Rems-Murr-Kreis

Bereit zum Massenmord: Prozess-Auftakt gegen die Terrorgruppe von der Alfdorfer Hummelgautsche

Prozess gegen «Gruppe S.»
Blick auf die Angeklagten im Stammheimer Terrorprozess um die Gruppe S., die sich an der Alfdorfer Hummelgautsche formierte. Foto: dpa © -

Sie planten, Blutbäder in Moscheen anzurichten, sie wollten die Bundesrepublik in ein Bürgerkriegsland verwandeln, ihr Rädelsführer stammt aus Schwäbisch Gmünd, und ihr Gründungstreffen war in Alfdorf: Bereits der Eröffnungstag im Stammheimer Terrorprozess gegen die sogenannte Gruppe S. förderte Ungeheuerliches zu Tage.

Fürsorge und Hass: Der Richter und die Angeklagten

Die Verhandlung im Justizgebäude Stammheim beginnt mit einer Szene, die kaum der Rede wert, jedenfalls nicht berichtenswert wäre, wenn sie nicht einen derart bedrückenden Kontrast liefern würde zu allem, was folgt: Der Vorsitzende Richter Anderer hält eine fürsorgliche Eröffnungsansprache, weist auf die Maskenpflicht hin, bedankt sich beim Leiter des Gesundheitsamtes für die Beratung in Coronafragen und verspricht, er wolle in diesem Prozess unter Pandemiebedingungen die Gesundheit aller Beteiligten „mit aller Kraft schützen“.

Danach wird es um Rassenhass gehen und um Massenmord-Pläne.

Dies sind die zwölf Angeklagten: ein Fliesenleger aus Minden, Nordrhein-Westfalen, Jahrgang 1964; ein – ja, in der Tat: – ein Regierungsamtsinspektor beim Polizeipräsidium Hamm, Jahrgang 1969; ein Gas-Wasser-Installateur aus München, Jahrgang 1959; ein Krankenpfleger, Jahrgang 1980, aus Wriedel, Lüneburger Heide; ein Trockenbauer aus Nienburg, Sachsen-Anhalt, Jahrgang 1984; ein Werkzeugmacher aus Kirchheim/Teck, Jahrgang 1972; ein Fahrradmonteur aus Koblenz, Jahrgang 1959; ein Arbeitssuchender ohne Ausbildung aus Pfaffenhofen bei Ulm, Jahrgang 1981; ein Lagerist aus Minden, Jahrgang 1985; ein Saisonarbeiter im Steinmetzbetrieb, Jahrgang 1988, aus Coswig, Sachsen-Anhalt; ein Arbeitsloser, Jahrgang 1972, aus Heilbronn.

Und ihr Kopf: Werner S., geboren 1966 in Schwäbisch Gmünd, zuletzt wohnhaft in einem 1300-Seelen-Nest bei Augsburg; berufslos, ledig. Manche Medien haben ihn in ihren Vorberichten als verkrachte Existenz beschrieben, andere haben ihn als charismatischen Anführer gezeichnet.

Lauter Männer, Anfang 30 der Jüngste, über 60 der Älteste: Gemeinsam, so die Anklageschrift der Bundesanwaltschaft, sollen sie eine Vereinigung gegründet haben mit dem Ziel, „Mord und Totschlag“ zu verüben, die demokratische „Gesellschaftsordnung zu erschüttern“ und einen „nationalsozialistischen Staat“ durchzusetzen.

Seelenbrüder: Gleichgesinnte finden sich

Dies ist die Geschichte der Gruppe S., zumindest laut Anklageschrift, auf der die folgende Fallskizze beruht: Im Sommer 2019 gründete Werner S. eine Messenger-Chatgruppe. Er suche, schrieb er, „intelligente, harte, brutale“ Leute – „Schwätzerpatrioten“ gelte es „auszusondern“. Ende Juli 2019 bei einem rechten Treffen in Thüringen – es soll um „Revolution“ gegangen sein in den Gesprächen dort und um „Aufstand“ – fand Werner S. einen „Seelenbruder“ in Tony E.: einen ersten Getreuen, der erklärt habe, er sei bereit, „sein Leben zu opfern“ für die gemeinsame Sache.

Weitere gesellten sich hinzu in den nächsten Wochen. Einer habe Werner S. „Treue bis in den Tod versprochen“, einer habe gesagt, er könne Schusswaffen bearbeiten und modifizieren, sei „zu allem bereit“ und wolle „bei Kriegsbeginn“ neben S. „in der ersten Reihe“ stehen. Einer hatte Kontakte zu einem Waffenhändler in Tschechien, einer habe erklärt, er könne kugelsichere Westen besorgen, und soll seiner Freundin gesagt haben, „dass er im Kampf sterben“ werde. Mehrere waren Funktionäre in Neonazigruppen und Bürgerwehren, bei den „Soldiers of Odin“ oder beim „Freikorps Heimatschutz 2016 – Das Original“, einer war „Präsident“ bei „Wodans Erben Germanien“, einer „National Sergeant in Arms“ der „Wiking Security“. Manche stellten ihre Nazi-Gesinnung „offen durch Körpertätowierungen zur Schau“, liest die Anklagevertreterin vor.

Von Ausländern, Muslimen, Zuwanderern schrieben sie nicht in ihren Chats – sie schrieben von „Untermenschen“, „Ziegenfickern", „Kakerlaken“. Einer schrieb: Er habe „so Bock auf ein Massaker“.

Hummelgautsche: Kameraden auf dem Prüfstand

Am 28. September 2019 führte Werner S. all die Gleichgesinnten zusammen, die sich bis dahin teilweise noch gar nicht von Angesicht zu Angesicht kannten: beim Gründungstreffen am Grillplatz Hummelgautsche auf Alfdorfer Gebiet. Sie lernten einander kennen, S. führte wohl auch „Einzelgespräche“, um auszuloten, auf wen unbedingter Verlass sein würde, sie veranstalteten Schießübungen: Kameraden auf dem Prüfstand.

Ideen wurden gewälzt: Man könne doch Grünen-Politiker umbringen, Robert Habeck, Anton Hofreiter.

Warum trafen sich diese Männer, die aus allen deutschen Himmelsrichtungen kamen, ausgerechnet an der Hummelgautsche? Genaues wird vielleicht der Prozess zutage fördern, eine Vermutung liegt auf der Hand: Da Gruppengründer S. im Gmünder Raum aufgewachsen ist, kannte er den Ort wohl aus seiner Jugend und hielt ihn für passend abgelegen, sicher.

Hat S. bereits damals, in seiner Gmünder Zeit, den Nazi in sich entdeckt? In welchen Kreisen verkehrte er als Jugendlicher? Wuchs er in unserer Gegend zum Rechtsextremisten heran? Mitte der 80er-Jahre war S. um die 20 – damals formierte sich im Raum Ostalb/Rems-Murr eine rechte Szene: Die Blood&Honour-Gruppe Noie Werte zum Beispiel gründete sich 1987, sie spielte ihr erstes Konzert in Gmünd. Hat S. in diesem lokalen Umfeld den Ungeist aufgesogen? Auch diese Fragen wird – wieder vielleicht – der Prozess beantworten. Bislang lässt sich darüber nur spekulieren.

Am 3. Oktober 2019, dem Tag der Deutschen Einheit, folgte das nächste Treffen, diesmal in Berlin. Nun sollte es „ans Eingemachte gehen“. Sie versicherten einander, ihr „Leben aufs Spiel zu setzen“ und keine „systemtreuen Sklaven“ sein zu wollen; es gelte, „hochgradig effizient und hochgradig professionell zu planen“.

Bürgerkrieg: Höhepunkt und Ende der Gruppe

Er habe „keine Zeit mehr, mit Mittelmäßigkeit zu kämpfen“, er wolle jetzt „das Wesentliche“ – einen „Sturm der Gerechtigkeit“: Im Januar 2020 schwor S. die Mitstreiter in einer Chatnachricht auf die Eskalation ein. Dies sei sein „letzter Versuch, mit einem Haufen Leute was zu reißen“: Man sehe sich am 8. Februar in Minden, dort werde „bei Brot und Wein“ dann „Krieg besprochen“. Er schloss mit der Grußformel: „stets aufrecht“.

In Minden nahm eine Strategie Gestalt an, sie wollten nun „Geschichte schreiben“: Einzeln oder in kleinen Gruppen würden sie in verschiedenen, eher kleinen und wenig überwachten Orten Moscheen angreifen und so viele Menschen wie möglich töten. Dies würde einen muslimischen Gegenschlag, einen Angriff auf Deutsche provozieren. Und das wiederum würde die bewaffnete Reaktion der Mehrheitsgesellschaft anstacheln. So ließen sich „bürgerkriegsähnliche Zustände auslösen“, bis die Ordnung zu wanken beginne.

Sie sammelten Bargeld. Einer steuerte 1000 bei, ein anderer 5000, fast jeder leistete seinen Beitrag. Damit wollten sie die Mordwaffen einkaufen in Tschechien.

Was sie nicht wussten: Die Polizei hatte sie längst im Auge. Schon das Treffen an der Hummelgautsche hatte das Stuttgarter Landeskriminalamt beobachtet. Einer aus der Gruppe, der Arbeitslose aus Heilbronn, war zum Informanten geworden.

Am 14. Februar 2020 folgte der Zugriff: Die Polizei schritt zu Verhaftungen, durchsuchte Lagerräume, Wohnungen, Fahrzeuge und fand ein bizarres Waffenarsenal von der Slam-Gun – selbstgebaute, aber potenziell tödliche Waffen – bis zur CO2-Flinte, von der Armbrust bis zu Bajonetten; und rund 18000 Euro in bar, wohl gedacht für die weitere Aufrüstung in Tschechien.

Die Gefahr: Eine erste Einordnung

Es gibt, während die Anklägerin ihren Schriftsatz verliest, Momente, da fällt es einem als Beobachter schwer, diese Gestalten ernst zu nehmen – zu pompös diese Größenfantasien, zu kitschig dieser Treueschwulst, zu albern und unfreiwillig komisch diese Namen wie „Heimatschutz – Das Original“ oder „Wodans Erben“. Wikinger-Pathos, Heldengetue, martialisches Geprotze, Männlichkeitsquatsch.

Doch das Gefühl, es mit läppischen Spinnern zu tun zu haben, verliert sich schnell wieder. Denn hier stand womöglich etwas Grauenhaftes kurz vor der Entladung, hier begann ein monströser Plan Konturenschärfe zu gewinnen, hier hatten sich Leute zusammengefunden, die längst hochgradig radikalisiert waren und nun von ihrem Führer Werner S. vollends zusammengeschweißt wurden. Wenn es ihnen gelungen wäre, umzusetzen, was sie offenbar vorhatten – eine Massaker-Serie in Moscheen –, dann hätte dies den Terror des Nationalsozialistischen Untergrunds in den Schatten gestellt, den Anschlag von Hanau, das Attentat auf die Synagoge in Halle, den Mord an Walter Lübcke.

Aber war ihr Geschwätz von Professionalität womöglich nicht mehr als das: Geschwätz eben? Mag sein. Nur: Auch Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos begannen nicht als Profis, sie lernten das Morden, indem sie es wieder und wieder taten. Anders Breivik, der am 22. Juli 2011 in Oslo und auf der Insel Utoya 77 Menschen umbrachte, war nur ein Sonderling, in vieler Hinsicht ein Versager. Auch der Rechtsterrorist Brenton Trent, der am 15. März 2019 in Christchurch, Neuseeland, 51 Menschen erschoss, war ein Amateur.

Masken-Groteske - und ein Ausblick

Es geht in diesem Prozess um einen mutmaßlich gerade noch verhinderten Massenmord an Menschen muslimischen Glaubens – aber nichts ist so ernst, dass es nicht in eine Farce verwandelt werden könnte.

Am Nachmittag dieses erschütternden ersten Verhandlungstages ergreift der Anwalt Andre Picker das Wort. In der rechten Szene hat er durchaus einen Namen, weil er schon in mehreren Prozessen gegen Neonazis als Verteidiger aufgetreten ist. Picker erklärt, weshalb er es für „unzulässig“ halte, dass er hier im Gerichtssaal eine Maske zum Schutz gegen Corona tragen muss: Die „Pflicht zur Verhüllung“ sei doch das „kontradiktorische Gegenteil“ des normalerweise bei Prozessen geltenden Vermummungsverbots. Die Maske schränke „die Konzentrationsfähigkeit massiv ein“, sei ein „Eingriff in die Berufsausführungsfähigkeit eines Organs der Rechtspflege“; und im Übrigen „demütigend“ und „eines freien Menschen unwürdig“.

Sein Verteidiger-Kollege Dubravko Mandic, bekannt als Landtagskandidat der AfD, pflichtet bei und moniert: Vorhin habe sogar der Vorsitzende Richter die Maske unterm Kinn gehabt, obwohl er gar nichts gesagt habe! Das möge man bitte zu Protokoll nehmen. Die Verteidigung hingegen solle „gegängelt“ werden, das seien „Sperenzchen“.

Immerhin, ihr Vorstoß findet selbst im Kreise der Anwaltskolleginnen und -kollegen wenig Zuspruch. Einer seufzt: „Da fällt mir nix mehr dazu ein.“

Die Szene lässt aber schon einmal erahnen, wie zermürbend dieser Prozess noch werden könnte. 101 Verhandlungstage sind terminiert. Urteilsverkündung: voraussichtlich im Juli 2022.

Sie planten, Blutbäder in Moscheen anzurichten, sie wollten die Bundesrepublik in ein Bürgerkriegsland verwandeln, ihr Rädelsführer stammt aus Schwäbisch Gmünd, und ihr Gründungstreffen war in Alfdorf: Bereits der Eröffnungstag im Stammheimer Terrorprozess gegen die sogenannte Gruppe S. förderte Ungeheuerliches zu Tage.

Fürsorge und Hass: Der Richter und die Angeklagten

Die Verhandlung im Justizgebäude Stammheim beginnt mit einer Szene, die kaum der Rede wert, jedenfalls

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