Rems-Murr-Kreis

Betriebsärzte sollen ab 7. Juni gegen Corona impfen: Warum das ein Rohrkrepierer werden könnte

Altenheim
Corona-Impfungen: Die Nachfrage ist groß, das Angebot begrenzt. © ALEXANDRA PALMIZI

Die Corona-Impfkampagne steckt in einem immer enger werdenden Flaschenhals, denn der ist nicht breiter geworden, obwohl immer mehr hindurchwollen. Nun sollen auch noch die Betriebsärzte und Unternehmen mitmischen in dem Gedränge.

„Die Frist für Betriebsärzte, Impfstoff für den Auftakt in den Betrieben ab dem 7. Juni zu bestellen, wurde erst am Mittwoch (19.5.) im Laufe des Tages bekannt. Die Frist bis Freitag, 12 Uhr, war extrem knapp bemessen“, sagt Markus Beier. Der Leitende Geschäftsführer der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr geht aber davon aus, dass alle Betriebsärzte, die gemeinsam mit den Unternehmen, die sie betreuen, in den vergangenen Wochen Impfkonzepte ausgearbeitet haben, „selbstverständlich dennoch bestellt haben“. Doch nicht alle Unternehmen können oder wollen mitmachen.

Schlechte Aussichten für kleine und mittlere Unternehmen

Die kleinen und mittleren Unternehmen aus Gastronomie, Handel, Handwerk, Dienstleistung und Industrie stehen derzeit vor besonderen Herausforderungen, Impfungen ihrer Mitarbeitenden zu organisieren, sagt Beier. „Die meisten Betriebe möchten dies und unterstützen den Wunsch der Mitarbeitenden, sich impfen zu lassen. Viele können dafür aber nicht auf eigene betriebsärztliche Strukturen zurückgreifen.“ Deshalb sei es enorm wichtig, dass die Betriebe von der Politik nicht alleine gelassen werden mit dieser Aufgabe.

„Wir als Kammer unterstützen die Betriebe dabei, so gut es geht. Derzeit hilft nur, auf vielen verschiedenen Wegen zum Ziel zu kommen. Dazu gehören auf jeden Fall die individuellen Impftermine der Mitarbeitenden im Impfzentrum, beim Haus- oder Facharzt. Eine gute Möglichkeit für kleine Betriebe könnte auch sein, größere Firmen in der Nachbarschaft gezielt anzusprechen, ob die eigenen Mitarbeiter dort mitgeimpft werden können“, so Beier.

Wie steht es um die Nachnutzung des Impftrucks in Gewerbegebieten?

Der Impftruck des Rems-Murr-Kreises als mobile Lösung wäre ein weiterer Baustein, Impfkapazitäten nah an die Betriebe zu bekommen, findet der IHK-Bezirkskammer-Geschäftsführer. „Beim Impftruck warten wir auf Rückmeldung aus dem Sozialministerium auf den gemeinsamen Vorschlag mit Landrat Dr. Sigel, den Truck im Rems-Murr-Kreis für Impfungen in Gewerbegebieten einzusetzen. Über allem steht derzeit der Impfstoffmangel, der uns auch hier ausbremst“, sagt Beier.

Der Impftruck wird bis 24. Mai alle 31 Kommunen des Rems-Murr-Kreises für Erst- und Zweitimpfungen von über 70-Jährigen angefahren haben. Insgesamt werden dann im Truck gut 6000 über 70-Jährige vollständig geimpft worden sein. Der Biontech-Impfstoff dafür kam extra – vom Land über die Mobilen Impfteams des Zentralen Impfzentrums des Robert-Bosch-Krankenhauses.

Für die Zeit nach dem 24. Mai ist die Weiterverwendung des Impftrucks noch ungewiss. Landrat Richard Sigel wird mit Ministerialdirektor Prof. Uwe Lahl kommende Woche neben der Möglichkeit des Einsatzes des Impftrucks in Gewerbegebieten zur Impfung von Beschäftigten kleiner und mittlerer Unternehmen auch Idee Nummer zwei diskutieren, nämlich den Integrationsklassen der beruflichen Schulen Impfangebote zu unterbreiten. Gebucht ist der Truck des DRK zunächst bis Ende Juni; drei Monate Verlängerung wären denkbar.

„Wir begrüßen das Engagement des Rems-Murr-Kreises sehr, sich mit dem Impftruck weiterhin bei den Impfungen einzubringen, zum Beispiel im Bereich von sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen“, bestätigt Pascal Murmann, Sprecher des Landes-Sozialministeriums. „In der kommenden Woche werden sich Landrat Sigel und Amtschef Lahl deshalb zum Gespräch treffen und das weitere Vorgehen sowie Details ausloten. Alles hängt natürlich davon ab, dass wir genügend Impfstoff bekommen.“

Genau daran könnten nämlich gleich zu Beginn auch die Impfungen bei Betriebsärzten ab 7. Juni scheitern. An dem Tag soll auch eine Neufassung der Bundes-Impfverordnung in Kraft treten, die neben einer Aufhebung jeglicher Impfpriorisierungen auch Regelungen zu betriebsärztlichen Impfungen enthalten wird. Für die Kalenderwoche 23 (7. bis 13. Juni) konnte bundesweit jeder Betriebsarzt an Impfstoffen ausschließlich Biontech bestellen, und davon maximal 804 Dosen. So steht es in einer Handreichung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Wie bei den Arztpraxen laufen die Impfstoffbestellungen über die Apotheken und den Pharma-Großhandel direkt beim Bund ein, quasi am Land vorbei.

Wie Stihl und Kärcher ihre Corona-Impfungen planen

„Unsere zwei Betriebsärzte haben die maximale Menge von 1608 Biontech-Dosen bestellt. Wir erwarten allerdings nicht, dass so viel geliefert wird“, sagt Anouk von Hochmeister von der Kommunikationsabteilung des Winnender Reinigungsgeräte-Herstellers Kärcher. Es werde sogar schon kolportiert, dass pro Betriebsarzt de facto nur 40 Dosen am 7. Juni ausgeliefert werden. „Das ist alles noch ungewiss, wir sind allerdings vorbereitet auf mehrere Szenarien und könnten an allen Standorten im kleinen und im großen Stil die Beschäftigten impfen.“

Beim Motorsägen-Hersteller Stihl sieht man das ähnlich. Der größte Impfstandort für die Beschäftigten könnte laut Pressereferentin Hien Nguyen in Waiblingen sein „und vier Impfstraßen mit einer möglichen Kapazität von rund 300 Impfungen pro Tag umfassen, dies abhängig von der täglich zur Verfügung stehenden Menge an Impfstoff“.

Keine guten Voraussetzungen für ärztliche Erstimpfungen

Auch Tilman Hecht, Rems-Murr-Vorsitzender im Landesapothekerbeirat, hat seine Zweifel, dass die in Aussicht gestellten Liefermengen für Betriebsärzte für die KW 23 auch kommen werden. „Biontech-Erstimpfungen sind im Moment sowieso das Sorgenkind der Ärzteschaft. Die Bestellmengen für Biontech-Erstimpfungen sind bei den Haus- und Fachärzten für die kommende Woche (ab 24. Mai) auf zwölf Dosen je Arzt beschränkt. Keine Beschränkungen gibt es für Biontech-Zweitimpfungen und grundsätzlich für Astrazeneca.“

Laut Kassenärztlicher Vereinigung Baden-Württemberg werden die Haus- und Facharztpraxen gerade von Telefonanrufen Impfwilliger „überrannt“. Aktuell seien aber keine Erstimpfungen in den Praxen möglich, weil Impfstoffe und Kapazitäten für die Zweitimpfungen benötigt würden. Der stellvertretende KVBW-Vorsitzende, Dr. Johannes Fechner, hat deshalb am Mittwoch (19.5.) dringend gebeten, von Terminanfragen für Impfungen abzusehen.

Kaum vorstellbar, wie unter diesen Umständen nun auch noch für die Betriebsärzte mehr und zusätzlich Impfstoff da sein soll. „Es wird auf die unbekannte Größe des vom Bund vorgesehenen Impfstoff-Gesamtkontingentes für die Betriebsärzte ankommen und darauf, wie viele Betriebsärzte bestellt haben“, erläutert KVBW-Sprecher Kai Sonntag die Hintergründe.

Die Corona-Impfkampagne steckt in einem immer enger werdenden Flaschenhals, denn der ist nicht breiter geworden, obwohl immer mehr hindurchwollen. Nun sollen auch noch die Betriebsärzte und Unternehmen mitmischen in dem Gedränge.

„Die Frist für Betriebsärzte, Impfstoff für den Auftakt in den Betrieben ab dem 7. Juni zu bestellen, wurde erst am Mittwoch (19.5.) im Laufe des Tages bekannt. Die Frist bis Freitag, 12 Uhr, war extrem knapp bemessen“, sagt Markus Beier. Der Leitende

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