfdosen bleiben in Praxen liegen. Menschen fürchten Nebenwirkungen; im Zusammenhang mit Astrazeneca-Impfungen war es in seltenen Fällen zu Hirnvenenthrombosen gekommen. Letztlich muss jede(r) selbst nach ärztlicher Aufklärung entscheiden, ob Astrazeneca infrage kommt oder nicht: Erwachsene dürfen den Impfstoff unabhängig vom Alter erhalten. Die Regelung, wonach nur bestimmte Gruppen impfberechtigt sind, entfällt für alle, die sich für Astrazeneca entscheiden.

Die Hausärztin Dr. Susanne Bublitz geht jetzt einen unkonventionellen Weg: Sie verimpft diese Woche in einer Halle in Pfedelbach im Hohenlohischen Astrazeneca auch an Personen, die nicht Patienten in ihrer Praxis sind. Die Termine sind schon vergeben; neue dürften folgen.

160 Menschen pro Stunde geimpft

Eine ähnliche Aktion hatte vor wenigen Tagen zu langen Schlangen vor einem Edeka-Markt in einem Pforzheimer Stadtteil geführt: 160 Menschen pro Stunde wurden mit Astrazeneca-Impfdosen versorgt, die in Pforzheimer Praxen liegen geblieben waren. Binnen kurzem ausgebucht waren auch sämtliche Impftermine, die das Ärztepaar Dres. Jens und Daniela Steinat am Wochenende in Oppenweiler angeboten hatte. Steinats impften über 60-Jährige mit übrigen Astrazeneca-Dosen.

Sonder-Impfaktionen wie in Pforzheim oder Pfedelbach „sind bisher die Ausnahme“, bestätigt Kai Sonntag, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. Astrazeneca sei „hochwirksam. Daher sollte versucht werden, dass der Impfstoff auch so schnell wie möglich verimpft wird“, so der Sprecher.

Unterdessen handhaben die Arztpraxen die Dinge komplett unterschiedlich. Jede Praxis entscheidet eigenverantwortlich, wie viel und welchen Impfstoff sie jede Woche dienstags bestellt. Wer welchen Impfstoff in welcher Menge tatsächlich geliefert bekommt, weiß kein Mensch im Voraus: Impfstoffe stehen nach wie vor nur sehr begrenzt zur Verfügung. Und die Praxen sammeln nach und nach Erfahrungen damit, ob sie letztlich auf Astrazeneca sitzenbleiben – oder der Impfstoff jetzt doch viel mehr Abnehmer findet, da man keine extra Impfberechtigung mehr dafür braucht.

Zentrales Register: Fehlanzeige

Dass Sonder-Impfaktionen wie in Oppenweiler oder Pfedelbach binnen kürzester Zeit ausgebucht sind, lässt den Schluss zu: Trotz der Vorbehalte gegen Astrazeneca wollen sehr viele Impfwillige lieber diesen Impfstoff haben als keinen. Also gilt’s, unbürokratisch und schnell Angebot und Nachfrage zusammenzubringen. Ein zentrales Register würde helfen – es gibt aber keins, und es wäre, so Kai Sonntag, „aufgrund der Dynamik des Impfgeschehens wenig sinnvoll“. Fazit: Impfwillige müssen sich durchbeißen, bei Haus- oder Fachärzten nachfragen und schnell sein, sofern weitere Sonder-Impfaktionen angeboten werden sollten.

Geduld ist vonnöten, wie ein Impfwilliger aus dem Ostalbkreis dieser Zeitung berichtete. Er hatte in seiner Hausarztpraxis nachgefragt, ob er eine Impfung nicht einfach im Zuge des ohnehin schon vereinbarten Check-up-Termins Ende Juni erhalten könne? Die Antwort der Mitarbeiterin: „Das weiß ich nicht. Dazu kann ich gar nichts sagen. Wir wissen noch gar nicht, wie das läuft. Wir denken da nur von Woche zu Woche.“

Nächster Versuch in einem HNO-Zentrum, das laut Homepage in seinen Praxen in Backnang, Winnenden und Fellbach Impfungen anbietet: telefonisch zunächst kein Durchkommen in Winnenden. In Fellbach heißt es, „im Moment haben wir leider keine freien Kapazitäten“. Erneuter Anruf in der Winnender Praxis: „Sie können sich Anfang Juni noch mal melden. Im Moment sind wir leider überfüllt.“

„Dazu kann ich gar nichts sagen“

Nicht aufgeben. Noch ein Anruf in einer Remstäler Hausarztpraxis: „Wir können Sie auf die Warteliste setzen.“

„Und wie ist es mit Astrazeneca?“

„Ach so. Sie würden auch Astrazeneca nehmen? Dann nächste Woche.“

„Den Ärzten steht es frei, inwieweit sie auch Patienten impfen, die bisher nicht in ihrer Praxis gewesen sind“, so Kai Sonntag, und auch der zeitliche Abstand zwischen den beiden Impfungen mit Astrazeneca kann jetzt flexibel zwischen vier und zwölf Wochen liegen. Laut Ständiger Impfkommission erreicht man allerdings bei längerem Abstand einen höheren Schutz.

Jede Impfung kann Nebenwirkungen mit sich bringen – selten auch schwere. Im Aufklärungsmerkblatt heißt es zu Astrazeneca: Bei weniger als 0,01 Prozent der geimpften Personen im Alter von unter 60 Jahren traten die gefürchteten Blutgerinnsel (Thrombosen) mit gleichzeitiger Verringerung der Blutplättchenzahl (Thrombozytopenie) auf.

Schwere Nebenwirkungen auch nach Biontech-Impfung möglich

Im neuesten Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts sind Thrombosen mit Thrombozytopenie-Syndrom, kurz TTS, als „sehr seltene Nebenwirkung“ nach einer Astrazeneca-Impfung beschrieben: „Die Melderate in Deutschland für TTS variierte je nach Altersgruppe und Geschlecht zwischen 0,2 bis 2,2 auf 100 000 Impfdosen (Auswertung Meldungen und Impfquoten bis 11. April 2021).“

Die meisten bisher berichteten TTS-Fälle traten laut Sicherheitsbericht innerhalb von drei Wochen nach Impfung auf. Nach bisherigen internationalen Daten sind am häufigsten Frauen unter 60 Jahren betroffen.

Geimpfte sollen laut Paul-Ehrlich-Institut eine Arztpraxis aufsuchen, sofern sie wenige Tage nach der Impfung Symptome wie Kurzatmigkeit, Brustschmerzen, Beinschwellungen, Schmerzen im Bein oder anhaltende Bauchschmerzen, Übelkeit oder Erbrechen entwickeln. Dasselbe gilt bei starken oder anhaltenden Kopfschmerzen, verschwommenem Sehen, Krampfanfällen oder Blutergüssen außerhalb der Injektionsstelle.

Über mögliche Nebenwirkungen nach einer Impfung mit dem Impfstoff von Biontech wird sehr viel weniger öffentlich diskutiert – was nicht heißt, dass es keine gibt. Aktuell beträgt die Melderate für Verdachtsfälle von schwerwiegenden Impffolgen beim Biontech-Impfstoff Comirnaty 0,1 pro 1000 Impfungen (Astrazeneca: 0,4).

Sie impfen mit Astrazeneca in einem Edeka-Markt, in einer Gemeindehalle oder in Sonderschichten am Wochenende in der Praxis: Ein paar Ärzt/-innen piksen, was das Zeug hält. Aktionen wie jüngst in Pforzheim oder diese Woche in Pfedelbach im Hohenlohekreis locken Impfwillige aus weitem Umkreis an. Womöglich machen die Beispiele Schule, und auch im Rems-Murr-Kreis impfen bald Ärzte in großem Stil in Hallen - wer weiß.

Fakt ist: Astrazeneca-Impfdosen bleiben in Praxen liegen. Menschen

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