Rems-Murr-Kreis

Bischofswahl - nach Christian Gehrings Gast-Kommentar: Briefe-Flut an den ZVW

Christian Gehring
„Ein Haifischbecken“ sei die evangelische Landessynode, hat Christian Gehring, CDU, geschrieben – und damit eine Riesendebatte losgetreten. © Gabriel Habermann

Als verantwortungslos und egoistisch hat der CDU-Landtagsabgeordnete Christian Gehring in einem Gastkommentar die württembergische Landessynode bezeichnet, weil sie dem Bischofskandidaten der pietistischen Lebendigen Gemeinde die Zweidrittel-Mehrheit verweigerte. Dazu hat uns eine Fülle von Leserbriefen erreicht. Wir dokumentieren die äußerst unterschiedlichen Meinungen hier.

Künftig bitte Direktwahl!

Es ist schon traurig genug, dass man unter Christen nicht bereit war, im vierten Wahlgang Herrn Heinzmann zum Bischof zu wählen, sondern unter den Gruppierungen so uneinig war. Denn schließlich ist eine Synode kein Abklatsch eines Parteien-Parlaments, sondern repräsentiert die Kirche Jesu Christi! Angesichts dieser verworrenen Situation plädiere ich dafür, in Zukunft den Landesbischof – genau wie die Synode – direkt vom Kirchenvolk wählen zu lassen!

PS: Ich finde es, was den dritten Wahlgang anging, wo Heinzmann, 41 Stimmen, und Frau Dr. Schrenk, 39 Stimmen, sehr eng beieinanderlagen, demokratisch nicht in Ordnung, dass hier das aktuelle Wahlrecht bestimmt, dass die mit nur zwei Stimmen hinter Heinzmann liegende Viola Schrenk plötzlich aus dem Verkehr gezogen wurde. Das hat meines Erachtens mit Demokratie nichts mehr zu tun. Man hätte die beiden in die Stichwahl schicken sollen und genügend Zeit einräumen, damit sie mit den anderen Gesprächsgruppen Kontakt aufnehmen können, um jeweils die anderen Synodalen von ihren Positionen zu überzeugen versuchen.

Dass im fünften Wahlgang dann der Ulmer Dekan Gohl gewählt wurde, zeigt, das Offene Kirche und Lebendige Gemeinde doch noch aufeinander zugegangen sind und den Mann der Mitte gewählt haben.

Norbert Chmelar, Schorndorf

Gehrings Wissenslücken

Sehr geehrter Herr Gehring, ich bin schon sehr erstaunt, mit wie wenig Ahnung Sie als „Kirchenpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion“ von der Bischofswahl schreiben. Ich rate Ihnen sehr – schon alleine um Ihres Amtes willen –, sich für künftige Verlautbarungen mehr Wissen über unsere Kirche und Kirchenpolitik anzueignen. Sie sprechen von Ihrer Wahl des Ministerpräsidenten und des Bundeskanzlers und von Verantwortungsbewusstsein. Verzeihen Sie mir den Vergleich: Aber ich kann mir beileibe nicht vorstellen, dass Sie eine „linke“ Bundeskanzlerin gewählt hätten ...

Kerstin Jeutter, Rudersberg

Dass Gohl sich dafür hergibt ...

Für mich hat es sich so dargestellt, dass insbesondere dem jetzt zum Landesbischof gewählten Herrn Gohl und seiner Gruppierung Evangelium und Kirche (EuK) die Attribute egoistisch und machtpolitisch zuzuschreiben sind.

Ich denke, Herr Gohl und seine EuK hatten genau so kalkuliert, wie es jetzt gelaufen ist: Herr Gohl mit deutlich den wenigsten Stimmen zieht im zweiten Wahlgang zurück, im dritten Wahlgang sorgt die EuK dafür, dass die Kandidatin Schrenk aus dem Verfahren ausscheidet, und im vierten Wahlgang wird dann gezielt der noch verbliebene Gottfried Heinzmann ins Aus befördert. Jetzt denjenigen, der als Erster mit den wenigsten Stimmen aus dem Verfahren war, als Kompromisskandidaten durchzudrücken, finde ich unterirdisch – dass Herr Gohl sich dafür hergibt, spricht für sich.

Fragen stellen sich jedoch auch an das Wahlverfahren, das so ein Ergebnis ermöglicht. Dass es in der Synode unterschiedliche Positionen gibt, halte ich für normal. Diese muss man dann in guter demokratischer Weise aushalten – auch, dass eine Wahl im ersten Anlauf scheitert. Es wäre angesagt gewesen, sich bis zur nächsten Tagung im Sommer auf neue Kandidaten zu verständigen und erneut zu wählen. Jetzt haben wir für zehn Jahre einen Kompromiss anstelle eines Bischofs – gut, dass Kirche an der Basis trotzdem funktioniert!

Ulrich Maier, Kernen

Würden Sie die AfD wählen?

Die Zeitung überrascht mich mit einer Erklärung von Christian Gehring, dem kirchenpolitischen Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, zum Ablauf der Wahl. In meinen Augen drückt die Stellungnahme nur seine Enttäuschung über die Nichtwahl seines bevorzugten Kandidaten aus. Schaue ich mir den Wahlablauf genau an, so finde ich es folgerichtig, dass vier Wahlgänge nötig waren, um den Kandidaten der „Mitte“ zu küren. Vorher mussten eben die Kräfteverhältnisse gemessen werden, auch wenn klar war, dass es weder für „Links“ noch für „Rechts“ reichen wird. Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Im Übrigen: Ihr Vergleich hinkt gewaltig, Herr Gehring – würden Sie auch einen Kandidaten der AfD zum Minister- oder Bundespräsidenten wählen? Einige Ihrer Parteifreunde haben ja kein Problem damit.

Reinhard Muth, Althütte

Der falsche Sprecher

Herr Gehring nennt die Landessynode ein Haifischbecken – das ist nur möglich, weil er sich weder mit den rechtlichen Bestimmungen für eine solche Wahl beschäftigt noch die Wahl genau verfolgt hat.

Zur Wahl des Landesbischofs braucht es eine Zweidrittelmehrheit, wie es sie sonst nur bei Verfassungsänderungen braucht. Da sowohl die liberale als auch die konservative Gruppe über eine Sperrminorität verfügt, war von vorneherein klar, dass weder Frau Schrenk noch Herr Heinzmann eine Chance haben.

Um aus einer solchen Patt-Situation herauszukommen, sieht das Verfahren eine zweite Runde vor. Der Nominierungsausschuss stellt einen neuen Wahlvorschlag auf. Darauf können Personen aus dem ersten Wahlvorschlag, aber auch neue stehen. Nun setzten sich alle vier Gesprächskreise zusammen und überlegten, welche Person eine reale Chance hat, die Zweidrittelmehrheit zu erreichen. Dabei richtete sich der Blick auf Herrn Gohl, der nach der ersten Runde zurückgezogen und sich ins Wartezimmer gesetzt hatte. Nachdem Probeabstimmungen in allen Gesprächskreisen ergaben, dass es klappen könnte, weil Synodale aus allen Gruppen bereit waren, für Gohl zu stimmen, wurde er aufgestellt und gewählt.

Also überhaupt kein Haifischbecken, sondern Synodale aller Gruppen haben sich geeinigt und Gohl gewählt. Und am Schluss auch kein Scherbenhaufen. Der Sprecher der Lebendigen Gemeinde sagte: „Wir sind zwar traurig, aber wir können mit dem Ergebnis gut leben.“ Ähnlich auch der Sprecher der Offenen Kirche. Von alledem hat Herr Gehring keine Notiz genommen. Ich glaube, die CDU sollte sich einen anderen kirchenpolitischen Sprecher suchen.

Dr. Jörg Rothermundt, Plüderhausen

Nicht wie die Bundestagswahl

Sehr geehrter Herr Gehring! Schön, dass wir miteinander der evangelischen Landeskirche in Württemberg verbunden sind und dass uns unsere Kirche nicht gleichgültig ist. Zur Bischofswahl habe ich gleichwohl eine etwas andere Einschätzung als die von Ihnen publizierte: Beachtenswert scheint mir, dass die Wahl in einem einwandfreien demokratischen Prozess stattfand.

Man mag bedauern, dass sein Favorit nicht gewählt wurde. Das ist auch bei mir der Fall. Festzuhalten gilt freilich, dass Herr Gohl schließlich mit einer Stimme mehr als der geforderten 2/3-Mehrheit gewählt wurde. Vielleicht muss sich unsere Kirche Gedanken machen, ob diese Hürde (in Einzelfällen) nicht nachteilig ist. Gut gemeint ist ja nicht immer zugleich auch gut. Schön, dass es in unseren Reihen genügend gut geeignete Kandidaten/-innen für dieses wichtige Amt gibt. Trotz zweifellos bestehender Irritationen scheint die Wahl ohne persönliche Verletzungen der drei Kandidaten verlaufen zu sein. Das unterscheidet die Wahl des neuen Landesbischofs doch erheblich von der vergangenen Bundestagswahl, vor allem was die Auseinandersetzungen zwischen Herrn Laschet und Herrn Söder angeht. Deshalb halte ich es für vollkommen überzogen, den Artikel mit „Ungeeint, egoistisch, machtpolitisch“ zu überschreiben.

Mir fehlt in Ihrem Beitrag auch etwas das Bedauern, dass die (Partei)-Politik ein Haifischbecken sei. Wenn es schon so ist, was ich sicher weit weniger beurteilen kann als Sie, sollte es, so weit wie möglich und so früh wie möglich, geändert werden. Das ist, soweit ich es für unsere Evang. Kirche einschätzen kann, weit, weit weniger der Fall. Dass Kirche überhaupt an Bedeutung verliert, beklagen wir beide wohl zu Recht. Die Gründe sind wohl vielfältig und zum Teil, aber eben nur zum Teil, sind sie hausgemacht. Ich wünsche Ihnen für Ihre wichtige politische Arbeit alles Gute.

Werner Degele, Schorndorf

Politisch motiviert

Christian Gehrings Forderung nach „weniger Politik“ bei der jüngsten Bischofswahl in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg ist wie immer politisch motiviert, ohne dass dies bemerkt zu werden scheint. Die lutherischen Kirchen waren von Anfang an fest im Griff der feudalistischen Landesherren, diese waren bis 1918 die Landesbischöfe. Die politische Fixierung auf die Obrigkeit wirkte über 1918 hinaus und sorgte dafür, dass auch die bekennenden Christen Hitler als von Gott gesandten Führer bejubelten und begeistert in dessen Vernichtungskrieg zogen. Die Missbrauchsfälle auch in den lutherischen Kirchen verraten, dass diese genauso autoritären Traditionen verpflichtet sind wie die Papstkirche. Eine Erneuerung kann wie in der Papstkirche nur geschehen in einer Umkehr zur machtkritischen Botschaft Jesu, wie sie in Mk 10,42-44 überliefert ist: Im kritischen Gegenüber zu den Machtmissbrauchern unserer gegenwärtigen Welt müssen Kirchen eintreten für den Dienst an der Allgemeinheit. In diesem Sinne müssen Kirchen mehr andere Politik wagen.

Friedrich Gehring, Backnang

Synodales Possenspiel

Auch ich bin enttäuscht von diesem synodalen Possenspiel. Die „letzten Getreuen“ fragen sich, was aus dieser Evangelischen Kirche noch werden soll. Wenn Jesus bei der Wahl dabei gewesen wäre: Er hätte vielleicht all die Abstimmerei, Erbsenzählerei, Neiderei und Selbstgerechtigkeit mit einem Wutausbruch kommentiert. Aber er war womöglich nicht mal im Geist dabei ...

Dorothea Layer-Stahl, Winnenden

Vergebene Chance

Ich gebe Herrn Gehring vollkommen recht, nur in einem möchte ich widersprechen: Die Synode ist genauso wenig „die Kirche“, wie es der Oberkirchenrat ist. „Die Kirche“, das sind alle Gläubigen, die sich unter ihrem Dach treffen. Aber richtig ist, dass der Verlauf der Wahl einer Synode unwürdig und die Blockade des Kandidaten Heinzmann ein undemokratischer Vorgang seitens des Gesprächskreises Offene Kirche war. Die Synode und vor allem die Offene Kirche hat damit sich und unserer Kirche geschadet.

Leider zeigt sich in diesem Vorgang auch, dass den Synodalen immer noch nicht bewusst ist, welche Chancen die Diakonie, und zwar gerade auch die sogenannte „Unternehmensdiakonie“ für die Zukunft der Kirche bietet. Hier werden unzählige Menschen erreicht, zu denen unsere Kirche in aller Regel keinen Zugang mehr hat, und zwar Mitarbeitende genauso wie Hilfesuchende. Wenn das im Bewusstsein der Synode wäre, hätte man Gottfried Heinzmann gerade wegen der Erfahrungen gewählt, die er aus diesem Bereich neben den wertvollen Erfahrungen aus der Jugendarbeit mitbringt. Leider ist dieser Horizont den Synodalen nicht aufgegangen.

Stattdessen wollte die OK mit allen Mitteln eine Frau ins Bischofsamt bringen. Das ist an sich ein gerechtfertigtes Anliegen. Aber wenn demnächst alle Gliedkirchen der EKD von Frauen geleitet würden, gäbe auch das kein gutes, ausgewogenes Bild ab. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass sich Kandidatinnen und Kandidaten für das Bischofsamt nicht mehr einem der Gesprächskreise der Synode zuordnen müssen. Die Gräben, die sich durch die Synode ziehen, wirken unheilvoll in die Landeskirche hinein. In der praktischen Arbeit sind diese Gräben – Gott sei Dank! – längst an vielen Stellen überwunden. Und für die Zukunft unserer Kirche brauchen wir einen weiteren Horizont!

Andreas Maurer, Vorstand Paulinenpflege Winnenden

Gehrings Kirchen-Bashing

Herr Gehring betreibt „Kirchen-Bashing“. Der von Herrn Gehring über den grünen Klee gelobte Kandidat wurde nicht zum Bischof gewählt. Das kommt bei Wahlen vor. Deshalb moniert er den Ablauf der Wahl und empört sich über die ungeeinte, egoistische und machtpolitische Kirche. Die Landessynode hat sich verständigt, ihren Bischof nach demokratischen Regeln zu wählen. Absprachen, Taktik, Kompromisse und Machtpolitik sind Teil eines demokratischen Vorgangs, auch wenn die Wahlen in der Kirche stattfinden.

Herr Gehring kennt diese demokratischen Spielregeln. Er argumentiert, wie Politiker zu argumentieren pflegen. Geht eine Wahl nicht so aus, wie man sich dies wünscht, wird das unfaire Verfahren gerügt. Gewinnt der Kandidat der eigenen Präferenz, ist alles in Ordnung. Ich kann nicht erkennen, wo bei diesen Wahlen eine Verweigerung stattgefunden hat. Ich kenne keine der drei KandidatInnen. Gut finde ich, dass nicht schon wieder ein Diakoniemanager Bischof wird. Der neue Bischof ist nicht der erste, der mit einer Stimme Mehrheit gewählt wurde. Er kann trotzdem ein guter Bischof sein. Ihm selbst und der Evangelischen Landeskirche wünsche ich dies.

Helmut Reder, Kernen

Es darf auch gestritten werden

Das zeichnet die Evangelische Kirche aus, dass in ihr auch gestritten werden darf und unterschiedliche Positionen und Bewertungen in ihr Raum haben. Das zeigt sich dann in Personen zugespitzt bei der Wahl eines Bischofs.

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass jemals einem Vertreten der Offenen Kirche das Leitungsamt übertragen wurde. Selbst als so profilierte Persönlichkeiten wie der frühere Stuttgarter Stadtdekan Kreyssig oder der damalige Stuttgarter Prälat Klumpp kandidierten. Letztlich beugten sich jeweils die „liberaleren Kräfte“ den „konservativen“. Gegen die pietistisch geprägte Lebendige Gemeinde, die über Jahrzehnte stärkste Kraft in der Synode, war oft nur ein Kompromisskandidat erfolgreich. So auch jetzt.

Ich hätte mir gewünscht, dass mit einer engagierten und profilierten Frau wie Viola Schrenk ein Zeichen des Aufbruchs gesetzt worden wäre. Denn das schwindende Interesse an der Kirche ist ja wohl weniger darin zu suchen, dass in ihr zu viel gestritten wird, sondern, dass so wenig Mut und Offenheit in gesellschaftlichen Debatten von der Kirche ausgehen.

Robert Schiek, Schorndorf

Als verantwortungslos und egoistisch hat der CDU-Landtagsabgeordnete Christian Gehring in einem Gastkommentar die württembergische Landessynode bezeichnet, weil sie dem Bischofskandidaten der pietistischen Lebendigen Gemeinde die Zweidrittel-Mehrheit verweigerte. Dazu hat uns eine Fülle von Leserbriefen erreicht. Wir dokumentieren die äußerst unterschiedlichen Meinungen hier.

Künftig bitte Direktwahl!

Es ist schon traurig genug, dass man unter Christen nicht bereit war, im

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper