Rems-Murr-Kreis

Bürgermeister Molt fordert Tempo 100 auf der B 29

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Eine Unterhaltung mit Händen und Füßen: Bürgermeister Reinhard Molt direkt neben der B 29 auf Höhe Grunbach. © ZVW/Benjamin Büttner

Remshalden/Weinstadt. Verkehrte Welt in der Verkehrswelt. Auf der B 10 zwischen Stuttgart und Plochingen darf man nur Tempo 80 fahren, obwohl links und rechts niemand wohnt. Auf der B 29 aber kann gebrettert werden. Der Remshaldener Bürgermeister Reinhard Molt versteht das nicht. So wie viele andere auch nicht.

Der Bürgermeister rollt lautlos heran

Wir treffen Reinhard Molt in Grunbach im neuen Baugebiet Breitwiesen. Unhörbar rollt er mit seinem Dienstwägele an. Unhörbar, weil der Verkehr auf dem fünf Armlängen entfernten Remstal-Highway derart brüllt. Wusch-Wusch, es singen dazu im hohen Ton die Lastwagenreifen. Unhörbar auch, weil der Schultes sich bewusst für einen Elektrowagen als Dienstauto entschieden hat.

Wer hier was bereden will, muss schon selber brüllen. Molt dreht sich um, weist mit der Hand nach hinten zur Grunbacher Halbhöhenlage. Lärmgeplagte haben schon angerufen im Rathaus. Es sei jetzt etwas besser. Und zwar, weil an vorderster B-29-Front wieder massiv gebaut wird. 18 Meter hoch.

Das Gewerbegebiet als Sperrriegel, als Lärmschutzwand. Aber kann es das sein? Dann würden auch noch die letzten Grünzäsuren zwischen den Orten zugebaut, nur damit die Lärmwellen nicht weiter die Hänge hochbranden. Die Schizophrenie im Umgang mit der Natur wird Beton.

Erstens Lärm, zweitens sicherer, drittens weniger Schadstoffe

Molt, von uns nahe an den Tatort gebeten, ist sehr dafür. Unbedingt. Er erneuert den dringenden Wunsch der Remshaldener, dass endlich gehandelt wird. Wenigstens Tempo 100 statt 120. Aus drei Gründen und in der Reihenfolge: erstens wegen des Lärms. Zweitens, um die Unfallrate zu senken. Und drittens, um den Schadstoffausstoß zu reduzieren.

Noch nie war wohl die Gelegenheit günstiger. Wenn die Verkehrswende innerhalb des Klimapakets auch nur irgendwie gelingen soll, dann muss an vielen Stellschrauben gedreht werden. Molt bedauert, dass die generelle Geschwindigkeitsbeschränkung auf 130 auf Autobahnen mal wieder nicht durchging. Aber hier, so dicht an den Siedlungen dran, da muss doch was gehen. „Das wäre ein ganz einfaches Mittel, um an der Stelle weiterzukommen.“

Warum nicht mehr Lärmschutzwände?

Er macht eine andere Rechnung auf. Jetzt wird von den Kommunen gefordert, dass sie bezahlbaren Wohnraum schaffen. Das geht nur im Tal. Aber dann müsste auch eine Lärmschutzwand her. Der Bund zahlt für diese Maßnahme indes nichts, weil die B 29 Bestand ist und Neubau nun mal Hinzubau darstellt.

Molt ist im Thema drin. Eine Chance auf Lärmschutzwände, bezahlt vom Straßenlastträger, hat er erst wieder, wenn die B 29 sechsspurig ausgebaut werden würde – „das wollen wir nicht“. Es zählt einfach nicht, dass sich der Verkehr von einst 30 000 Fahrzeuge werktags bald verdoppelt hat auf über 50 000. Die Lastwagen sicher nicht abgenommen haben, jetzt mit dem Weiterbau der B 14 und der Unterfahrung von Schwäbisch Gmünd. Molt sieht den Bundesverkehrsminister gefordert. „Das Verkehrsministerium lässt den Verkehrszuwachs nicht gelten, da muss nachgebessert werden.“

Wo sitzen die Bremser, die weiter Gas geben wollen?

Molt weiß, wie es der örtliche CDU-Landtagsabgeordnete damit hält. Claus Paal findet Tempo 120 richtig. Die B-10-Anwohner im Neckartal bekamen Tempo 80. Aus Gründen der Luftreinhaltung, wie Molt mit leichtem Kopfschütteln anmerkt. Das Remstal bekommt allenfalls dann Entlastung, wenn sich die Städte und Gemeinden einig sind. Vor vier Jahren unternahm nochmals die Grünen-Fraktion im Weinstädter Gemeinderat einen Vorstoß, unterstützt von der SPD. Tempo 100 auch auf Höhe Endersbach, Beutelsbach und Großheppach. Eine Forderung ans Regierungspräsidium. Wieder war eine Front von CDU und Freien Wählern dagegen. Dem CDU-Vormann Ulrich Witzlinger war es schon zu viel, ein Lärmgutachten zu bestellen. Für manch Weinstädter kann offenbar gar nicht schnell genug am Ort vorbeigebrettert werden.

Und wie hält es der Bürgermeister selbst?

Reinhard Molt hat gerade zu kämpfen, als Umweltbesorgter wahrgenommen zu werden. Beim jüngsten Mobilitätsforum der Gemeinde forderte er von Fridays for Future und Greta Thunberg mehr Augenmaß. Die Leute müssten mitgenommen werden bei Veränderungen.

Er und seine Familie haben sich durchaus auf den Weg gemacht. Schon länger. Das Privatauto sei zwar ein „Dieselstinker“, auch weil es ein großes Familienauto zwingend brauchte. Aber 90 Prozent seiner Fahrten macht er mit dem Elektroauto. Der Strom dazu kommt leider nicht vom Rathausdach und auch nicht vom Privathaus. Aber die Molts hatten sich schon 2003 in die Solaranlage eingekauft auf der Realschule in Geradstetten. Die Molts sind Mitglieder im grünen Verkehrsclub VCD, nicht im ADAC.

Der Bürgermeister setzt sich wieder in seinen kleinen Franzosen und rauscht ab. Unhörbar, hier sowieso.

Remshalden/Weinstadt. Verkehrte Welt in der Verkehrswelt. Auf der B 10 zwischen Stuttgart und Plochingen darf man nur Tempo 80 fahren, obwohl links und rechts niemand wohnt. Auf der B 29 aber kann gebrettert werden. Der Remshaldener Bürgermeister Reinhard Molt versteht das nicht. So wie viele andere auch nicht.

Der Bürgermeister rollt lautlos heran

Wir treffen Reinhard Molt in Grunbach im neuen Baugebiet Breitwiesen. Unhörbar rollt er mit

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