Rems-Murr-Kreis

Astrazeneca: Warum sich Geimpfte keine Sorgen machen müssen und die zentrale Terminvergabe gerade komplett pausiert

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Bekanntmachung an der Eingangstür des Kreisimpfzentrums in der Rundsporthalle Waiblingen. © Benjamin Büttner

„Ich halte die Aussetzung der Astrazeneca-Impfungen in der momentanen Situation für falsch“, sagte der Kreis-Pandemiebeauftragte und in Oppenweiler praktizierende Arzt Dr. Jens A. Steinat. „Wir steuern in eine dritte Corona-Welle und verpassen jetzt, durch die Impfungen Menschen zu schützen und im besten Fall die dritte Welle abzumildern.“

Statistisch gesehen entspreche das Auftreten von thromboembolischen Ereignissen in der geimpften Gruppe im Moment noch der in der Normalbevölkerung, sagte Steinat. „Bei den bis jetzt in Deutschland beschriebene sieben Fällen von Sinusvenenthrombosen bei 1,6 Millionen Geimpften ist ungefähr das statistisch zu Erwartende zu beobachten. Natürlich ist es richtig, den Fällen nachzugehen, ob ein kompletter Impfstopp richtig ist, bleibt zweifelhaft.“ Pragmatisches Handeln in der Pandemie sei leider weiterhin nicht erkennbar.

Es bleibe zu hoffen, dass zukünftig das Vertrauen in die Impfstoffe bleibt und wächst: „Es ist unser einziger Ausweg aus der Pandemie“, sagte Dr. Steinat.

„Sinusvenenthrombosen treten etwa einmal pro 100 000 Einwohner und Jahr auf, das heißt, die jährliche Inzidenz liegt bei rund 1 auf 100 000“, erläuterte Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie der DPA. Neben wohl vor allem hormonell bedingten Fällen – etwa bei Einnahme der Antibabypille – gebe es auch septische Sinusvenenthrombosen im Zusammenhang mit bakteriellen oder viralen Infektionen.

Für Thrombosen generell hatten auch Analysen der Europäischen Arzneimittelagentur EMA bis unlängst eigentlich ergeben, dass es keine auffällige Häufung im zeitlichen Zusammenhang mit Corona-Impfungen gebe.

Die Bundesregierung war am Montag dennoch einer Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI, Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel) gefolgt, alle Impfungen mit Astrazeneca vorerst auszusetzen. Der Grund laut PEI: Inzwischen (Stand Montag) seien in Deutschland sieben Fälle einer „sehr seltenen Hirnvenen-Thrombose (Sinusvenenthrombose) in Verbindung mit einem Mangel an Blutplättchen (Thrombozytopenie) und Blutungen in zeitlicher Nähe mit einer Astrazeneca-Impfung“ aufgetreten. Drei der sieben Fälle seien tödlich verlaufen.

Die sieben Fälle betrafen laut PEI Menschen zwischen etwa 20 und 50 Jahren. Sechs davon hätten eine Sinusvenenthrombose gehabt, sämtlich Frauen in jüngerem bis mittlerem Alter. Ein weiterer Fall mit Hirnblutungen bei Mangel an Blutplättchen bei einem Mann sei medizinisch sehr vergleichbar gewesen. Alle Fälle traten zwischen vier und 16 Tagen nach der Impfung auf. Ob tatsächlich ein ursächlicher Zusammenhang bestehe, werde aktuell untersucht, so das PEI. Die Daten müssen von der Europäischen Arzneimittelagentur EMA analysiert und bewertet werden.

Was schon mit Astrazenca Geimpfte wissen sollten

„Alle, die mit Astrazeneca geimpft wurden, müssen sich keine Sorgen machen. Vorsorglich muss man sich nicht untersuchen lassen“, sagt Dr. Steinat. „Eine Sinusvenenthrombose macht gewöhnlicherweise deutliche Symptome wie Sehstörungen, starke Kopfschmerzen, Bewusstseinseinschränkungen bis hin zu Lähmungen.“

Eine vorsorgliche Untersuchung sei zudem nicht möglich, da die Diagnose in der Regel radiologisch gestellt werde. „Wer sich länger als vier Tage nach der Impfung krank fühlt oder Symptome wie zum Beispiel auch kleine Hauteinblutungen zeigt, sollte sich an seine Hausärztin oder seinen Hausarzt wenden.“

Welche Nebenwirkungen können Impfungen haben? Warum aber ist eine Immunantwort wichtig?

„Ich kann bestätigen, dass es bei vielen mit dem Astrazeneca-Impfstoff geimpften Personen zu einer deutlichen Immunreaktion kommt“, sagt Dr. Steinat. „Dies ist jedoch als positives Zeichen zu werten und ist Zeichen der Wirksamkeit des Impfstoffes und tritt bei anderen Impfstoffen der anderen Hersteller ebenso in verschiedenen Ausprägungen auf.“

Die Impfung solle ja eine Immunreaktion auslösen, damit Antikörper und Gedächtniszellen gebildet werden können, so Steinat. Vorübergehende Symptome wie Kopf- und Gliederschmerzen, Abgeschlagenheit, leichtes Fieber würden durch die Aktivierung des Immunsystems ausgelöst und seien positive Signale bezüglich des Erreichens eines Impfschutzes, sagt Steinat.

Nebenwirkungen können nach Impfungen jedweder Vakzine, also auch zum Beispiel auch bei Biontech oder Moderna auftreten, erläutert Prof. Dr. Mark Dominik Alscher, der medizinische Geschäftsführer des Robert-Bosch-Krankenhauses in Stuttgart. „Eine starke Immunantwort ist gut, das zeigt, dass der Impfstoff wirkt.“ Lebensgefährliche allergische Reaktionen seien bei allen Impfungen äußerst selten: „Ein, zweimal pro einer Million.“

Das PEI stellte in seinem Sicherheitsbericht „Verdachtsfälle von Nebenwirkungen und Impfkomplikationen nach Impfung zum Schutz vor Covid-19 seit Beginn der Impfkampagne am 27.12.2020 bis zum 26.02.2021“ fest: Die Melderate von Verdachtsfällen von Nebenwirkungen aus Deutschland seien beim Astrazenca-Impfstoff höher als beim Biontech-Impfstoff. Die Rate lag bei 7,6 auf 1000 Astrazeneca-Impfungen und bei 1,6 bis 2,9 auf 1000 Biontech- und Moderna-Impfungen.

Bei den Nebenwirkungen habe es sich jedoch „insbesondere um nicht schwerwiegende Reaktionen wie Fieber, Schüttelfrost und grippeähnliche Beschwerden“ gehandelt. Aus der vergleichsweise höheren Melderate bei Astrazeneca „für nicht schwerwiegende Reaktionen“ könne jedoch nicht „zwangsläufig auf eine höhere Reaktogenität des Impfstoffes geschlossen werden, da die erhöhte Melderate auch mit der erhöhten medialen Aufmerksamkeit für den Impfstoff (...) zusammenhängen könnte“, so das PEI. In Großbritannien zum Beispiel habe sich kein großer Unterschied der Nebenwirkung-Melderaten zwischen Biontech und Astrazeneca gezeigt.

Welche Auswirkungen hat die Aussetzung der Astrazeneca-Impfungen im Rems-Murr-Kreis?

Bis zum Abschluss der Bewertung durch die Europäische Arzneimittelagentur EMA wurden auch in Baden-Württemberg alle Astrazeneca-Impftermine bis einschließlich kommenden Montag, 22. März, abgesagt.

„Kommen Sie bitte diese Woche nicht ins Kreisimpfzentrum (KIZ) in der Rundsporthalle in Waiblingen. Ihr Astrazeneca-Impftermin kann nicht stattfinden“, sagte Martina Keck, Sprecherin des Landratsamtes im Rems-Murr-Kreis. Das KIZ-Team habe bereits alle 1600 Astrazeneca-Termine für diese Woche per Mail oder Telefon abgesagt. „Das dauerte bis in den späten Montagabend hinein“, so Keck. „Wir hatten das Glück, dass auf diesen und kommenden Montag planmäßig keine Astrazenca-Impftermine gelegt waren, und es vorerst nur die Termine Dienstag bis einschließlich Freitag betraf und betrifft.“

Womöglich am Donnerstag (17.3.) werde entschieden, wie es mit den Astrazeneca-Terminen ab der kommenden Woche weiter geht. „Wir müssen erst die Beschlüsse der Europäischen Arzneimittelbehörde sowie der Bundes- und Landesregierung dazu abwarten“, so Keck. Landratsamt und Gesundheitsamt bitten deshalb, von Nachfragen abzusehen, weil die Angelegenheit nicht in ihrer Entscheidungsmacht liege.

Wichtig: Biontech-Impfungen finden weiterhin statt, und zwar am Wochenende im Kreisimpfzentrum in der Waiblinger Rundsporthalle, im Impftruck und in der Pilotprojekt-Arztpraxis von Dr. Steinat in Oppenweiler. Die Abarbeitung der Impftermin-Wartelisten für Menschen über 80 Jahren laufe ebenso weiter: Hier gab es am Montag (15.3.) Biontech-Sonderimpftermine im KIZ, weitere finden am 22. März statt, diese sind jedoch alle längst „vergeben“.

Wenn mein Impftermin nun gestrichen wurde, was muss ich tun?

„Menschen, deren Ersttermin jetzt abgesagt wurde, werden gebeten, die Informationen zum Zweittermin vorerst aufzubewahren. Bislang haben in Baden-Württemberg noch keine Zweitimpfungen mit Astrazeneca stattgefunden“, teilte das Sozialministerium mit. Auch im Rems-Murr-Kreis musste bislang noch kein Zweitimpftermin abgesagt werden, bestätigte Martina Keck. Die Zulassung des Impfstoffes in Deutschland datiert auf Ende Januar, und Astrazeneca-Impfungen liefen im Rems-Murr-Kreis erst Mitte Februar an. Die Zweitimpfung sollte neun bis zwölf Wochen nach der Erstimpfung erfolgen. Astrazeneca-Zweitimpfungen gibt es also frühestens im April.

Es ist zum Aus-der-Haut-Fahren: Müssen diejenigen, deren Astrazenca-Erstimpf-Termine nun gestrichen wurde,  erneut Impflotterie unter 116117 und www.impfterminservice.de spielen? Nein, weil:

„Wir werden die stark verminderten Impfstoffmengen jetzt dazu nutzen, die besonders vulnerablen Menschen aus der ersten Priorität vorrangig zu impfen“, so das Sozialministerium. „Deshalb hat die Abarbeitung der Warteliste mit Menschen über 80 und über 65 aus Berufsgruppen aus der ersten Priorität jetzt absoluten Vorrang.“

Für die Abarbeitung der Warteliste werde das Terminbuchungssystem zunächst bis einschließlich Montag, 22. März, geschlossen. „Für diese Zeit können weder telefonisch noch online Termine in den Impfzentren gebucht werden. Die Menschen auf der Warteliste werden direkt durch das Callcenter informiert, wenn ein Termin für sie verfügbar ist. Von Nachfragen bitten wir abzusehen“, so das Ministerium. „Die Impfzentren werden von uns gebeten, alle über 80-Jährigen, die von den Terminabsagen betroffen sind, entweder auf einen anderen Impfstoff umzubuchen, oder sie alternativ auf eine eigens zu führende Warteliste zu setzen. Die Termine für alle anderen müssen leider ersatzlos verfallen.“

Martina Keck vom Landratsamt dazu: „Bei uns im Rems-Murr-Kreis wird Biontech nach wie vor ausschließlich Ü-80-Jährigen geimpft. Daher können wir keine Termine umbuchen.“ Der Mangel an Biontech-Impfstoff sei so groß, dass er im Kreis weiter den Ü-80-Jährigen vorbehalten bleibe.

Aber: Die Namen und Daten der Impfwilligen, deren Astrazeneca-Termine abgesagt wurden, seien natürlich bekannt: „Wir versuchen da eine Lösung zu finden, mit eventuellen Ersatzterminen. Aber: Es wird auf die Rahmenbedingungen, die vom Land und vom Bund vorgegeben werden, ankommen, darauf, wie lange die Astrazeneca-Impfungen ausgesetzt werden, und auf die Impfstoffliefermengen. Versprechen können wir derzeit nichts.“

„Ich halte die Aussetzung der Astrazeneca-Impfungen in der momentanen Situation für falsch“, sagte der Kreis-Pandemiebeauftragte und in Oppenweiler praktizierende Arzt Dr. Jens A. Steinat. „Wir steuern in eine dritte Corona-Welle und verpassen jetzt, durch die Impfungen Menschen zu schützen und im besten Fall die dritte Welle abzumildern.“

Statistisch gesehen entspreche das Auftreten von thromboembolischen Ereignissen in der geimpften Gruppe im Moment noch der in der

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