Rems-Murr-Kreis

Beschwerden in Rems-Murr-Kliniken: Darüber ärgern sich die Patienten am meisten

Krankenhaus
Der Haupteingang des Rems-Murr-Klinikums in Winnenden. © Benjamin Büttner

Schlimm genug, ins Krankenhaus zu müssen. Wenn die Patienten es dort obendrein mit maulfaulen Ärzten und unmotivierten Pflegekräften zu tun bekommen, das Essen ungenießbar ist und sich der Zimmernachbar als Nervensäge entpuppt, dann ist das ein Fall für die vier Patientenfürsprecher/-innen am Rems-Murr-Klinikum in Winnenden und an der Schorndorfer Klinik – oder aber für das offizielle Beschwerdemanagement der Krankenhäuser. Die Ärgernisse, die bei den Patientenfürsprechern auflaufen, decken sich im Grunde mit denen des Beschwerdemanagements. Auffällig am jüngsten Bericht der Patientenfürsprecher ist: Übers schlechte Essen wird seltener gejammert. Umso größer war in den Corona-Jahren 2020 und 2021 der Ärger über die restriktiven Besuchsregelungen.

Patientenfürsprecher wünschen sich höheren Bekanntheitsgrad

Im Sozialausschuss des Kreistages haben Dr. Irmengard Reichl und Ingrid Franz (Schorndorf) sowie Ursula Bodamer und Paul Hug (Winnenden) ihren Tätigkeitsbericht abgegeben. Einmal mehr beklagte Paul Hug, dass die Patientenfürsprecher sowohl bei Patienten wie auch bei den 2500 Beschäftigten der Klinik zu wenig bekannt seien. Mit 58 (2020: 74) Kontakten haben sich coronabedingt noch weniger Personen an die Fürsprecher gewandt als in den Vorjahren. „Wir arbeiten patientenorientiert und setzen uns für die Stärkung der Patientenrechte ein“, so Paul Hug. Patientenfürsprecher seien aber keine Rechtsberater, stellte Hug klar. „Wenn es nötig ist, übernehmen wir eine Mittlerrolle zwischen Patient und Klinikpersonal und tragen so zur Klärung und Entschärfung von Konflikten bei.“ Wünschenswert wäre, dass sich Patienten und Angehörige mit ihren Anliegen noch während des Klinikaufenthalts an die Fürsprecher wenden, nicht erst später.

Entlassung aus der Klinik: Und dann?

Vor allem für ältere Patienten beginnt nach der Entlassung die schwierigste Zeit. Viele von ihnen leben allein, können sich jedoch nach einem Krankenhausaufenthalt nicht gleich wieder selbst versorgen. Umso wichtiger wäre es, dass sich die Krankenhäuser rechtzeitig ums Entlassmanagement kümmern. „Angehörige beklagen eine oftmals kurzfristige Information über den Zeitpunkt der Entlassung, so dass sie sich nicht rechtzeitig darauf einrichten konnten“, heißt es im Bericht.

Eine nicht zeitnahe Klärung einer Reha-Anschlussunterbringung, einer Unterbringung in einem Pflegeheim, in Kurzzeit- oder Tagespflege, Mängel bei der Beschaffung von Hilfsmitteln seien weitere Klagen. In einigBesen Fällen soll es vorgekommen sein, dass Patienten nur in „Flügelhemden“ bekleidet nach Hause gebracht worden seien, nannte Hug ein besonders krasses Beispiel. Doch die Patientenfürsprecher kennen auch die Gründe, weshalb Patienten nach dem Krankenhaus oft vor dem Nichts stehen: Die Verweildauer wird immer kürzer. Weshalb die Rems-Murr-Kliniken planen, durch eine Kurzzeitpflege in den Kliniken die ambulanten und die stationären Versorgungsangebote enger zu verzahnen.

Beschweren kann man sich auch auf Facebook oder Instagram

Das offizielle Beschwerdemanagement der Rems-Murr-Kliniken hatte es im vergangenen Jahr bei rund 43 000 Patienten mit 908 Beschwerden zu tun und damit mit derselben Beschwerdequote wie in den Vorjahren. Die Quoten pendeln in Winnenden zwischen 1,8 und 2,3 Prozent; in Schorndorf zeigen sich Patienten etwas zufriedener. Die Quoten dort liegen zwischen 1,3 und 2,1 Prozent. Die Hälfte der Beschwerden kommt über die Lob- und Kritikkarten herein. Jedoch öffnet sich das Beschwerdemanagement verstärkt Facebook, Instagram oder Google, sagte Sarah Kluske, Leiterin des Beschwerdemanagements der Kliniken, im Sozialausschuss.

Früher beschwerten sich die Leute viel häufiger übers Essen

Die häufigsten Beschwerdegründe im vergangenen Jahr waren:

  • Kommunikation der Ärzte (14 Prozent): Seien es fehlende Gesprächsangebote oder die Verständlichkeit. Die Kliniken versuchen, mit dem Projekt „Erreichbarkeit“ Abhilfe zu schaffen.
  • Ärztliche Patientenversorgung/Therapie (13 Prozent)
  • Wartezeit (4 Prozent). Abhilfe soll ein neues Stationskonzept bringen.
  • Über Mängel in der Pflege beschwerten sich 19 Prozent der Patienten. Darunter fiel die pflegerische Patientenversorgung (10 Prozent), Freundlichkeit und Empathie der Pflegekräfte (5 Prozent) sowie Gesprächsangebote und Verständlichkeit (4 Prozent).
  • Unter „Sonstiges“ (21 Prozent) führt das Beschwerdemanagement Klagen über die Zimmer oder den Nachbarpatienten.
  • Qualität des Essens (4 Prozent).

Ganz oft gibt es auch positive Rückmeldungen

Es gibt aber auch viel Lob: Sarah Kluske wies darauf hin, dass sie immerhin neun positive Rückmeldungen pro Woche bekommt. Hinzu kommt, dass nicht alle Beschwerden gerechtfertigt sind. Die Fürsprecher bestätigen den Eindruck, dass in Einzelfällen Patienten und Angehörige „ein unangemessenes Anspruchsverhalten“ an den Tag legen. „Obwohl wir in erster Linie dem Patienten gegenüber verpflichtet sind, wollen wir natürlich auch die Befindlichkeiten und Bedürfnisse der anderen Seite sehen und diese in unsere Meinungsbildung miteinbeziehen.“ - So hat erst kürzlich diese Zeitung über sexuelle Belästigungen durch Patienten berichtet, denen sich eine junge Krankenpflegerin in Winnenden ausgesetzt fühlt. Ein Phänomen in Kliniken, das bundesweit zunimmt.

Schlimm genug, ins Krankenhaus zu müssen. Wenn die Patienten es dort obendrein mit maulfaulen Ärzten und unmotivierten Pflegekräften zu tun bekommen, das Essen ungenießbar ist und sich der Zimmernachbar als Nervensäge entpuppt, dann ist das ein Fall für die vier Patientenfürsprecher/-innen am Rems-Murr-Klinikum in Winnenden und an der Schorndorfer Klinik – oder aber für das offizielle Beschwerdemanagement der Krankenhäuser. Die Ärgernisse, die bei den Patientenfürsprechern auflaufen, decken

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