Rems-Murr-Kreis

Bittenfelder Fruchtsäfte: Jürgen Petershans arbeitet am alkoholfreien Wein

Bittenfelder
Jürgen Petershans verkostet einen Wein, dem wohl nicht jeder sofort anmerkt, dass etwas Entscheidendes fehlt: Der Alkohol. © Gabriel Habermann

Staunenswerte Neuigkeiten gibt es aus dem Haus Bittenfelder Fruchtsäfte: Chef Jürgen Petershans und sein Team arbeiten an einem alkoholfreien Wein. Ein Spezialist für Aromastoffe hilft bei dem ungewöhnlichen Projekt.

Er flitzt kreuz und quer durch die Hallen, als gäb’s kein Morgen mehr. Vermutlich wurden E-Scooter für Menschen wie ihn erfunden, doch noch besitzt er keinen. In diversen Hallen käm’ er damit sowieso nicht voran. Jürgen Petershans und sein Team haben eine Auszeichnung bekommen. Eigentlich war das der Grund für den Vor-Ort-Termin, doch dann geschah, was immer mal geschehen kann bei Anlässen wie diesen: Man steht da und schaut und staunt und denkt sich, hier bist du x-mal schon vorbeigefahren, doch was sich hinter den Kulissen verbirgt, das hättest du nie gedacht.

Edelstahltanks mit Platz für acht Millionen Liter Saft zum Beispiel und eine Anlage, die Wein vom Alkohol befreit.

Die eigentliche Kracher-Nachricht darf noch nicht vollumfänglich in die Welt, denn noch dauert’s ein bisschen, bis alles fix und fertig eingetütet ist. „Eingeflascht“, müsste es eigentlich heißen.

Alkoholfreier Wein: Ein neues Verfahren macht es möglich

Die Bittenfelder Fruchtsäfte Petershans GmbH & Co. KG kooperiert seit einer Weile mit einem Spezialisten für Aromastoffe. Bald kommt ein alkoholfreier Wein auf den Markt, dem man’s nicht sofort anmerkt. Das wiederum hat mit Aromastoffen zu tun. Bisher, erklärt Firmenchef Petershans, gehen im Zuge der Entalkoholisierung Aromastoffe verloren. Das neue Verfahren macht’s möglich, gewisse Aromastoffe dem Wein wieder zurückzugeben, nachdem er sich schon in einer beeindruckend verwinkelten, hallenhohen Anlage vom Alkohol hat trennen müssen.

Jürgen Petershans lädt, da man nun schon mal da ist, zur Verkostung dieses Spezial-Weines ein. Er selbst steckt erst die Nase ins Glas und schwenkt den Inhalt routiniert hin und her.

Ehrlich gesagt: Schmeckt halt, wie Wein schmeckt, doch genau das scheint der Clou zu sein, das leuchtet selbst Banausen ein.

Szenenwechsel, denn wie gesagt, noch ist nicht die Zeit, da man die Innovation an die große Glocke hängen kann. Im überwiegenden Teil des 1,6 Hektar großen Geländes der Bittenfelder Fruchtsäfte GmbH & Co. KG geht es um – Fruchtsäfte. In einer der Hallen herrscht momentan tote Hose, das liegt an der Jahreszeit. Im Herbst geht’s dort wieder rund.

In Waiblinger Apfelsaft dürfen nur Waiblinger Äpfel

Wer eine Streuobstwiese auf Waiblinger Markung besitzt, darf sich glücklich schätzen, denn dann zahlt Petershans einen höheren Preis für die Äpfel: In Waiblinger Apfelsaft dürfen nur Waiblinger Äpfel. Immer dienstags von 14 bis 18 Uhr nimmt Petershans diese Äpfel an, doch erst müssen sie noch reifen am Baum. (Mehr zu Äpfeln auch hier.)

Etwa 100.000 Liter Öko-Saft aus Waiblingen produzieren die Bittenfelder im Jahr. Der Saft zählt seit langem zum Sortiment, das mehr als 50 verschiedene Fruchtsäfte, Fruchtsaftgetränke, Nektare und Fruchtweine umfasst. 90 Prozent tragen alkoholfreie Getränke zum Umsatz bei, erzählt der Firmenchef. Wer einen Wengert hat und genügend Trauben, damit sich’s auch lohnt, kann bei Petershans seinen eigenen Wein herstellen lassen – auch alkoholfrei.

Mit alkoholreduzierten Weinen hat Petershans eine Zeit lang experimentiert, doch die wollte kaum jemand haben. Die Kundschaft bevorzugt offenbar die Ganz-oder-gar-nicht-Variante: Mit Alkohol oder ohne und nicht irgendwas Halbgares dazwischen wird gewünscht.

Für Most interessierten sich früher viel mehr Leute. Im einen oder anderen Haushalt führte gar übermäßiger Mostgenuss über die Jahre zu Leberzirrhose. Heute lässt Petershans auf diverse Etiketten so seltsame Worte drucken wie „Biramoscht“ oder „Bittenfelder Schwaben Cidre“. Most, Apfelwein und Cidre unterscheiden sich in mehr als nur Nuancen: „Vielleicht wollen Sie mal probieren?“, fragt Petershans zum wiederholten Mal.

Danke, momentan nicht, lieber weiter hinter die Kulissen blicken.

Viel höhere Preise etwa für Ananas und Papier

Los geht’s erneut im Sauseschritt, jetzt in die Hallen mit den Tanks. Die darf man nicht nachlässig nur sauber schrubben, sonst verdirbt der konservierungsmittelfreie Saft im Nu. „Steril gemacht“ wird so ein Tank mit Dampf, erklärt Jürgen Petershans – „so ähnlich wie im OP“. In Arbeitstanks bringen schiffsschraubenähnliche Rührgeräte den Saft in Wallung, bevor er eine kurze Hitzephase durchläuft. Hinterher ist nichts mehr da, was sein Verderben verursachen könnte, weshalb der Saft im Tank ganz schön lange unversehrt lagern kann. Bis er in Flaschen fließt, sind noch ein paar Arbeitsgänge zu bewältigen. Aus diesem Grund beschäftigt Petershans in Summe 33 Menschen.

Obwohl Regionalität eine wichtige Rolle spielt und Petershans’ Verkaufsgebiet sich lediglich auf einen Umkreis von 50 Kilometern erstreckt, trifft die Wirrnis der großen weiten Welt auch ihn. Ananas zum Beispiel ist sehr viel teurer geworden, diverse Mittel, die man im Herstellungsprozess und für Reinigungsvorgänge braucht, kosten neuerdings ein Vielfaches, und die eklatant höheren Papierpreise bekommt Petershans ebenfalls zu spüren – Stichwort Etiketten. (Der hohe Papierpreis hat überhaupt viele Auswirkungen - mehr dazu hier.)

Der Unternehmer trägt’s mit Fassung. Ist halt so, es läuft nun mal nie immer alles rund. Als zum Beispiel die Energy-Drink-Welle die Menschheit erfasste, spürte Petershans das durchaus, denn viele Leute glauben, diese Drinks verleihen Flügel.

Er selbst käme, besäße er Flügel, noch schneller voran auf dem weitläufigen Firmengelände. Geschickt weicht er Mario Pfeifer aus, der’s als Lkw-Fahrer, Ausfahrer und Kommissionierer aktuell eilig hat und in der Lagerhalle Paletten voller Getränkekisten per Hubwagen dorthin befördert, wohin sie gehören. Beim Anblick der ungezählten Kisten fällt’s einem siedend heiß ein: Da war doch noch was. Diese Auszeichnung, worum ging es da?

Erste Erwähnung in der Ortschronik: 1728

Bittenfelder ist seit Beginn an am Mehrwegsystem des Verbands der deutschen Fruchtsaftindustrie beteiligt – und dessen Start liegt mittlerweile immerhin bereits 50 Jahre zurück.

Die Wurzeln des Bittenfelder Unternehmens reichen aber noch viel, viel weiter zurück. Die erste Erwähnung der „Küblerei Petershans“ in der Bittenfelder Ortschronik datiert nämlich bereits aus dem Jahr 1728. Eine wie auch immer geartete familiäre Verbindung existiert selbst zu Friedrich Schiller, was Jürgen Petershans schon immer mal genauer recherchieren wollte. Sobald er mal Zeit hat.

Staunenswerte Neuigkeiten gibt es aus dem Haus Bittenfelder Fruchtsäfte: Chef Jürgen Petershans und sein Team arbeiten an einem alkoholfreien Wein. Ein Spezialist für Aromastoffe hilft bei dem ungewöhnlichen Projekt.

Er flitzt kreuz und quer durch die Hallen, als gäb’s kein Morgen mehr. Vermutlich wurden E-Scooter für Menschen wie ihn erfunden, doch noch besitzt er keinen. In diversen Hallen käm’ er damit sowieso nicht voran. Jürgen Petershans und sein Team haben eine Auszeichnung

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