Rems-Murr-Kreis

Bahn-Chaos im Rems-Murr-Kreis: Nichts fährt, wie es soll

9-Euro-Ticket
Fährt sie? Oder nicht? Oder später? S-Bahn-Fahren gleicht zurzeit einem Glücksspiel. Bei den Regionalbahnen sieht’s nicht besser aus. © ALEXANDRA PALMIZI

„Reparaturen laufen weiter auf Hochtouren“, titelt die Pressestelle der Deutschen Bahn in einer Pressemitteilung vom Montagabend dick. Bedeutet übersetzt: Alles, was über den Hauptbahnhof muss, läuft noch lang nicht so, wie’s soll. S-Bahn-Misere. Dasselbe Attribut kann auch noch der Murrbahn, betrieben von Go-Ahead, angehängt werden. Es ist offenbar so schlimm, dass der Sulzbacher Bürgermeister Dieter Zahn einen Brief schreibt. Darin eine Auflistung von 129 Mängelfahrten – in der Zeit vom 2. Mai bis zum 6. Juli.

Nicht geäußert, dennoch greifbar: Der Vorwurf des Vertragsbruchs bei Go-Ahead

Der Sulzbacher Bürgermeister Dieter Zahn schreibt noch sehr höflich. Er äußert eine „dringende Bitte“. Die äußert er im Übrigen nicht alleine, sondern auch im Namen der Nachbarkommunen Gaildorf, Murrhardt, Oppenweiler und Backnang. Man möge, wünscht er sich, „schnellstmöglich wieder geordnete Verhältnisse, das heißt, vertragsgemäße Verhältnisse“ schaffen. Was zwar nicht ausformuliert ist, aber implizit mitschwingt: der Vorwurf des Vertragsbruchs.

Zahn hat das Schreiben an die Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg mbH geschickt. Die unterstützt, so heißt es auf deren Homepage, „das Ministerium für Verkehr Baden-Württemberg dabei, das Land zur Pionierregion für nachhaltige Mobilität zu machen“. Zahn hat es außerdem an den Verband Region Stuttgart geschickt. Dieser arbeitet, so die Auskunft auf seiner Homepage, an „einer vorausschauenden und nachhaltigen Entwicklung der Region Stuttgart. Ziel ist es, die Vielfalt, die hohe Lebensqualität, die Mobilität und die wirtschaftliche Leistungskraft langfristig zu gewährleisten“.

Bei so viel Engagement und dem Fokus auf zukunftsweisende Qualität sollte es doch laufen, oder?

Dieter Zahn hat – ohne Gewähr dafür, dass die Angaben vollständig sind – gezählt. Aber nicht alles: Störungen des Zugverkehrs, die wegen Notarzteinsätzen oder Streckensperrungen nicht zu vermeiden waren, flössen nicht mit ein. Gelistet sind Züge, die zwischen Montag, 2. Mai, und Mittwoch, 6. Juli, durch technische Störungen oder Personalausfälle nicht fuhren. Und jene Züge, die nicht die Anzahl der Sitzplätze hatten, die sie hätten haben müssen. Das passiert oft, wenn Triebwagen fehlen. Kann der Zug nicht mit der ausreichenden Menge ausgestattet werden, können weniger Waggons angehängt werden. Zahn schreibt dazu: „Der Mangel an verfügbaren Triebwagen scheint in den vergangenen Wochen dermaßen eklatant geworden zu sein, dass nur in absoluten Ausnahmefällen die geplante Kapazität gefahren werden kann.“

Zahns Liste ist beeindruckend: Es geht um 129 Mängelfahrten. Zahn erklärt: Die Betriebsqualität auf der Murrbahn habe „einen Zustand erreicht, der für die Bahnfahrer als unzumutbar zu bezeichnen ist“. Man könne von „Chaos“ reden.

Bringt ein Dienstleister nicht die vertraglich vereinbarten Zugfahrten mit der ebenso vertraglich vereinbarten Kapazität auf die Schiene, muss er Strafe zahlen. Doch davon hält Dieter Zahn nichts. Die Zahlungen „helfen uns nicht weiter“. Er will, dass die Bahnpendler bekommen, was ihnen versprochen wurde.

Landtagsmitglied Gernot Gruber kritisiert Störungen und zu kurze Züge

Dieter Zahn und seine Kollegen sind nicht allein mit ihrer Kritik an der Murrbahn: Der Backnanger SPD-Landtagsabgeordnete Gernot Gruber hat ungefähr zeitgleich an den Bevollmächtigten der Deutschen Bahn für Baden-Württemberg, Thorsten Krenz, geschrieben. Er bemängelt „empfindliche Störungen im Personennahverkehr“. Gruber äußert Verständnis dafür, dass Wartungsarbeiten und verkehrssichere Sanierungen an den Gleisen Zeit brauchen. Er äußert aber auch Verständnis für die Pendler, die zunehmend ungehalten reagieren. Und nur schwierig nachzuvollziehen sei es, „weshalb der stets stark genutzte Zug Mex 19 (17510) (ab Murrhardt-Fornsbach / 6.45 Uhr) häufig nur in Einfachtraktion verkehrt“. Das bedeutet: Der Zug hat zu wenige Waggons und damit zu wenige Sitzplätze.

Das Qualitätsranking von Go-Ahead ergibt: Die Zugkapazität entspricht der Vorgabe

Go-Ahead kann die Kritik von Gruber und Zahn nicht nachvollziehen: Zu kurze Züge seien „absolute Einzelfälle“. Das Qualitätsranking für das zweite Halbjahr 2021, bekanntgegeben im Mai 2022, belege das. Der Erfüllungsgrad beim Punkt „Erfüllung der bestellten Zugkapazität“ liege bei der Murrbahn bei 99,39 von 100 Punkten.

Tatsächlich aber gebe es seit Anfang Juni „derart viele Infrastrukturstörungen und Baustellenbeeinträchtigungen“, dass die Go-Ahead-Verantwortlichen ebenfalls Schmerz verspüren. Durch die Baustellen und andere Einschränkungen sei ein pünktlicher Bahnbetrieb unmöglich. Die Infrastruktur sei „seit Jahren unterfinanziert“, Gleisanlagen und Bahnhöfe „wurden stark zurückgebaut“, jetzt reiche die Kapazität nicht. Es klingt Frust durch, in der Mitteilung der Pressestelle: Seit Jahren habe man „verschiedenste Politiker darauf angesprochen“. Man hoffe, dass die Bundesregierung den jetzt endlich geäußerten Ankündigungen auch Taten folgen lasse.

Die S-Bahn? Seit dem Kurzschluss auch kein Ausweg aus der Misere

Wer’s von Murrhardt-Fornsbach mit viel Glück und Gequetsche bis Backnang geschafft hat und dann hofft, durch Umsteigen in die S-Bahn bequemer ans Ziel zu kommen, hat allerdings im Moment auch schlechte Karten. Der Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart VVS hat gar für den vergangenen Montag und Dienstag je ein „Verkehrskonzept“ veröffentlicht. Die S-Bahn-Linien verkehren darin nur halbstündlich. Mit Ausfällen und Teilausfällen müsse jedoch noch bis mindestens Donnerstag, 14. Juli, gerechnet werden. Unglücklicherweise kommt es dazu noch an örtlichen Bahnsteiganzeigen zu Störungen, weshalb ein jeder auf dem Handy oder im Computer checken möge, ob der Zug fährt oder nicht oder zu spät kommt ... Der Grund fürs Debakel: „Am Samstagvormittag kam es im Bereich des Stuttgarter Hauptbahnhofs zu einem Kurzschluss in einer Oberleitung“, heißt es in der Pressemitteilung der Deutschen Bahn. Durch diesen Kurzschluss seien „zahlreiche Anlagenteile der Leit- und Sicherungstechnik, wie beispielsweise Signale, Weichenantriebe und Stellwerkstechnik“, beschädigt worden. Wie kam es zu diesem unfassbar auswirkungsstarken Kurzschluss, der dafür sorgt, dass über sechs Tage alles aus dem Rhythmus kommt? Vermutlich, heißt es aus der Pressestelle der Deutschen Bahn, war’s ein Vogelschlag.

Damit auch alles zusammenkommt: Schritttempo auf dem Rems-Viadukt

Doch damit nicht genug: Auf dem Viadukt zwischen den Bahnhöfen Neustadt-Hohenacker und Waiblingen fuhren die Züge, so wurde in die Redaktion gemeldet, plötzlich nur noch im Schritttempo. Das ermöglicht den Fahrgästen zwar, den dortigen grandiosen Ausblick etwas länger zu genießen – die Freude darüber dürfte sich angesichts der ohnehin schon sehr flexibel ausgestalteten Pünktlichkeit auf den Schienen in Grenzen halten. Warum wird hier so gebremst? Instandhaltungsarbeiten. Und ja, die würden auch ein paar Tage lang gehen. Details müssen nachgeliefert werden.

Zum Schluss noch ein ganz böses Zusammentreffen

Und dabei ist das alles ja noch gar nicht alles: Es mutet geradezu wie schwarzhumorige Ironie des Schicksals an, dass die Deutsche Bahn und Go-Ahead in einer gemeinsamen Presseerklärung nur einen Tag vor dem großen Kurzschluss, am Freitag, 8. Juli, gerade die S-Bahn – die S 2, die zwischen Schorndorf und Stuttgart fährt – als Ausweg aus einer weiteren Ausfall-Krise angepriesen hatte. In diesem Fall spielen sich die Ärgernisse auf der Remsschiene ab: Weil zwischen Grunbach und Schorndorf wegen Instandhaltungsarbeiten vorübergehend nur eingleisig gefahren werden kann, mussten Züge umgeleitet werden. Andere fallen bis Donnerstag, 14. Juli, aus. Beziehungsweise: Sie fallen abschnittweise aus. Unter anderem die Linie Mex 13 Stuttgart – Ellwangen/Crailsheim. Und zwar seit Montag, 11. Juli. Da waren allerdings die großen Kurzschluss-Ausfallerscheinungen schon voll im Gange.

„Reparaturen laufen weiter auf Hochtouren“, titelt die Pressestelle der Deutschen Bahn in einer Pressemitteilung vom Montagabend dick. Bedeutet übersetzt: Alles, was über den Hauptbahnhof muss, läuft noch lang nicht so, wie’s soll. S-Bahn-Misere. Dasselbe Attribut kann auch noch der Murrbahn, betrieben von Go-Ahead, angehängt werden. Es ist offenbar so schlimm, dass der Sulzbacher Bürgermeister Dieter Zahn einen Brief schreibt. Darin eine Auflistung von 129 Mängelfahrten – in der Zeit vom 2.

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