Rems-Murr-Kreis

Atommüll in den Rems-Murr-Kreis? Der Quatsch mit der Kernkraft - eine Abrechnung

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Atomkraft ist ein Auslaufmodell, und das ist gut so. Auf dem Foto: Das AKW Philippsburg, mittlerweile stillgelegt. © EnBW

Atomkraft, ja bitte? Diese Idee, die seit einiger Zeit wieder aufgärt, ist, Entschuldigung, nicht vernünftig, sondern voll verstrahlt. Wind, Sonne & Co. sind umweltfreundlich, sicher, friedlich und zukunftsfähig; Atomkraft ist nichts von alledem. Den ganzen Irrsinn dieser auf Größen- und Machbarkeitswahn gründenden, für die fatalen Folgen blinden Techno-Ideologie offenbart dieser Tage die verzweifelte Fahndung nach einer Endlagerstätte für den strahlenden Giftmüll - wie wär's mit dem Rems-Murr-Kreis?

Her mit dem Atommüll! Wo kann man sich bewerben?

Windkraft ist brutal gefährlich: Der Schlagschatten der Rotorblätter kann ausgewachsene Schweine niederstrecken! Und Sonnenenergie erst – jedes Solardach ein potenzielles Brand-Inferno. Zum Glück ist wenigstens die Kernkraft sicher. Und deshalb dürfte die Suche nach einem deutschen Atommüll-Endlager auch keinerlei Probleme bereiten. Wie wär’s mit der Buocher Höhe? Oder dem Welzheimer Wald? Müssen wir eigentlich warten, bis die Bundesgesellschaft für Endlagerung unseren Kreis als Standort aussucht? Oder dürfen wir uns proaktiv bewerben, am besten gleich jetzt?

Stopp. Das war Ironie.

Zunächst eine Entwarnung: Statistisch sehr gering ist die Gefahr, dass unter den vielen, vielen Gegenden, die derzeit geprüft werden, am Ende ausgerechnet der Rems-Murr-Kreis übrig bleiben sollte als geeignetster Standort für ein Atommüll-Endlager. Es wird, da dürfen wir hoffnungsvoll sein, schon irgendjemand anderes erwischen. Klar ist aber auch: Vollkommen egal, auf welche Region sich die Fachleute letztlich festlegen – was dann dort passieren wird, ist jetzt schon klar. Die Bürger werden auf die Barrikaden gehen. Niemand will auf einem Bergwerk voll strahlendem Giftmüll hocken.

Wobei, Moment: Das Bundesamt für Strahlenschutz sagt, den Müll müsse man etwa eine Million Jahre lang einlagern. Vor einer Million Jahren gab es noch keinen Homo sapiens (Näheres zu ihm hier), in einer Million Jahren wird es keinen mehr geben – also, was kratzen uns die paar Jahre dazwischen überhaupt?

Mist, versehentlich erneut in den Ironie-Modus verfallen.

Von Gorleben bis zur Asse: Ein Dauerdesaster

Kein einziges von all den monumentalen Problemen, die sich schon immer mit der Atomkraft verknüpfen, hat sich neuerdings urplötzlich auf zauberhafte Weise in Luft aufgelöst. Wir stehen vor dem gleichen gefährlichen Schlamassel wie seit eh und je. Die Endlagersuche ist dafür nur ein besonders aussagekräftiges Beispiel.

Der Salzstock bei Gorleben wurde als Option ausgewählt, obwohl sich die Experten streiten, ob Steinsalz überhaupt auf Dauer geologisch geeignet ist als Wirtsmaterial. Gorleben hatte nur einen großen Vorteil: Im dünn besiedelten Wendland im damaligen Zonenrandgebiet werde sich, so dachte man, schon kein nennenswerter Protest formieren ... Na, das hat nicht so gut funktioniert.

Alternative: die Asse, ein Höhenzug bei Wolfenbüttel. Von 1967 bis 1978 kippten hier Gabelstapler 126 000 Fässer radioaktiven und chemotoxischen Inhalts in den Schacht. Aus den Augen, aus dem Sinn – super, Problem gelöst! Bloß erwies sich das Giftgrab als undicht. Mittlerweile laufen täglich 12 000 Liter Wasser in die Anlage. Ein Pump-System verhindert, dass das Lager absäuft und die Fässer rumschwimmen. Felsdecken brachen ein, Hohlräume bildeten sich, es ist, kurzum, eine Riesensauerei da unten.

Der neue Plan lautet deshalb: Alles muss wieder raus. Spitzen-Idee mit zwei kleinen Schönheitsfehlern: Erstens ist das eine Milliarden-Aufgabe, die sich ein Jahrzehnt hinziehen wird. Zweitens: Aufgeräumt ist der Atommüll damit immer noch nicht.

Atomkraft: Ein Programm zur Destabilisierung der Welt

Bei Gesprächen über die Sicherheit der Atomkraft fallen oft die Ortsnamen Fukushima und Tschernobyl; und sie zu erwähnen, ist auch sicherlich angebracht. Aber da reden wir von Friedenszeiten. Im Krieg können Atomkraftwerke erst richtig zu tickenden Zeitbomben werden. Neulich haben die Russen das ukrainische AKW Saporischschja mit Raketen beschossen, auf dem Gelände brach ein Brand aus. Was kann bei so einem Angriff eigentlich passieren? Der deutsche Atompolitik-Experte Mycle Schneider antwortete auf diese Frage: „Die Anzahl möglicher Szenarien ist unbegrenzt.“

Na prima, dann sind bestimmt auch ein paar ganz tolle darunter. Sorry, das war schon wieder Ironie.

Jedes Land, das ein Atomprogramm zur friedlichen Nutzung der Kernkraft startet, baut damit automatisch auch Know-how für die Atombombe auf. Kernkraft, die globale Zukunft? Es wäre ein einmalig effizientes Programm zur Destabilisierung der Welt.

Der Mythos von der rentablen Atom-Energie

Ja, aber Ökostrom muss doch so krass subventioniert werden. Zumindest da hat Kernkraft Vorteile ... man hört derlei tatsächlich bisweilen immer noch. Die Wahrheit ist: Ohne enorme staatliche Förderung wäre Kernkraft nirgendwo möglich; unter den Bedingungen des freien Marktes war diese Technologie noch nie auch nur ansatzweise rentabel.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat mal ausgerechnet: Auf 54 Milliarden Euro beliefen sich die Subventionen für die Kernenergie in Deutschland seit den 1950er Jahren bis 2006. Dagegen hielten die Wissenschaftler, wie viel Strom die deutschen AKW in dieser Zeit produziert hatten. Heraus kam: Jedes installierte Kilowatt elektrischer Leistung wurde mit 2000 Euro bezuschusst. Das ist etwa dreimal so viel, wie in die erneuerbaren Energien floss.

Müssten sich Atomkraftbetreiber ordentlich gegen mögliche Schäden versichern, gäbe es kein einziges AKW. Die Haftungsgrenzen liegen in verschiedenen Ländern mal bei ein paar Hundert Millionen, mal bei ein paar Milliarden – lächerlich mit Blick auf einen Gau ist das eine wie das andere. Im Handbuch „Europäisches Atomrecht“ heißt es so nüchtern wie nachvollziehbar: Es sei „allen Fachleuten klar, dass im Falle eines nuklearen Unfalls“ der Staat mit Unsummen an öffentlichen Geldern einspringen muss.

Er hier hat auf all das übrigens schon vor 30 Jahren hingewiesen ...

Das Endlager und Stuttgart 21: Eine Prognose

Zurück zum leidigen Endlager: Bis 2031 will die zuständige Bundesgesellschaft endlich einen brauchbaren Standort gefunden haben, und unterm Strich werden eines Tages für die sichere Entsorgung von all dem strahlenden Müll wohl Kosten zwischen 50 und 170 Milliarden Euro aufgelaufen sein. Auch davon übrigens zahlt der Staat das meiste, denn den Kraftwerk-Konzernen hat man für diesen Zweck nur 23 Milliarden in Rechnung gestellt.

Prognose (und das ist jetzt keine Ironie): Das mit der Endlagerung wird laufen wie bei Stuttgart 21. Es wird noch viel länger dauern und noch viel mehr kosten als geplant; und ein Monument der Vernunft kommt nicht dabei heraus.

Ein Gebot der Vernunft aber ist und bleibt: Atomkraft? Nein danke!

Atomkraft, ja bitte? Diese Idee, die seit einiger Zeit wieder aufgärt, ist, Entschuldigung, nicht vernünftig, sondern voll verstrahlt. Wind, Sonne & Co. sind umweltfreundlich, sicher, friedlich und zukunftsfähig; Atomkraft ist nichts von alledem. Den ganzen Irrsinn dieser auf Größen- und Machbarkeitswahn gründenden, für die fatalen Folgen blinden Techno-Ideologie offenbart dieser Tage die verzweifelte Fahndung nach einer Endlagerstätte für den strahlenden Giftmüll - wie wär's mit dem

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