Rems-Murr-Kreis

Atomkraft: Wohin mit dem radioaktiven Müll? Erst Gorleben, dann Rems-Murr-Kreis?

Asse Atommüll
So nicht! Ein Radlader kippt im Jahr 1975 Fässer mit radioaktivem Abfall in einer Einlagerungskammer der Schachtanlage Asse II ab. Seriöser ablaufen soll nun die Suche nach einem Endlager für hochradioaktiven Müll. Im Visier ist auch der Rems-Murr-Kreis. © BGE

Welzheim? Großerlach? Oder vielleicht Korb? Wer sich von der Online-Veranstaltung der Bundesgesellschaft für Endlagerung auch nur vageste Hinweise erhofft hat, wo der deutsche hochradioaktive Müll eines Tages vergraben wird, der wurde am Donnerstagabend bitter enttäuscht. Die Suche nach einem perfekten Platz für den atomaren Abfall steht erst am Anfang. Nur eins steht fest: Der Rems-Murr-Kreis gehört noch zu den Untersuchungsräumen, nachdem inzwischen gut die Hälfte Deutschlands durchs geologische Raster gefallen ist. Ob und wie gut sich der Granit unter der Oberfläche an Rems und Murr aber tatsächlich als Endlager eignet, wird in den nächsten Jahren Schritt für Schritt untersucht.

Gorleben war ein Polit-Flop, Asse war auch ungeeignet

Eins vorweg: Die Veranstaltung der Bundesgesellschaft für Endlagerung war für Geologen ein gefundenes Fressen, für den Laien aber nicht vergnügungssteuerpflichtig, obwohl sich die BGE viel Mühe gegeben hat. Mit ihrer Informationsoffensive will sie die Fehler der Vergangenheit vermeiden. Das Misstrauen in der Bevölkerung ist groß, inwieweit Endlagerstätten bevorzugt in Gegenden gesucht werden, wo geringer Widerstand zu erwarten ist.

So wurde einst das Atommülllager Gorleben, in Niedersachsen unweit der Grenze zur DDR im Niemandsland, nur aus politischen Gründen gewählt. Es stellte sich hernach jedoch als völlig ungeeignet heraus.

Auch das Salzbergwerk Asse in Niedersachsen taugte nicht dafür, den Atommüll für viele Generationen sicher zu vergraben.

Aber von vorne – worum geht’s?

Die Müllbehälter türmen sich auf den AKW-Arealen

Vor mehr als einem halben Jahrhundert, genau im Jahr 1961, ging in der Bundesrepublik das erste Atomkraftwerk ans Netz. Die Entsorgung des atomaren Mülls aus den 19 AKWs wurde jedoch auf die lange Bank geschoben. Seither türmen sich die Castorbehälter auf den Geländen der Atomkraftwerke.

Ende 2022 soll nun das letzte Kernkraftwerk abgeschaltet werden. Höchste Zeit, sich endlich um den Müll zu kümmern. Seit 2017, nach Inkrafttreten des Standortauswahlgesetzes, kümmert sich die BGE um die Suche nach einer Endlagerstätte. Finanziert wird diese Suche zum einen aus Steuergeldern und zum anderen aus den milliardenschweren Rücklagen der AKW-Betreiber für die Entsorgung des Atommülls.

Der Zeithorizont für die Endlagerung des hochradioaktiven Mülls ist unermesslich groß. Wenn 2031 der ideale Standort für ein Endlager gefunden und das Endlager 2050 eröffnet wird, soll es 40 Jahre in Betrieb sein - und den Atommüll in rund 1900 Castorbehältern im Anschluss für eine Million Jahre sicher verwahren, beschrieb BGE-Geschäftsführer Steffen Kanitz die Mammutaufgabe, ein „Fort Knox“ für den deutschen Atommüll zu schaffen.

Sichere Verwahrung für eine Million Jahre – das regt zum Rechnen an

Zum Vergleich: Der moderne Mensch selbst hat überhaupt noch keine Million Jahre auf dem Buckel. Der Homo sapiens – die ältesten Schädelknochenfunde aus Marokko sind gut 300.000 Jahre alt – machte sich erst vor 50.000 Jahren endgültig in Europa breit und wurde vor lächerlichen 10.000 Jahren sesshaft.

Zu unserem Glück haben unsere Vorfahren, die Neandertaler, keine Atomkraftwerke betrieben und den Müll vermeintlich sicher in Höhlen verbuddelt. Für den modernen Menschen wäre die radioaktive Strahlung eine böse Überraschung gewesen ...

Bei der Online-Informationsveranstaltung erklärte die BGE, wie die Suche nach dem idealen Standort vonstattengehen soll. Infrage für eine Endlagerung kommen Ton, Salz und „kristallines Wirtsgestein“, also Granit. Zunächst sollen in vier Teilgebieten „neuartige repräsentative vorläufige Sicherheitsuntersuchungen“ vorgenommen werden, um neue Methoden zur Standortwahl zu entwickeln und zu erproben.

„Eines dieser vier Teilgebiete zur Methodenentwicklung ist das Teilgebiet 009 00 Kristalin (Saxothuringikum), welches auch Flächen des Rems-Murr-Kreises beinhaltet“, hieß es in einer Vorlage für den Umwelt- und Verkehrsausschuss des Kreistages. Das Teilgebiet 009 00 zieht sich allerdings von Baden-Württemberg bis nach Sachsen. „Dies bedeutet nicht, dass dieses Teilgebiet für ein Endlager besonders geeignet ist“, beschwichtigte das Landratsamt vorsorglich. „Auch eine Vorfestlegung auf eine Standortregion ist damit nicht verbunden.“

„Regionale Betroffenheit“? „Nationale Verantwortung“!

Die weitere Suche erfolge „in einem wissenschaftsbasierten und transparenten Verfahren“ in drei Phasen.

  • Phase I: Ausschluss ungeeigneter Gebiete durch Auswertung vorhandener Geodaten und Ermittlung prinzipiell geeigneter Teilgebiete. Aus den Teilgebieten werden nach öffentlicher Diskussion und Auswertung weiterer Daten Standortregionen festgelegt, die für die Endlagerung günstig erscheinen.
  • Phase II: Oberirdische Erkundung der Standortregionen. Festlegung der Standorte, die untertägig untersucht werden sollen.
  • Phase III: Erkundung unter Tage an mindestens zwei Standorten. Festlegung des bestmöglichen Endlagerstandortes.

Im Rems-Murr-Kreis befinden sich zwei Teilgebiete, die sich wegen des „kristallinen Wirtsgesteins“ zumindest theoretisch als Endlager anbieten. Ganz optimal sind sie offenbar nicht. Bei einem der elf Kriterien, nämlich dem Kriterium 11,  „Bewertung des Schutzes des einschlusswirksamen Gebirgsbereichs durch das Deckgebirge“, wird das Teilgebiet nur mit „bedingt günstig“ bewertet. Sollte es gleichwohl in die engere Wahl kommen, folgen oberirdische Erkundungen, also Bohrungen oder seismische Untersuchungen.

In seinem Schlusswort appellierte BGE-Chef Stefan Studt an die gesamtgesellschaftliche Verantwortung bei der Endlagersuche. Bei der Entscheidung für oder gegen einen Standort dürfe nicht „regionale Betroffenheit“ eine Rolle spielen, sondern „nationale Verantwortung“.

Welzheim? Großerlach? Oder vielleicht Korb? Wer sich von der Online-Veranstaltung der Bundesgesellschaft für Endlagerung auch nur vageste Hinweise erhofft hat, wo der deutsche hochradioaktive Müll eines Tages vergraben wird, der wurde am Donnerstagabend bitter enttäuscht. Die Suche nach einem perfekten Platz für den atomaren Abfall steht erst am Anfang. Nur eins steht fest: Der Rems-Murr-Kreis gehört noch zu den Untersuchungsräumen, nachdem inzwischen gut die Hälfte Deutschlands durchs

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