Rems-Murr-Kreis

Bankomaten-Sprengungen in Baden-Württemberg und im Rems-Murr-Kreis: Die Fakten

TITEL Geldautomat  gesprengt
Dieser Geldautomat wurde 2018 im Schwabenpark gesprengt. Mit Gas. © Gabriel Habermann

Geldautomaten sind alleweil in der Zeitung. Meist jedoch, weil sie irgendwo im Rems-Murr-Kreis von ihren Betreibern abgebaut werden. Daniel Lindenschmid, Rems-Murr-AfD-Mitglied und seit 2021 im Landtag, legt sein Augenmerk dagegen auf jene Demontagen, die kriminell motiviert sind. Und hat im Landtag zum Thema eine Kleine Anfrage gestartet, die endlich alle Fragen klärt, die sich schon immer zu Bankomaten-Sprengungen stellten. Na ja, fast alle.

Geldautomaten-Sprengung in 2018

Das Gute an der Computerarbeit: Es gibt die Stichwortsuche: Bankomat? Geldautomat? Sprengung? Im Online-Archiv? Im Papierzeitungsarchiv? Die Ausbeute für den Rems-Murr-Kreis ist gering: Im September 2018 wurde im Schwabenpark ein neu installierter Geldautomat mittels eines Gasgemisches gesprengt. An das Geld kamen die Täter jedoch nicht. Und selbst wenn ihnen dies gelungen wäre, hätte eine Farbpatrone in der Tresor-Kassette die Scheine unbrauchbar gemacht. Ein Schaden von mindestens 20 000 Euro war dennoch zu beklagen: Durch die Wucht der Sprengung wurden nicht nur der Geldautomat, sondern auch der daneben aufgestellte Getränkeautomat zerstört. Und auch der Pavillon, in dem sich die Automaten befanden, wurde in Mitleidenschaft gezogen.

Mehr findet sich nicht. Selbst bei der Polizei nicht. Innerhalb der letzten zwei Jahre, heißt es von der Pressestelle, seien nur zwei Geldautomaten-Sprengungen im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Aalen aktenkundig. Eine fand im November 2021 in Aalen-Ebnat statt, eine im November 2021 in Crailsheim. Beide Automaten befanden sich in unmittelbarer Autobahnnähe, die Ermittler gehen davon aus, dass die Täter Profis waren.

Warum, bei diesem Mangel an Vorkommnissen, stellt der AfD-Landtagsabgeordnete Daniel Lindenschmid, Wahlkreis Backnang, dann eine Kleine Anfrage? Eine Kleine Anfrage ist ein Mittel zur Kontrolle der Regierung. Jeder Abgeordnete kann an die Regierung Kleine Anfragen richten, die schriftlich beantwortet werden. Die Kleine Anfrage zu den Geldautomaten-Sprengungen war vom 30. März.

Lindenschmids Anlass war eine nächtliche Geldautomaten-Sprengung in einem Kaufhaus in Waghäusel-Wiesental. Das ist im Landkreis Karlsruhe und rund 100 Kilometer vom Rems-Murr-Kreis entfernt. Aber ein Landtagsabgeordneter ist ja, auch wenn er aus dem Wahlkreis Backnang kommt, fürs ganze Land zuständig. Der Schaden in Waghäusel-Wiesental soll, so der SWR, auf über 100.000 Euro zu beziffern sein. Die veröffentlichten Fotos zeigen heftigste Verwüstungen.

Fester Sprengstoff: Immer häufiger

So schlimm wie in Waghäusel-Wiesental hat’s den Rems-Murr-Kreis noch nicht getroffen. Aber, bestätigt die Pressestelle der Polizeidirektion Aalen: In Waghäusel-Wiesental wurde nicht die früher gängige Methode der Sprengung mittels Gasgemisch angewandt, sondern es wurde fester Sprengstoff verwendet. Das Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen mit seiner Ermittlungskommission Heat – dort ist man mit solchen Straftaten deutlich öfter konfrontiert – spricht von „Blitz-Knall-Körpern“. Und die Verwendung solcher Sprengmittel, so erläutern sowohl die Polizeipressestelle in Aalen als auch das Innenministerium Baden-Württemberg, das Lindenschmids Kleine Anfrage beantwortet hat, nehme zu.

Das Innenministerium tut sich allerdings etwas schwer damit, alle Fragen des Abgeordneten Lindenschmid zu beantworten. Der Grund: Die Statistik gibt’s nicht her. Es gibt keine „Erfassung von Angriffen auf Geldausgabeautomaten mit dem Modus Operandi ‘Sprengen’“. Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg führe allerdings seit dem Jahr 2016 eine Liste, „in welcher die Angriffe auf Geldausgabeautomaten mittels Sprengstoff händisch erfasst werden“. Solche Datengrundlagen sind nicht hundertprozentig. Auch Sachschäden infolge der Sprengungen können nicht genau beziffert werden. Sie beruhten auf „Schätzungen“ der „Erstsachbearbeiter“.

Nichtsdestotrotz: Lindenschmid hat schon recht, wenn er behauptet, dass „die Aufklärungsquote im Jahr 2021 auf circa 20 Prozent gesunken“ sei, „während sie 2020 noch bei 34 Prozent lag“.

Die dem Innenministerium vorliegenden Daten zeigen – für Gesamt-Baden-Württemberg – einen Höhepunkt der Geldautomaten-Sprengung im Jahr 2020. Mit 41 erfassten Fällen. Wobei es bei 25 Fällen beim Versuch blieb. 15 Fälle wurden aufgeklärt. Gestohlen wurden 1,7 Millionen Euro. Im Jahr 2021 wurden 24 Fälle erfasst, bei sechs davon blieb’s beim Versuch, fünf wurden aufgeklärt, 2,07 Millionen Euro waren verschwunden.

Lindenschmid erklärt auch, dass das „Verhältnis von identifizierten tatverdächtigen ausländischen und deutschen Staatsangehörigen“ ungleich und damit „bemerkenswert“ sei. Die Aufschlüsselung des Innenministeriums, beziehungsweise die vom LKA seit dem Jahr 2016 manuell durchgeführte Auswertung, erfasst „neun deutsche Tatverdächtige, sieben polnische, fünf türkische, je vier niederländische und französische Tatverdächtige sowie je einen italienischen, marokkanischen und litauischen Tatverdächtigen“. Das Verhältnis Deutsche zu Ausländern ist damit eins zu 2,5. Wobei die Herkunft der Ausländer doch recht vielfältig ist, mit einem leichten Überhang in Richtung Polen. Lindenschmid fordert: „Dass die Täter überproportional oft aus dem – meist europäischen – Ausland stammen, spricht sehr für grenzübergreifend operierende Banden und somit den verstärkten Einsatz polizeilicher Maßnahmen an den Landesgrenzen.“ Eine solche Interpretation der Zahlen nimmt das Innenministerium bei seiner Beantwortung der Kleinen Anfrage nicht vor. Lindenschmid hatte aber auch nicht explizit danach gefragt.

Das verwunderlichste Rätsel bleibt ungelöst

Das verwunderlichste Rätsel des Falles Waghäusel-Wiesental und damit der Lindenschmid’schen Kleinen Anfrage löst das Innenministerium im Übrigen leider auch nicht auf: Warum nur suchten die mutmaßlichen Täter in Waghäusel-Wiesental nicht, wie sonst üblich, in schnellen Autos das Weite, sondern auf Motorrollern?

Geldautomaten sind alleweil in der Zeitung. Meist jedoch, weil sie irgendwo im Rems-Murr-Kreis von ihren Betreibern abgebaut werden. Daniel Lindenschmid, Rems-Murr-AfD-Mitglied und seit 2021 im Landtag, legt sein Augenmerk dagegen auf jene Demontagen, die kriminell motiviert sind. Und hat im Landtag zum Thema eine Kleine Anfrage gestartet, die endlich alle Fragen klärt, die sich schon immer zu Bankomaten-Sprengungen stellten. Na ja, fast alle.

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