Rems-Murr-Kreis

Barrierefreie Websites von Kreis und Kommunen: Sich Internetseiten vorlesen lassen

Leichte Sprache
Wie Kreis und Kommunen die gesetzliche Vorschrift, ihr Behördenkauderwelsch in eine verständliche Sprache zu übersetzen, nicht richtig umsetzen. Hier die Homepage Stadt Schorndorf, kaum zu finden unten rechts. © Joachim Mogck

Gut lesbare Schrift, eine Funktion zum Vorlesen, Informationen in Gebärden- und in Leichter Sprache - so sollten die Internetseiten der Städte und Gemeinden rechtskonform gestaltet sein. Doch weit gefehlt. Auf den meisten kommunalen Portalen im Rems-Murr-Kreis fehlt die Erklärung zur Barrierefreiheit. Diese ist seit 23. September Vorschrift. Begründet wird der Verzug mit der Corona-Krise. Doch die Vorgaben sind seit 2018 bekannt.

Barrierefreiheit in öffentlichen Gebäuden ist längst ein Thema, das von Gesetzen gestützt wird. Ein Rathaus ohne behindertengerechten Zugang ist kaum vorstellbar. Aber auch für die barrierefreie Kommunikation gibt es Vorschriften. Diese gehen auf eine Verordnung der Europäischen Union aus dem Jahr 2016 zurück, die die kommunale Ebene einbezieht.

Die Kommission in Brüssel reagierte damit auf die UN-Konvention für die Rechte behinderter Menschen, die Deutschland 2007 unterzeichnet hat. Ein Artikel garantiert dieser Personengruppe den (barriere-) freien Zugang zu Informationen. Menschen mit einer Seh- und Hörbehinderung oder mit Lernschwierigkeiten/geistiger Behinderung sollen Informationen genauso wahrnehmen können wie Nichtbehinderte.

Dafür muss es auf der Internetseite eine Vorlesefunktion geben. Die Schrift muss sich vergrößern und der Kontrast verstärken lassen. Für Schlechtleser sollen Texte in einer besonders verständlichen Form geschrieben sein. Der Fachbegriff ist Leichte Sprache. Zu den Schlechtlesern zählen auch Menschen im hohen Alter oder mit Migrationshintergrund.

Im Kreis gibt es große Einrichtungen für behinderte Menschen

Nach einer knapp 1,5-jährigen Frist zur Umsetzung sollten die Arbeiten zum Umbau der Internetseiten seit sechs Wochen abgeschlossen ein. Im Rems-Murr-Kreis gibt es einige große Einrichtungen für behinderte Menschen. Daher ist der Bedarf an Barrierefreiheit besonders groß. Doch Stand Anfang November erfüllt keine Kommune im Verbreitungsgebiet der Zeitung die rechtlichen Vorgaben vollständig. Auf Nachfrage entschuldigt die jeweilige Verwaltung das Versäumnis mit Arbeitsüberlastung wegen Corona und dem großen Aufwand, digitale Barrierefreiheit herzustellen. Im Weinstädter Rathaus kündigt eine Sprecherin den verspäteten Start für Anfang kommenden Jahres an. Eine Sprecherin des Rathauses Waiblingen teilt mit, „eine Erklärseite in leichter Sprache und ein Erklärvideo in Gebärdensprache ist in Vorbereitung“. Gegebenenfalls werde es „nach und nach zu einzelnen Themen weitere Erklärungen in leichter Sprache geben, wenn sich dies anbietet“. Die Internetseiten der Stadt würden „im Hinblick auf die Barrierefreiheit sukzessive intern überarbeitet“.

Wie beim Waiblinger Portal sucht man auf der Winnender Startseite vergeblich die vorgeschriebene Erklärung zur Barrierefreiheit. Eine Rathaus-Sprecherin verspricht: „Wir rechnen damit, im Laufe des nächsten Jahres mit der neuen benutzerfreundlichen Homepage und einem barrierefreien Zugang an den Start gehen zu können.“ Die Stadt entwickle ein neues Corporate Design. Die Homepage werde komplett erneuert. „Dies beinhaltet dann auch einen barrierefreien Zugang, ein Angebot in Leichter Sprache und die Möglichkeit, Inhalte auf verschiedenen Sprachen abzurufen“, erläutert die Sprecherin die nächsten Schritte.

Auf der Webseite der Stadt Schorndorf gibt es zwar einen Link auf die Erklärung zur Barrierefreiheit. Er ist aber dort platziert, wo ein sehbehinderter Mensch diesen garantiert nicht findet: ganz unten rechts in einer kleinen blassen Schrift. Eine Sprecherin erklärt den inhaltlichen Aufwand so: Die Webseite habe rund 1000 statische Seiten sowie zahlreiche dynamische Inhalte mit 4500 Stadtnachrichten und 100 Veranstaltungen. „Dies ist ein sehr zeitintensives Unterfangen. Hinzu kommen noch rund 3000 PDFs, die ebenfalls überarbeitet werden müssen.“ 95 Prozent seien einer Prüfung unterzogen und barrierefrei umgesetzt worden. Diese befänden sich in einer weiteren Prüfung, bevor sie online gehen. Sie verspricht: „Wir werden prominent in der Menüleiste ein extra Menü zur Barrierefreiheit erstellen, wo alle Informationen zu finden sind.“ Dazu gehörten Informationen in Leichter Sprache. Ein Erklärvideo in Gebärdensprache sei produziert worden. „Verständlichkeit ist uns generell sehr wichtig. Wir versuchen, unsere Texte gut verständlich zu formulieren und weitestgehend auf Fremdwörter und Fachbegriffe zu verzichten.“

Internetbrowser haben einige Funktionen für die Barrierefreiheit

Internetbrowser haben einige Funktionen für die Barrierefreiheit kostenfrei zu bieten: So können Schriftgröße und der Kontrast an die Sehleistung angepasst werden. Kostenlose Programme bieten Seh-Geschädigten die Möglichkeit, sich Texte vorlesen zu lassen. Bleibt die rechtliche Forderung nach Informationen in Leichter Sprache für die Schlechtleser, mit der sich die Kommunen aber sehr schwertun. Eine Sprecherin der Gemeinde Kernen merkt an: „Wir können ja nicht doppelt arbeiten, sprich: jeden Text zusätzlich in Leichter Sprache formulieren.“ Noch schwieriger sei das bei Formularen oder Satzungen, die ihre verwaltungsjuristisch korrekte Sprache hätten. Eine Lösung für Kommunen sei, Pools zu bilden. „Sie schließen sich zusammen und tauschen erklärende Dokumente, verfasst in Leichter Sprache, untereinander aus. In der Praxis sieht das dann in etwa so aus: Die eine schreibt über die Passanmeldung, die andere über den Umzug.“ Ziel der Gemeinde sei es, ebenfalls in solchen Pool zu kooperieren. „Sonst wäre die Umsetzung nicht leistbar“, ist die Sprecherin überzeugt.

*Unser Autor Uwe Roth ist Journalist und arbeitet an der DIN „Leichte Sprache“ mit, die 2021 verabschiedet wird.

Gut lesbare Schrift, eine Funktion zum Vorlesen, Informationen in Gebärden- und in Leichter Sprache - so sollten die Internetseiten der Städte und Gemeinden rechtskonform gestaltet sein. Doch weit gefehlt. Auf den meisten kommunalen Portalen im Rems-Murr-Kreis fehlt die Erklärung zur Barrierefreiheit. Diese ist seit 23. September Vorschrift. Begründet wird der Verzug mit der Corona-Krise. Doch die Vorgaben sind seit 2018 bekannt.

Barrierefreiheit in öffentlichen Gebäuden ist längst

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