Rems-Murr-Kreis

Blick aus dem Rems-Murr-Kreis auf die Fußball-EM: Viel Frust und etwas Hoffnung

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Der ehemalige Kickers-Profi Ralf Vollmer (Vierter von links) war Gast beim vierten EM-Stammtisch des Zeitungsverlags Waiblingen. © Ralph Steinemann Pressefoto

Wenn es das richtungsweisende Spiel war, von dem die VfB-Torwart-Legende Helmut Roleder beim Stammtisch vor dem Ungarn-Spiel gesprochen hat, dann müsste es einem vor dem Achtelfinalspiel gegen England angst und bange sein. Entsprechend groß ist der Frust am EM-Stammtisch im Schorndorfer Stadtbiergarten, bei dem nach langer Stammtisch-Abstinenz wieder einmal der ehemalige Kickers-Profi Ralf Vollmer zu Gast ist, der zwischen 1983 und 1994 insgesamt 337 Bundesligaspiele (62 in der 1. und 275 in der 2. Bundesliga) für die „Blauen" absolviert und in dieser Zeit 70 Tore erzielt hat. Er ist nicht der Einzige in der Runde, der fassungslos mitangesehen hat, wie schwer sich die deutsche Mannschaft gegen zwar am Limit spielende und kämpfende, letztendlich aber doch „biedere“ Ungarn getan hat und wie leicht es dem Gegner gemacht worden ist, nicht nur das einfalls- und emotionslose deutsche Angriffsspiel auszubremsen, sondern die Deutschen mit zwei Gegentoren – „Und was für welche“, meint Sepp Rettstatt – an den steilen Rand einer Niederlage und des Ausscheidens zu bringen. Axel Schmieg fällt zum deutschen Auftritt zunächst einmal nur eines ein: „Beschämend, beschämend, beschämend!“

Weiter Diskussion um Löw, aber auch um Sane und Gündogan

Wieder einmal im Mittelpunkt der Stammtisch-Kritik: Joachim Löw: „Ich weiß gar nicht, ob ein Trainer im Stadion war“, sagt Dietmar Heinle mit Blick vor allem darauf, dass Löw nicht schon zur Halbzeit mit Auswechslungen auf die uninspirierte Darbietung der deutschen Mannschaft reagiert hat. Weshalb Heinle an die Adresse von Klaus Bihlmaier sagt: „Ich hätte nichts dagegen, wenn du die Mannschaft übernimmst bis zum Ende des Turniers.“ Der so Geadelte weiß auch gleich, was hätte passieren müssen: Statt Sane den Volland vorne reintun und dahinter ein Vierer-Mittelfeld mit Kimmich und Goretzka, dann hätte es wahrscheinlich schon anders ausgesehen. Wobei es in der Runde vor allem zum unterirdischen Auftreten von Leroy Sane – exemplarisch die völlig sinnfreie Flanke bei deutscher Überzahl kurz vor Schluss, als eigentlich das 3:2 hätte fallen müssen –, mittlerweile aber auch zu den drei enttäuschenden Darbietungen eines Ilkay Gündogan keine zwei Meinungen mehr gibt. „Den Sane hätte ich schon nach 20 Minuten rausgenommen, den Gündogan spätestens zur Halbzeit“, meint Axel Schmieg. Und Klaus Bihlmaier fragt sich, ob es in der Mannschaft, wenn schon der Trainer versagt – „Ich würde gerne wissen, wie Löw die Mannschaft anspricht“, sagt Herbert Kiess –, nicht so etwas wie einen „Selbstreinigungsprozess“ gibt. „Was glaubst du, was früher in der Kabine die Älteren mit so einem Jungen wie Sane gemacht hätten?!“, sagt Bihlmaier. Woraufhin (sich) Ralf Vollmer fragt, ob die Mannschaft überhaupt eine Hierarchie hat, nachdem sich auch ein Mats Hummels im Ungarn-Spiel eher als „Pflegefall“ präsentiert und der eigentlich verletzte Thomas Müller erst gar nicht spielen sollte und dann doch noch gebracht wurde. Eine reine Verzweiflungstat des Bundestrainers, über den Volker Ziesel sagt: „Der ist doch schon lange nicht mehr von dieser Welt.“

Klaus Bihlmaier: „Wir haben extrem viele Baustellen“

Es gäbe noch so viel zu sagen zu diesem zumal nach dem Spektakel gegen Portugal ernüchternden Spiel, das nicht nur Herbert Kiess („Wo stehen wir jetzt eigentlich?“) ratlos zurückgelassen hat: keine Dribblings, die Löcher in eine Abwehr reißen; Flanken und Standards, die ins Leere segeln; kaum herausgespielte Torchancen, zumal auch die beiden Tore Zufallsprodukte waren; keine Leidenschaft (auch wenn der Bundestrainer nicht nur in dieser Beziehung ein anderes Spiel gesehen hat); und dazuhin noch ein auch nicht mehr fehlerfreier Manuel Neuer im Tor und ein nach dem Portugal-Spiel auch nach Einschätzung von Ralf Vollmer vielleicht zu früh zum Flankengott und Mentalitätsspieler hochgejubelter Robin Gosens. „Wir haben extrem viele Baustellen“, sagt Klaus Bihlmaier, dem im deutschen Spiel vor allem „das Giftige“ gefehlt hat und dem vor dem England-Spiel bedenklich stimmt, wie ausrechenbar diese deutsche Mannschaft ist. „Joachim Löw behauptet immer, diese Mannschaft könne mehrere Systeme spielen, aber man sieht’s nicht“, sagt Dietmar Heinle, der gleichwohl erwartet, dass das Spiel gegen England ein ganz anderes wird als das gegen Ungarn: „Gegen die Ungarn hättest du einen Plan gebraucht, das Spiel gegen England entwickelt sich automatisch, egal was Löw denen vorher erzählt.“ Optimistisch stimme ihn darüber hinaus, dass die Engländer „auch eine Pfeife als Trainer“ hätten.

Vollmer ist skeptisch, was personelle Änderungen angeht

„Jetzt gibt’s kein Taktieren mehr, das wird ein ganz anderes Spiel gegen England“, ist auch Sepp Rettstatt überzeugt. Gleichwohl sind alle gespannt, ob und wie der Bundestrainer auf das schwache Spiel gegen Ungarn personell reagiert. Klar sollte sein: Müller und Goretzka gehören in die Startelf, aber sonst? Ralf Vollmer ist skeptisch, was weitergehende personelle Veränderungen angeht, weil es Teil der Löw'schen Mentalität sei, dass er an einer Stammmannschaft festhalte, so lange es nur irgendwie gehe. Und dabei ist Klaus Bihlmaier keineswegs der Einzige, der felsenfest davon überzeugt ist, dass ein Joshua Kimmich ins Mittelfeld gehört. „Ich schwäche mich doch nicht auf einer wichtigen Position und versetze einen Spieler auf eine andere Position, wo er nur 80 Prozent bringt“, sagt er, reagiert aber skeptisch, als Sepp Rettstatt für die Position hinten rechts den Dortmunder Emre Can ins Spiel bringt: „Was willsch denn mit dem?“ Dietmar Heinle könnte sich derweil vorstellen, dass im Angriff auch mal ein Timo Werner eine Option sein könnte. Zumal dann, wenn die deutsche Mannschaft endlich mal 1:0 in Führung gegen würde und die möglicherweise doch zunächst auf Sicherheit bedachten Engländer auf diese Weise aus der Reserve locken könnte.

Der Fußball und die Regenbogen-Diskussion

Möglicherweise sei die deutsche Mannschaft ja auch durch die Regenbogen-Diskussion im Vorfeld des Ungarn-Spiels belastet gewesen, gibt Ralf Vollmer rückblickend zu bedenken. Was noch einen kurzen Disput zwischen Dietmar Heinle und Klaus Bihlmaier darüber auslöst, ob solche Statements wie das gegen die menschenverachtende und -diskriminierende Politik von Viktor Orban mit dem Sport verknüpft werden sollten. „Da sind nicht die Sportler gefordert, sondern die Politik“, meint Dietmar Heinle – oder die UEFA beziehungsweise die FIFA, die konsequenterweise Spielorte wie Budapest oder auch Baku meiden müssten und keine WM nach Katar vergeben dürften. Im Gegensatz zu Heinle ist Klaus Bihlmaier sehr wohl der Meinung, dass es auch Fußballspielern gut ansteht, bei gesellschaftspolitischen Themen offen ihre Meinung zu sagen und im wahrsten Sinn des Wortes Farbe zu bekennen.

Wenn es das richtungsweisende Spiel war, von dem die VfB-Torwart-Legende Helmut Roleder beim Stammtisch vor dem Ungarn-Spiel gesprochen hat, dann müsste es einem vor dem Achtelfinalspiel gegen England angst und bange sein. Entsprechend groß ist der Frust am EM-Stammtisch im Schorndorfer Stadtbiergarten, bei dem nach langer Stammtisch-Abstinenz wieder einmal der ehemalige Kickers-Profi Ralf Vollmer zu Gast ist, der zwischen 1983 und 1994 insgesamt 337 Bundesligaspiele (62 in der 1. und 275 in

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