Rems-Murr-Kreis

"Azubis mehr bieten": Wie Rems-Murr-Unternehmen dem Fachkräftemangel begegnen

Scholz Haare
Viele Friseurläden finden keine neuen Azubis oder entscheiden sich selbst dazu, keine neuen Azubis mehr auszubilden. © Alexandra Palmizi

„Was gegen Handwerk spricht? Meine Akademiker-Eltern.“ Auch mit diesem sehr umstrittenen Spruch wirbt die deutsche Handwerkskammer aktuell um den händeringend gesuchten Nachwuchs – frei nach dem Motto: Es gibt keine schlechte Publicity. Wie begegnen Unternehmen aus dem Rems-Murr-Kreis dem Fachkräftemangel? Und: Welche Branchen sind besonders betroffen?

Erfolg haben Plakate wie "Was gegen Handwerk spricht?" bisher jedoch offenbar wenig.  Eine Woche ist es nun her, seitdem die neuen Auszubildenden am 1. September in das Ausbildungsjahr 2022 gestartet sind. Die Bilanz der Arbeitgeber fällt für dieses Jahr ernüchternd aus:  Bundesweit sind mehr als 182.000 Lehrstellen noch unbesetzt, in der Region Stuttgart beträgt der Rückgang an neuen Auszubildenden 8,6 Prozent. Der Präsident des deutschen Handwerks, Hans Peter Wollseifer, fordert angesichts dieser Entwicklung eine „Bildungswende“ und spricht von einem „Akademisierungswahn“ – der Wunsch nach mehr Anerkennung für die berufliche Bildung sei groß.

Auch im Rems-Murr-Kreis ist der Fachkräftemangel spürbar. Mit einem Minus von 3,8 Prozent bei 632 neu besetzten Ausbildungsstellen ist der Rückgang im Vergleich zur Region Stuttgart aber noch am geringsten. „Besonders in den sogenannten Klimaberufen aus dem Bereich Bau- und Ausbaugewerbe, Elektro und Sanitär ist das Fachpersonal knapp“, berichtet Herbert Titze, der stellvertretende Handwerksmeister im Rems-Murr-Kreis. Doch auch bei Fleischern, Bäckern oder Friseuren gestaltet sich die Suche nach neuen Auszubildenden schwierig.

Unternehmen müssen Azubis mehr bieten als früher

„Ausbildungsunternehmen müssen den Interessen der Arbeitnehmer heutzutage mehr entgegenkommen“, erzählt Yvonne Rietz vom Maschinenbauunternehmen Bahmüller aus Plüderhausen. „Früher haben die Leute gelebt, um zu arbeiten, heute ist das eher andersherum.“

So müssen Unternehmen heutzutage bei den Arbeitszeiten, dem Home-Office oder der Digitalisierung flexibler sein als früher. Problematisch findet Rietz das nicht, im Gegenteil: Es sei eine notwendige Entwicklung, um international konkurrenzfähig bleiben zu können. Die Firma Bahmüller leidet bisher jedoch auch noch nicht so sehr unter dem Fachkräftemangel wie andere Unternehmen. „Das liegt daran, dass die Entlohnung in der Industrie deutlich besser ist als in anderen Branchen“, so Yvonne Rietz. Deshalb wollen viele Menschen aus dem klassischen Handwerk in die Industrie wechseln.

Zum klassischen Handwerk gehören zum Beispiel Dachdecker-Unternehmen. Ein Betrieb aus Urbach berichtet, dass es besonders für körperlich anstrengende Tätigkeiten auf dem Bau schwer sei, neue Auszubildende zu finden. „Eine mögliche Lösung dafür könnte sein, während der Schulzeit mehr Pflicht-Praktika anzubieten, damit die Schülerinnen und Schüler so früh wie möglich einen Einblick ins Handwerk bekommen“, schlägt eine Leiterin des Unternehmens vor.

Friseurinnen und Friseure

„Auch im Friseur-Handwerk gehen die Ausbildungszahlen zurück“, berichtet Anette Schwarz von der Scholz-Akademie in Weinstadt. Die Scholz-Akademie bildet Friseurinnen und Friseure aus, die dann in den 14 verschiedenen Friseursalons des Unternehmens eingesetzt werden, zehn davon befinden sich im Rems-Murr-Kreis. Die Akademie selbst hat aktuell jedoch keine Probleme damit, Nachwuchs zu finden: „Es bewerben sich jedes Jahr rund 80 bis 100 Menschen auf die 24 Plätze, die wir anbieten“, erzählt Anette Schwarz.

Das könnte auch daran liegen, dass die Firma Scholz durch den Betrieb ihrer eigenen Akademie sehr viel Wert auf die Ausbildung neuer Friseurinnen und Friseure legt. „Viele Friseurläden finden keine neuen Azubis oder entscheiden sich selbst dazu, keine neuen Azubis mehr auszubilden, weil die personellen Ressourcen für die Ausbildung fehlen“, so Anette Schwarz.

Sie betont jedoch auch die Chancen, die sich für junge Menschen mit dem Beginn einer Ausbildung im Friseurhandwerk ergeben: „Durch die kurzen Ausbildungszeiten im Vergleich zu einem Studium kann man sehr schnell den Meister dranhängen oder sich als Friseurin selbstständig machen.“

So können auch junge Menschen im Friseurhandwerk schnell selbst Führungspositionen übernehmen und dadurch auch gut verdienen. Für die Zukunft sieht Anette Schwarz ihre Branche gut gerüstet, zumindest was die Nachfrage angeht: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendwann Maschinen den Job übernehmen.“

Doch auch wenn die Nachfrage nach Dienstleistungen im Handwerk hoch bleibt, werden die Unternehmen vermutlich auch in Zukunft weiterhin Probleme haben, motivierte Auszubildende zu finden. „Dass immer weniger Menschen eine Ausbildung anfangen wollen, war lange abzusehen“, berichtet Andre Fricke, der im Rems-Murr-Kreis den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) vertritt.

Gewerkschafter: „Vergütung in der Ausbildung häufig zu gering“

Dafür gebe es verschiedene Gründe: Zum einen sei die Vergütung im klassischen Handwerk oft so gering, dass junge Menschen in den ersten Ausbildungsjahren damit kein eigenständiges Leben führen können. „Die Mindestvergütung liegt im ersten Ausbildungsjahr bei 585 Euro brutto und steigt dann über die Ausbildungsjahre an“, erzählt Fricke.

Auch die Ausbildungsbedingungen seien oft ein Grund, sich gegen das Handwerk zu entscheiden: „Wenn Auszubildende unzufrieden sind, liegt das meistens an regelmäßigen Überstunden, wenig Betreuung und ausbildungsfremden Tätigkeiten“, so Fricke. Besonders in kleineren Unternehmen sei es auch schon einmal vorgekommen, dass der Auszubildende mit dem Hund des Chefs Gassi gehen muss. Zudem sei die mangelnde gesellschaftliche Anerkennung des Handwerks ein Grund, sich gegen eine Ausbildung im klassischen Handwerk zu entscheiden.

„Was gegen Handwerk spricht? Meine Akademiker-Eltern.“ Auch mit diesem sehr umstrittenen Spruch wirbt die deutsche Handwerkskammer aktuell um den händeringend gesuchten Nachwuchs – frei nach dem Motto: Es gibt keine schlechte Publicity. Wie begegnen Unternehmen aus dem Rems-Murr-Kreis dem Fachkräftemangel? Und: Welche Branchen sind besonders betroffen?

Erfolg haben Plakate wie "Was gegen Handwerk spricht?" bisher jedoch offenbar wenig.  Eine Woche ist es nun her, seitdem die neuen

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