Rems-Murr-Kreis

Biontech-Rationierung: Kinderärzte aus dem Rems-Murr-Kreis toben

Kinderärzte
Dieses Bild stammt aus Zeiten, als das Coronavirus noch nicht mal eine böse Ahnung war. Ralf Brügel und Annette Weimann sprachen bei diesem Termin über den Kinderärztemangel im Rems-Murr-Kreis. Jetzt sind sie so zornig auf die Gesundheitspolitik, dass in ihnen die Frage gärt, ob sie selbst ihre Arbeit reduzieren sollen. Es wäre eine Katastrophe für die Kinder und Jugendlichen. © Benjamin Buettner

Dr. Annette Weimann, Kinderärztin aus Waiblingen, hat irre viel um die Ohren. Sie hat trotzdem eine E-Mail rausgehauen. Sie schreibt von „unendlichem Unmut und Zorn“. Es geht um die Rationierung des Biontech-Impfstoffs. Mit den wenigen Fläschchen, die jeder Arzt seit neuestem nur noch bestellen darf, können die Kinderarztpraxen ihren Kampf gegen Corona so gut wie einstellen.

Die Rationierung von Biontech gilt auch für Kinderärzte

Der noch amtierende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat die Verteilung des Biontech-Impfstoffs rationiert. Er verspricht den Menschen stattdessen den „Rolls Royce“ unter den Impfstoffen: Moderna. Wie die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg mitteilt, gilt die Rationierung nicht nur für die Praxen, in denen Erwachsene sich ihre Impfung abholen. Sondern sie gilt auch für die Kinder- und Jugendarztpraxen.

Der Impfstoff von Moderna ist zwar, wie das Paul-Ehrlich-Institut Ende Juli bekanntgab, von der Europäischen Arzneimittelagentur nachträglich auch für Jugendliche ab zwölf Jahren zugelassen worden. Die Stiko zog aber bei der 13. Aktualisierung ihrer Covid-19-Impfempfehlung am 18. November diesbezüglich zurück. Das Robert-Koch-Institut schreibt in seinem Epidemiologischen Bulletin: „Die Stiko empfiehlt für die Covid-19-Grundimmunisierung bei unter 30-Jährigen nur noch den mRNA-Impfstoff Comirnaty von Biontech/Pfizer, da in dieser Altersgruppe das Risiko einer Myokarditis nach Impfung mit dem mRNA-Impfstoff Spikevax von Moderna höher ist als mit Comirnaty.“ Wer bei der ersten Impfung schon Moderna bekommen hatte, solle auch auf Biontech umsteigen, und zwar sowohl bei der zweiten als auch bei einer eventuellen Booster-Impfung.

Was heißt das? Offenbar und belegt durch die Auswertung zahlreicher Daten treten Herzmuskel- und Herzbeutelentzündungen bei Jungen und jungen Männern sowie bei Mädchen und jungen Frauen unter 30 Jahren nach der Impfung mit Spikevax von Moderna häufiger auf als nach der Impfung mit Comirnaty von Biontech. Deshalb empfiehlt die Stiko zwar nach wie vor die Impfung ab zwölf. Aber eben nur noch mit Biontech.

Das heißt: Kinder- und Jugendärzte werden nur noch auf Biontech zurückgreifen. Und das ist jetzt fast unmöglich. Ursprünglich hieß es, dass jeder Arzt nur noch fünf Fläschchen Biontech pro Woche bestellen dürfe. Aus einem Fläschchen können laut Ralf Brügel, Kinderarzt aus Schorndorf und Sprecher der Kinderärzte im Kreis, für Jugendliche sieben Impfdosen gezogen werden, ergibt insgesamt 35 Impfungen in der Woche. Der Bund habe zwar „mehr Biontech zugesagt“, schreibt die Kassenärztliche Vereinigung: Es könnten nun acht Fläschchen, also 56 Impfdosen pro Woche bestellt werden. Aber das gilt nur „für die kommende Woche“. Und so kommt Kai Sonntag, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung, zu dem Schluss: „Aber klar ist, dass das Problem damit nicht gelöst wird.“

Brügel fühlt sich „herbeleidigt“: Alles sei „saumäßig ätzend“

Ralf Brügel hat jüngst eine Mail an eine SPD-Gesundheitsexpertin in Berlin – er benennt sie nicht weiter – geschrieben. Die Dame, sagt er, habe erklärt, die Ärzte sollten jetzt endlich mal ihr Engagement hochfahren. Brügel platzt schier. Er sagt, er werde „herbeleidigt“. Es sei ein „völliger Witz“ und alles „saumäßig ätzend“. Er habe Impftage an Wochenenden mit 150 und mehr Terminen geplant, die könne er absagen. Auch Annette Weimann fragt, ob sie „Patienten AB!BESTELLEN?!“ solle. Bei so vielen Großbuchstaben und Ausrufezeichen brüllt’s fast aus dem Computer.

Ralf Brügel ist seit Jahren ein begeisterter Kinderarzt. Doch jetzt, sagt er, habe er keine Lust mehr. Wäre er, sagt er, fünf Jahre älter, er würde die Praxis schließen.

Es sei, schreibt Annette Weimann, kein Wunder, dass die Hälfte, etwa 3000 von 6000 Kinderarztpraxen in Baden-Württemberg, mit den Covid-Impfungen „entnervt aufhören“. Ihr bitteres Fazit: „Wir überlegen das jetzt auch.“

Dr. Annette Weimann, Kinderärztin aus Waiblingen, hat irre viel um die Ohren. Sie hat trotzdem eine E-Mail rausgehauen. Sie schreibt von „unendlichem Unmut und Zorn“. Es geht um die Rationierung des Biontech-Impfstoffs. Mit den wenigen Fläschchen, die jeder Arzt seit neuestem nur noch bestellen darf, können die Kinderarztpraxen ihren Kampf gegen Corona so gut wie einstellen.

Die Rationierung von Biontech gilt auch für Kinderärzte

Der noch amtierende Bundesgesundheitsminister

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