Rems-Murr-Kreis

Astrazeneca-Schock: Impfzentrum Waiblingen bleibt auf Tausenden Impfdosen sitzen

Feature Symbolbild   Impfstoff Astrazeneca   spritze  impfen Impfdose
Astrazeneca im Angebot – wer will? In der Waiblinger Rundsporthalle sind noch jede Menge Termine frei. © Benjamin Büttner

Ein Desaster: Das Kreisimpfzentrum in Waiblingen hat, Stand 28. Juni, Tausende von Impfdosen verfügbar; aber kaum jemand kommt, um sich piksen zu lassen. Schlittern wir direkt aus der Impfstoffknappheit – zu wenig Serum für all die Interessierten – in die Impfmüdigkeit – zu viel Serum für die paar Interessierten?

4000 Extra-Dosen Astrazeneca hat das Kreisimpfzentrum in der Waiblinger Rundsporthalle dieser Tage erhalten und will sie nun unters Volk bringen. Die Nachfrage aber ist schockierend gering. Weil die Terminvergabe über das zentrale Buchungsportal des Landes elend schleppend anlief, entschied sich KIZ-Leiter Gerd Holzwarth in Abstimmung mit der Kreisverwaltung für eine pfiffige und unbürokratische Lösung: Wer mag, kann sich einen Termin äußerst einfach buchen via www.rems-murr-kreis.de. Bequemer geht es kaum: einfach minutengenau die Wunschuhrzeit anklicken, Name und Adresse eingeben – schwupps, das war es im Prinzip schon. Frei verfügbar für alle ab 18 Jahren.

Impfung: Von einem Extrem ins andere

Nach all den frustrierenden Monaten, in denen die Menschen „jammerten und klagten“, weil sie nicht an Termine kamen, „sind jetzt“, schwärmt Holzwarth, „die Türen offen!“ Nur geht kaum jemand durch.

Stellen wir uns vor, jemand wäre am Montag, 28. Juni, um 14.39 kurzfristig auf die Idee gekommen: Ach, ich könnte mich ja jetzt so langsam mal um einen Impftermin kümmern ... Dieser Mensch hätte spontan um 14.40 Uhr einen Astrazeneca-Termin in der Rundsporthalle bekommen können. Oder um 14.41 Uhr. Oder um 14.42 Uhr. Oder um 14.43 ...

Von den 360 für Montag eingeplanten Astra-Impfterminen im KIZ waren bis um etwa 15 Uhr nur 67 gebucht worden. Immerhin, der Astrazeneca-Impfstoff geht nicht kaputt. „Der bleibt im Kühlschrank, er ist relativ lang haltbar.“

Fürs Wochenende gibt es noch Unmengen freier Termine

Noch übler sieht es am Wochenende aus: 810 Astrazeneca-Termine sollen am Samstag, 3. Juli, von 8.30 bis 17.30 Uhr im Kreisimpfzentrum abgewickelt werden – 790 waren am Montagnachmittag noch frei. Und am Sonntag, 4. Juli: von weiteren 810 Terminen drei vergeben. 23 von 1620 Wochenend-Dosen sind bislang reserviert.

Unmengen von freien Terminen gibt es auch noch für kommende Woche von Montag bis Donnerstag, 5. bis 8. Juli. „Gefühlt ist es so“, erzählt KIZ-Leiter Gerd Holzwarth: „Gestern sagten die Leute, ich kriege nichts, heute haben wir Termine und keiner kommt – innerhalb von acht bis zehn Tagen ist das komplett umgeschlagen.“

Woran liegt das? Haben die jüngeren Leute noch gar nicht recht mitgekriegt, dass sie sich jetzt auch impfen lassen können? Oder ist Astrazeneca zu unbeliebt? Dabei ist gegen den Impfstoff wenig einzuwenden. Nach derzeitigem Erkenntnisstand hat er eine ansteckungsverhindernde Wirksamkeit von 80 Prozent, wenn man beide Impfungen absolviert. Ein schwerer Verlauf ist dann sogar zu 95 Prozent ausgeschlossen.

Astrazeneca, Biontech, Johnson & Johnson: Überall sinkt die Nachfrage

„Astra hat einfach ein schlechtes Image“, sinniert Holzwarth. Dass zwischen erster und zweiter Impfung zwölf Wochen liegen, mag auch viele abschrecken. Wobei: So schlecht ist das doch gar nicht; wer sich jetzt die erste Dosis setzen lässt, kann nach den großen Ferien zum zweiten Piks pilgern. An Astra allein kann es nicht liegen, glaubt Holzwarth. Denn: Auch auf Biontech gebe es momentan keinen Run mehr; und selbst bei Johnson & Johnson – besonders bequem, weil eine einzige Impfung ausreicht – „lässt die Nachfrage nach“.

Geschieht jetzt schlicht das, was viele Experten schon im Januar prophezeit hatten? Im Lauf des Sommers, hatten sie gewarnt, werde die Impfwilligkeit schwinden; wenn die fulminant Entschlossenen und die Alten erst mal versorgt seien, könne die Kampagne ins Stocken geraten. Vor ein paar Monaten nahm kaum jemand solche Kassandra-Rufe ernst, die Sorge klang bizarr unbegründet. Impfstoffknappheit war monatelang das jeden Fortschritt gewitterschwarz überwölkende Grundproblem.

Nun aber zeigt sich: Der Wind hat sich brutal gedreht. „Impfmüde? Zehntausende Terminabsagen in den NRW-Impfzentren“: So berichtete der WDR am Wochenende. Der Sender RBB titelte: „Impfmüdigkeit macht sich in Brandenburg breit.“ Ein und dasselbe Problem, quer durch die Republik.

Corona: So gerät die Herden-Immunität in Gefahr

Die Entwicklung ist fatal. Denn Stand 27. Juni sind erst 35,4 Prozent der Menschen in Deutschland vollständig geimpft – von Herden-Immunität, die uns stabil schützen würde gegen eine vierte Welle im Herbst mit der Delta-Variante, kann frühestens bei 70 oder 80 Prozent die Rede sein. Dies ist, man muss es so klar sagen, ein Wettlauf gegen die Zeit.

Vielleicht, sagt Gerd Holzwarth, gilt es nun, neue Wege zu gehen: regelmäßig mit mobilen Impfteams an Berufsschulen gehen? Sportvereine besuchen? Die Leute aufsuchen, anstatt zu warten, dass sie kommen?

Zunächst aber gilt: Wer sich impfen lassen will, muss einfach nur nach www.rems-murr-kreis.de surfen und dort einen Termin klarmachen für kommenden Samstag, Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag. Appell an alle ab 18 Jahren: zugreifen, jetzt!

Ein Desaster: Das Kreisimpfzentrum in Waiblingen hat, Stand 28. Juni, Tausende von Impfdosen verfügbar; aber kaum jemand kommt, um sich piksen zu lassen. Schlittern wir direkt aus der Impfstoffknappheit – zu wenig Serum für all die Interessierten – in die Impfmüdigkeit – zu viel Serum für die paar Interessierten?

4000 Extra-Dosen Astrazeneca hat das Kreisimpfzentrum in der Waiblinger Rundsporthalle dieser Tage erhalten und will sie nun unters Volk bringen. Die Nachfrage aber ist

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper