Rems-Murr-Kreis

Auch ohne Corona belegt: Intensivbetten in Winnenden, Stuttgart und Ludwigsburg

Intensivstation
Viele Patienten der Intensivstationen in Baden-Württembergs Krankenhäusern haben Herz-Kreislauf-Erkrankungen. © Adobestock/aechit

Die Anzahl der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen in Baden-Württemberg steigt derzeit nicht so dramatisch, wie mancher befürchtet hatte. Auch machen diese nur einen verhältnismäßig geringen Prozentsatz der Gesamtzahl der Patienten auf Intensivstation aus. Dennoch sind die Aufnahme-Kapazitäten der Krankenhäuser zunehmend begrenzter. Woran liegt das?

In den Rems-Murr-Kliniken werden momentan 26 Patienten behandelt, die an Covid-19 erkrankt sind. Laut Divi-Intensivregister befanden sich am Freitag (17.9.) neun Covid-Patienten auf Intensivstation der Rems-Murr-Kliniken, acht davon mussten beatmet werden. Zum Vergleich: Am Donnerstag, 9. September,  waren 25 Covid-Patienten in den Rems-Murr-Kliniken in Behandlung, neun auf Intensivstation, sieben wurden beatmet. Anfang September waren es 14 Covid-Patienten, zwei auf der ITS, einer musste beatmet werden.

In der zweiten Septemberwoche hat sich demnach die Anzahl der stationär in den Rems-Murr-Kliniken behandelten Covid-Patienten annähernd verdoppelt, in der vergangenen Woche ist sie jedoch gleich geblieben. Damit lagen die Rems-Murr-Kliniken in der zweiten Septemberwoche und in der vergangenen Woche im landesweiten Trend.

In ganz Baden-Württemberg waren laut Divi-Intensivregister

  • am Freitag, 3. September, 138 Covid-Patienten auf ITS, 62 wurden beatmet;
  • am Donnerstag, 9. September, 171 Covid-Patienten auf ITS, 83 wurden beatmet;
  • am Freitag, 17. September, 205 Covid-Patienten auf ITS, 113 wurden beatmet.

Landesweit gesehen erhöht sich die Anzahl der Covid-ITS-Patienten demnach seither im September pro Woche um rund 30. Die Anzahl der Beatmungspatienten stieg um einmal 21 und einmal 30.

Immer noch beträgt der Anteil der durch Covid-Patienten belegten Intensivbetten im landesweiten Durchschnitt aber unter zehn Prozent (am 17. September: 8,8 Prozent). Dennoch sind 2055 der derzeit 2318 Intensivbetten belegt und nur noch 263 frei. Die sonstige ITS-Belegung mit anderen Patienten (Nicht-Covid-Patienten) sei saisonal gesehen völlig normal, bestätigen die Rems-Murr-Kliniken, wo am Freitag (17.9.) der Anteil der Covid-Patienten an den ITS-Patienten rund 16 Prozent betrug. Nur noch sechs von 57 zur Verfügung stehen ITS-Betten sind derzeit frei.

Leiter des Divi-Intensivregisters: „Das Personal ist müde und wird weniger“

Die Rems-Murr-Kliniken waren in der Vergangenheit nie müde, zu betonen, dass sie ihre Intensivbetten mit Beatmungsgeräten auf 90 erhöhen könnten. Zu Zeiten hoher Corona-Belastungen beispielsweise im November 2020 versorgten die RMK 50 bis 60 Covid-19-Patienten auf einmal. Fraglich bleibt nur, ob dafür auch das Personal zur Verfügung stünde. Der Personal- und Fachkräftemangel ist nämlich gerade das Hauptproblem des Gesundheitssystems in ganz Deutschland.

Der Präsident der Gesellschaft für Internistische Intensiv- und Notfallmedizin und wissenschaftlicher Leiter des DIVI-Intensivregisters, Christian Karagiannidis, twitterte schon am 25. August: „Ein Trend aus dem Intensivregister, der zutiefst beunruhigt: Die Zahl der betreibbaren Intensivbetten mit Beatmungsmöglichkeit geht von Monat zu Monat zurück auf jetzt etwa 9000. Viele Kliniken melden uns Personalprobleme. Das Personal ist müde und wird weniger.“

Dem WDR sagte Karagianidis: 20 bis 30 Prozent der Pflegefachpersonen auf Intensivstationen wollten ihren Beruf verlassen, weil dieser zu anstrengend geworden sei. Das liege nicht allein an der Corona-Pandemie, sondern auch an strukturellen Bedingungen: Während in Deutschland eine Pflegefachperson tagsüber zwei Intensivpatientinnen und -patienten sowie nachts drei betreue, sei das Verhältnis zum Beispiel in den Niederlanden oder den skandinavischen Ländern 1:1.

In Baden-Württemberg waren laut Meldungen an das Divi-Intensivregister am Freitag 207 Intensivbetten durch Covid-Patienten belegt. Von den insgesamt nur noch 262 freien Intensivbetten, sind aktuell nur noch 138 Covid-spezifische Intensivbetten frei. Im Moment wäre theoretisch also nur Platz für maximal 345 Covid-Intensivpatienten. Die Alarmstufe wird aber erst ab dem Grenzwert 390 ausgelöst (siehe unten).

Am Freitag war leider kein Verantwortlicher der Rems-Murr-Kliniken mehr für eine Stellungnahme bezüglich der Personalsituation erreichbar. Dafür aber vom Robert-Bosch-Krankenhaus und den RKH Kliniken.

„Viel mehr Covid-Patienten dürfen es aber nicht werden“

„Wir haben jetzt seit mehreren Wochen stets zwischen 25 bis 30 Covid-19-Patienten in stationärer Behandlung, im Regelfall müssen davon sechs bis acht beatmet werden“, sagt Prof. Dr. Dominik Alscher, Vorstandsvorsitzender des Robert-Bosch-Krankenhauses in Stuttgart. Die erwartete sprunghafte Steigerung der Hospitalisierungsrate nach den Ferien, zum Beispiel auch durch Reiserückkehrer sei zwar auch im Robert-Bosch-Krankenhaus bislang ausgeblieben. „Viel mehr Covid-Patienten dürfen es aber nicht werden, unsere Intensivbetten sind nämlich im Regelfall jetzt schon zu 90 bis 95 Prozent ausgelastet“, sagt Prof. Alscher.

Das Robert-Bosch-Krankenhaus fahre eine sehr hohe Auslastung. „Die anderen Intensivpatienten, wir haben gerade 38, haben meist Herz-Kreislauferkrankung, also zum Beispiel Herzinfarkte, Schlaganfälle oder perforierte Hauptschlagadern. Oder es sind eben OP-Patienten unserer Herzchirurgie.“ Schwere Grippe-Erkrankungen, die allerdings in diesem Winter auch wieder zu erwarten seien, spielten zum Glück momentan noch keine Rolle, sagt Alscher.

Der August sei dennoch der Monat der stärksten ITS-Auslastung im Vergleich zu den vier, fünf Vorjahren gewesen, sagt Prof. Alscher. „Wir haben bereits jetzt bis zum machbaren Limit von 65 Intensivbetten aufgestockt.“ Eine weitere Aufstockung wäre material- und gerätetechnisch vielleicht möglich, „uns fehlen aber schlichtweg die Fachkräfte“, sagt Alscher.

Das bestätigt auch Dorothee Hüppauf, Referentin der Geschäftsführung der RKH-Kliniken: „Das Aufstocken der Intensivbetten wird aufgrund des größer gewordenen Personalmangels zunehmend schwieriger.“

In Ludwigsburg haben die RKH-Kliniken gerade 21 Covid-Patienten in stationärer Behandlung, fünf auf ITS, vier an Beatmungsgeräten. Mit den anderen Standorten in Bietigheim, Mühlacker, Bretten und Bruchsal sind es insgesamt 41 Covid-Patienten, davon zehn auf ITS und neun am Beatmungsgerät. 100 Intensivbetten stellen die RKH-Kliniken derzeit an allen Standorten zusammengenommen zur Verfügung. Nur zehn Prozent sind von Covid-Patienten belegt. „Die meisten Intensiv-Patienten werden in aller Regel nach neuro-, unfall-, allgemein- oder gefäßchirurgischen Eingriffen behandelt“, sagt Dorothee Hüppauf.

Ist die ITS-Belegung in den RKH-Kliniken saisonal gesehen normal? „Es lässt sich derzeit aufgrund des akuten Personalmangels auf den Intensivstationen und der damit nicht gleichwertig aufgestellten Betten, schwerlich ein Vergleich zu Vorjahren ziehen“, sagt Dorothee Hüppauf.

Sollten die schweren Covid-Fälle, die stationär behandelt werden müssen, weiter zunehmen, so könnten auch bald Patienten aus Ludwigsburg oder Stuttgart in Winnenden „landen“. Denn in Baden-Württemberg gibt es ein sogenanntes Clustersystem, das ermöglicht, Patienten von stark belasteten Kliniken in weniger belastete Kliniken zu verlegen.

Die Anzahl der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen in Baden-Württemberg steigt derzeit nicht so dramatisch, wie mancher befürchtet hatte. Auch machen diese nur einen verhältnismäßig geringen Prozentsatz der Gesamtzahl der Patienten auf Intensivstation aus. Dennoch sind die Aufnahme-Kapazitäten der Krankenhäuser zunehmend begrenzter. Woran liegt das?

In den Rems-Murr-Kliniken werden momentan 26 Patienten behandelt, die an Covid-19 erkrankt sind. Laut Divi-Intensivregister

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