Rems-Murr-Kreis

"Bedrückend nah": Wie junge Menschen im Rems-Murr-Kreis den Ukraine-Krieg sehen

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Friedensgebet auf dem Winnender Marktplatz vom 2. März. © Alexandra Palmizi

Schien die Welt schon durch Klimawandel und Corona aus den Fugen und bereitete insbesondere vielen jungen Menschen, die noch den großen Teil ihres Lebens vor sich haben, Zukunftssorgen, so wirkt Putins Krieg in der Ukraine als erneuter Dämpfer eines optimistischen Lebensgefühls und jugendlicher Zuversicht. Bei einer kleinen Straßenumfrage im Waiblingen und Backnang zeigten sich viele Heranwachsende im Gespräch betroffen von der Situation und geschockt.

„Es ist bedrückend, weil es so nah ist, nur ein paar Flugstunden von hier“, sagte zum Beispiel Florian Winniger (23). „Es ist nach langer Zeit wieder Krieg in Europa.“ Dabei sei der Krieg keine zusätzliche Belastung zu der Corona-Krise, „aber eine neue Belastung“, so Winniger. „Entfernte Freunde fahren dort hin, um zu helfen“, berichtet er. Er erzählt weiter von einem ehemaligen Mitspieler in seinem Verein, der aus Russland kommt und nun dort festsitze.

Furcht vor Spaltung der Gesellschaft und Diskriminierung Unbeteiligter

Der Krieg betrifft die jungen Menschen im Rems-Murr-Kreis auch persönlich, durch Bekannte, die im Kriegsgebiet sind. Manche haben Freunde oder Verwandte in der Ukraine und fürchten um deren Sicherheit. Freunde der Eltern und auch Kommilitonen, die aus der Region kommen, haben von der Situation in der Ukraine erzählt, sagt die junge Frau Beth S.: Es sei schrecklich, sich anzuhören, was diese berichten. Die Invasion sei „auf jeden Fall überraschend, da für Wochen von Russland Aussagen kamen, dass die Truppen an der Grenze zu keinem Angriffskrieg oder Invasionsversuch kommen“. Jetzt habe sich ja gezeigt, „dass das nur leere Versprechungen waren“.

Beths größte Sorge sei eine erneute Spaltung in Europa oder eine Wiederkehr des Eisernen Vorhangs und Wettrüsten wie zu Zeiten des Kalten Kriegs. Eine weitere Sorge sei „aus persönlicher Sicht, Diskriminierung von unbeteiligten Russen, die auf internationaler Ebene ausgeschlossen werden“. Zudem habe Beth „Angst, nie wieder Verwandte oder Bekannte wiederzusehen“.

Die Beurteilungen der Lage sind teils sehr differenziert. „Es ist schwierig“, sagt ein junger Mann, der seinen Namen nicht nennen möchte. „Auf der einen Seite bin ich natürlich mitgenommen und traurig und in den Gedanken beim ukrainischen Volk, was nichts dafür kann. Auf der anderen Seite muss ich sagen, kann ich Russland auch zum Teil verstehen, was nicht heißt, dass ich das alles jetzt gut finde, was der Putin macht. Krieg ist einfach was Schreckliches und sollte nie passieren, weil sehr viele Unschuldige sterben.“

„Ukraine ist auch keine vollständige Demokratie“

Der junge Mann merkt an, dass auch die Ukraine keine vollständige Demokratie sei: „Ich finde es von der Ukraine nicht demokratisch, wenn sie ihre Männer aus Zügen rausziehen, obwohl diese nicht kämpfen wollen, was mir wiederum ein komisches Gefühl gibt, da es dadurch für mich keine Demokratie mit Meinungsfreiheit und eigenen Entscheidungen der Bürger ist.“

Der Krieg in der Ukraine beschäftige ihn auf jeden Fall, erzählt auch Jonathan. Das Thema sei natürlich mit negativen Gefühlen verbunden. „Ich denke aber nicht, dass es mich allzu sehr beeinflusst. Ich habe vorher nicht damit gerechnet, dass Putin die gesamte Ukraine angreifen würde, und war dementsprechend überrascht“, erzählt er. „Am schlimmsten wäre natürlich eine weitere Ausbreitung des Krieges und dass Atomwaffen zum Einsatz kommen“, so Jonathan weiter und fügt hinzu: „Was ich aber für unwahrscheinlich halte.“

Auf die Frage, ob die Entwicklung ihn überrascht hat, meint David: „Man konnte vermuten, dass Truppen nicht nur für eine Trainingsaktion an der Grenze waren, aber die Ausbreitung war überraschend. Ich hätte am Anfang eher vermutet, dass sie, wie bei der Krim, nur einen Teil der Ukraine besetzen.“ Angesprochen auf seine größte Sorge in Bezug auf den weiteren Verlauf, nannte er eine Ausartung des Konflikts, „auch jetzt schon mit immer aggressiveren Taktiken von Russland“ und den Einbruch der Diplomatie zwischen dem Osten und dem Westen, „Unsicherheit wie im Kalten Krieg“.

Ergebnisse einer bundesweiten Befragung

Das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) beim Bayerischen Rundfunk hat am 23. und 24. Februar eine bundesweite Befragung unter 181 Jugendlichen im Alter von 13 bis 17 Jahren durchgeführt. Dabei wurde gefragt zum Wissen und den Einstellungen zur Situation in der Ukraine und wie sich die Jugendlichen darüber informieren. Die Befragten wussten größtenteils über den Konflikt Bescheid und hatten auch eine Meinung dazu.

Die meisten Befragten lehnen die Handlungen von Präsident Putin ab, schimpfen über ihn und können seine Beweggründe nicht nachvollziehen. Einige äußern Angst vor ihm. Einzelne russischstämmige Befragte verteidigen ihn dagegen und sehen die Berichterstattung über Russland in Deutschland zu negativ. Der überwiegende Großteil der Befragten wünscht sich dennoch, dass die Bundesregierung sich auf Seiten der Ukraine positioniert und Sanktionen verschärft. Dabei sprechen sich die meisten für eine diplomatische Lösung aus, auch wenn es vereinzelte Forderungen nach einer militärischen Reaktion gibt.

Insgesamt zeigen sich große Anteilnahme und ein Schock bei den Jugendlichen. Auch wenn die Hoffnung auf ein baldiges gewaltfreies Ende des Kriegs besteht: Die Angst vor einer weiteren Eskalation ist deutlich spürbar und wird als sehr real wahrgenommen.

Wie positioniert sich die Parteien-Jugend im Rems-Murr-Kreis?

Die demokratischen Jugendorganisationen im Rems-Murr-Kreis „setzen sich vereint für den Frieden in der Ukraine ein“, heißt es in einer Pressemitteilung der Grünen Jugend Rems-Murr, der Jungen Liberalen Rems-Murr, der Jungen Union Rems-Mur und Jusos Rems-Murr. „Der russische Angriffskrieg in der Ukraine muss enden. Ein Abzug der russischen Truppen muss auf der Stelle geschehen, um die Wiederherstellung der Friedensordnung zu ermöglichen und um das Leben Tausender Soldaten und der Zivilbevölkerung zu schützen.“

Der Parteien-Nachwuchs begrüßt das gemeinsame Sanktionspaket der Europäischen Union und fordert, „dass nichts unversucht bleibt, bis auf friedlichem Wege die völkerrechtliche Ordnung wiederhergestellt ist. Wir verurteilen zudem die Aggressionen und Drohungen Putins gegenüber dem Westen aufs Schärfste“.

In der Mitteilung heißt es des Weiteren: „Wir als junge Generation mussten noch keinen großen territorialen Krieg in Europa erleben. Wir wissen allerdings um die Schrecken und die Folgen eines Krieges und verurteilen daher jeden Angriff auf die europäische Friedensordnung, auf die Integrität einzelner Staaten und auf die Demokratie. Der Rems-Murr-Kreis ist zwar nur ein kleiner Fleck in Europa. Doch es ist von großer Bedeutung, dass sich alle europäischen Nationen hinter die ukrainische Bevölkerung und die Bemühungen für den Frieden stellen. Eins ist klar: Wir stehen als politische Jugend in Rems-Murr geeint hinter der Ukraine und dem Ziel einer freien demokratischen Gesellschaft.“

Schien die Welt schon durch Klimawandel und Corona aus den Fugen und bereitete insbesondere vielen jungen Menschen, die noch den großen Teil ihres Lebens vor sich haben, Zukunftssorgen, so wirkt Putins Krieg in der Ukraine als erneuter Dämpfer eines optimistischen Lebensgefühls und jugendlicher Zuversicht. Bei einer kleinen Straßenumfrage im Waiblingen und Backnang zeigten sich viele Heranwachsende im Gespräch betroffen von der Situation und geschockt.

„Es ist bedrückend, weil es so

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