Rems-Murr-Kreis

Bewerben mit Kopftuch: So geht es gut

Bewerben mit Kopftuch
„Bewerben mit Kopftuch“ hieß das Online-Seminar, das die Agentur für Arbeit diesem ganz bestimmten Kreis von Muslimas angeboten hat. Referentin war Anna Basse, Trainerin für Integration aus Königstein. © ALEXANDRA PALMIZI

Wo genau eigentlich fängt es an zu knirschen, wenn ein Unternehmen eine Stelle besetzen will, womöglich einen Traumjob, und es bewerben sich Frauen darauf, die ein Kopftuch tragen? Frauen, die offensiv zeigen, dass sie Muslimas sind? An was kaut dann der potenzielle Arbeitgeber? Wo liegt das Problem der Frauen? Und wie können alle miteinander zusammenfinden?

Daran, dass gläubige Muslimas täglich mehrmals beten, sagt Alija, kann's nicht liegen. Denn das Beten, sagt sie, dauere nur wenige Minuten. Vielleicht zwei oder drei. Und wenn's partout nicht in den Arbeitstag passe, dann bete die Muslima halt, wenn sie wieder zu Hause sei.

Oft wissen die Frauen nicht, weshalb sie die Stelle nicht bekommen

Alija ist 38 Jahre alt, kommt aus Algerien, hat in Frankreich Architektur studiert und sucht seit elf Jahren in Deutschland eine Stelle. Es klappt einfach nicht. Warum nur? Ist ihr Kopftuch schuld? Fällt sie deshalb immer sofort raus aus dem Kreis derer, die bei den potenziellen Arbeitgebern in die engere Auswahl kommen?

Alija nimmt teil bei einem Onlinekurs, den die Agentur für Arbeit zum ersten Mal angeboten hat: „Bewerben mit Kopftuch“ – ein Seminar, bei dem es um „mögliche Vorurteile und Klischees von potenziellen Arbeitgebern“ gehen soll. Darum, wie Muslimas damit selbstbewusst umgehen. Aber auch ums Betrachten der eigenen Situation.

Was ist wirklich das Problem? Das Kopftuch? Oder die vier Kinder?

Alija befragt sich selbst sehr kritisch: Vielleicht ist das Kopftuch das Problem, vielleicht aber sind's auch ihre vier Kinder, für die sie natürlich da sein muss? Vielleicht auch beides? Die Architektur hat sie inzwischen abgeschrieben, auch wenn das Herz blutet. Sie bewirbt sich jetzt auf Ausbildungsstellen als Erzieherin. Und will erfolgreich sein, egal was bislang der Ablehnungsgrund war. „Ich hätte nie gedacht, dass andere über mein Kopftuch nachdenken, denn ich mache das nicht“, sagt sie. Aber sie hat jetzt entschieden, dass sie das Kopftuch dann halt nicht trägt.

Nicht jede der anderen acht Frauen, die an dem Seminar teilnehmen, würde diesen Schritt gehen. Salwa sagt: „Bei der Arbeit spielt das Kopftuch keine Rolle. Sondern die Fähigkeit!“ Sie fordert: Arbeitgeber sollen ihre Türen für Frauen mit Kopftuch öffnen. „Wir sind offen und haben gute Qualifikationen.“ Man müsse sich einfach nur kennenlernen. Sie habe zwar Stoff auf dem Kopf, aber Schätze im Kopf. Salwa lebt seit 2004 in Deutschland. Sie hat hier ihre Dissertation geschrieben. Sie ist Agraringenieurin und kommt aus Syrien.

Ist das Kopftuch ein Zeichen der Unterdrückung der Frau? Bedeutet das Kopftuch, dass die Frau zumindest während der Fastenzeit nicht leistungsfähig ist? Nein und nochmals Nein, sagen diese Frauen. Das Kopftuch sei ein Glaubensbekenntnis, Tradition und freie Entscheidung. Und die Fastenzeit setze im Gegenteil ungeahnte Kräfte frei.

Es gibt natürlich auch Vorurteile – aber es gibt auch wichtige Kriterien

Dennoch: Vorurteile erfahren die Frauen immer wieder. Ülkü erzählt von einer Freundin, die Verkäuferin in einer Bäckerei ist. Und es gebe tatsächlich Kunden, die nicht von ihr bedient werden wollen.

Der Arbeitgeber kann hier in einem Dilemma stecken. Er braucht die Kunden, damit das Geschäft läuft. Er kann also verlangen, dass dem Kundenwunsch nachgegeben wird. Er kann aber auch ein Zeichen setzen: Diese Frau arbeitet bei mir, und zwar so, wie sie ist.

Viel wichtiger aber als die Frage nach dem Kopftuch, das weiß Ülkü auch, ist die Frage nach der Sprache. Drei Bewerbungsgespräche hatte sie schon, jetzt hat sie einen Praktikumsplatz ergattert. Erzieherin will sie werden. Und damit das auch sicher klappt, macht sie nebenher einen Sprachkurs, der ganz speziell auf die beruflichen Anforderungen zugeschnitten ist.

Was erst ungewohnt ist, kann zum Alltäglichen werden

Die Frauen im Seminar grollen nicht. Sie haben einfach nur Wünsche: „Sprecht mit uns“, sagen sie. „Lernt uns kennen.“ Was erst ungewohnt ist, kann zum Alltäglichen werden. Was erst fremd ist, kann bereichern. Oya, die selbst kein Kopftuch trägt, arbeitet in einer Beratungsstelle, in der sie Frauen unterstützt, die wegen ihres Kopftuchs diskriminiert werden. Sie sagt: „Wenn man zusammenarbeitet, gewöhnt man sich. Irgendwann ist alles normal.“

Wo genau eigentlich fängt es an zu knirschen, wenn ein Unternehmen eine Stelle besetzen will, womöglich einen Traumjob, und es bewerben sich Frauen darauf, die ein Kopftuch tragen? Frauen, die offensiv zeigen, dass sie Muslimas sind? An was kaut dann der potenzielle Arbeitgeber? Wo liegt das Problem der Frauen? Und wie können alle miteinander zusammenfinden?

Daran, dass gläubige Muslimas täglich mehrmals beten, sagt Alija, kann's nicht liegen. Denn das Beten, sagt sie, dauere nur

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