Rems-Murr-Kreis

Blick in die Glaskugel der Demoskopen: Wer holt sich bei der Landtagswahl das Direktmandat?

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Je schiefer die Demoskopen mit ihren Prognosen liegen, desto größer ist die Überraschung am Wahlabend. © Pixabay

Wahlen sind wie Weihnachten. Wir wissen, dass wir Präsente bekommen - aber nicht, was sich unter dem hübschen Geschenkpapier versteckt. Zwar gilt die Vorfreude als schönste Freude ... Doch neugierig sind wir schon. Am Sonntag, 14. März, Punkt 18 Uhr, werden die ersten Hochrechnungen der Landtagswahl bekanntgegeben - und die Überraschung ist umso größer, je schiefer die Demoskopen mit ihren Prognosen gelegen haben.

Was den Landestrend angeht, sind sich die Meinungsforschungsinstitute weitgehend einig: Ministerpräsident Winfried Kretschmann wird bei den Grünen für Jubel sorgen, die mit 30 bis 35 Prozent rechnen können (2016: 30,3 Prozent). Der CDU werden aktuellen Prognosen zufolge 24 bis 28 Prozent zugetraut (2016: 27 Prozent). Drittstärkste Kraft bleibt die AfD, die auf zehn bis zwölf Prozent kommt (15,1 Prozent). SPD und FDP liegen gleichauf  bei zehn Prozent (SPD: 12,7 Prozent, FDP: 8,3 Prozent). Die Linke, laut Umfragen zwischen drei und vier Prozent liegend, wie all die anderen Parteien und Listen, scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde.

So weit, so klar der Blick in die Glaskugel der Demoskopie. Aber wie schaut es bei uns, in den Wahlkreisen Waiblingen, Schorndorf und Backnang, aus? Wer holt sich hier das Direktmandat? Wie groß sind die Chancen der Bewerber, über ein Zweitmandat in den Landtag einzuziehen? Das baden-württembergische Wahlrecht ist knifflig. 70 von 120 Sitzen sind sogenannte Direktmandate für den Bewerber mit den meisten Stimmen. 2016 gewannen die Grünen 46 der 70 Direktmandate im Land, darunter die in Waiblingen und Schorndorf.

Das komplizierte Wahlsystem lädt zu Spielereien ein

Schwieriger wird es bei den 50 Zweitmandaten. Sie sorgen dafür, dass das Parlament in Stuttgart den Wählerwillen widerspiegelt und jede Partei so viele Sitze erhält, wie es ihrem Stimmenanteil entspricht. Ausgleichs- und Überhangmandate sorgen dafür, dass der Landtag nicht nur 120, sondern derzeit 143 Mitglieder hat. Getrennt nach Regierungsbezirken gehen die Zweitmandate an diejenigen Bewerber, die in ihren Wahlkreisen die besten Ergebnisse erzielt haben - und zwar im Vergleich zu den Kandidaten der eigenen Partei. Je besser sie sich schlagen, desto höher sind ihre Chancen auf ein Zweitmandat.

Wahlkreisprognose, eigenen Angaben zufolge ein „digitaler Dienstleister für datenbasierte Analysen“, versucht, den Landestrend auf Wahlkreise herunterzubrechen. „Unsere Schwerpunkte liegen auf der vergleichenden Analyse von Wahlkreisen, der Durchführung von Umfragen, dem Erheben von Daten in kleinteiligen Räumen, der Analyse einzelner Milieus und Zielgruppen wie der politischen Beratung“, schreibt Wahlkreisprognose: „Unsere Wahlkreistrends entstehen durch ein multidimensionales Modell, das mehrere Faktoren miteinander kombiniert.“ Berücksichtigt würden aktuelle demoskopische Trends, Befragungen sowie „die Faktoren Sozialstruktur, Milieubindung, frühere Wahlergebnisse, Wahlmobilisierung, Stimmensplitting und Kandidateneffekte von der kommunalen Ebene an aufwärts“.

Was ergibt der Blick in die Glaskugel der Demoskopie?

Im Wahlkreis 15 Waiblingen traut Wahlkreisprognose der grünen Kandidatin Swantje Sperling zu, wie ihr Vorgänger Willi Halder das Direktmandat zu gewinnen: „Eher sicher für die Grünen“, schreibt Wahlkreisprognose. „Wahrscheinlich, aber nicht sicher“, werden die Chancen von Siegfried Lorek (CDU) eingeschätzt, sein Zweitmandat zu halten. Gleiches gilt für Julia Goll (FDP), die das Mandat ihres Mannes Ulrich Goll im Auge hat. „Unwahrscheinlich, aber mit Restchancen“, heißt es über die Aussichten von Sybille Mack (SPD) und Marc Maier (AfD).

Zur Info: 2016 wurde im Wahlkreis Waiblingen (Fellbach, Korb, Leutenbach, Schwaikheim, Waiblingen und Winnenden) so gewählt: Grüne: 27,8 %, CDU: 26,2 %, AfD: 14,7 %, SPD: 13,8 %, FDP: 11,4 %.

Wahlkreis 16 Schorndorf : Laut Wahlkreisprognose ist die Erstmandat-Tendenz „eher sicher für Grüne“. Petra Häffner werde ihr Mandat behalten. Auch Jochen Haußmann (FDP) werden gute Chancen eingeräumt, Abgeordneter zu bleiben: „wahrscheinlich, aber nicht sicher“. Als „unwahrscheinlich, aber mit Restchancen“, gelten die Aussichten für Kathrin Breitenbücher (SPD) und Stephan Schwarz (AfD).

Zur Info das Wahlergebnis im Wahlkreis Schorndorf (Kernen, Plüderhausen, Remshalden, Rudersberg, Schorndorf, Urbach, Weinstadt und Winterbach): Grüne: 27,1 %, CDU: 25,8 %, AfD: 15,4 %, FDP: 12,6 %, SPD: 12,6 %.

Im Wahlkreis 17 Backnang traut sich Wahlkreisprognose keine Vorhersage beim Erstmandat zu: „Too-close-to-call für CDU“, schreibt das Meinungsforschungsinstitut, zu Deutsch: zu knapp, um eindeutig für Georg Devrikis und die CDU zu sprechen. Als „wahrscheinlich, aber nicht sicher“, schätzten die Demoskopen die Chancen von Gernot Gruber (SPD) ein, sein Zweitmandat ein drittes Mal verteidigen zu können. „Unwahrscheinlich“ sind die Aussichten von Ralf Nentwich (Grüne) für ein Zweitmandat, da die Grünen in Backnang eher unterdurchschnittliche Wahlergebnisse erzielen. Er muss aufs Direktmandat hoffen. „Unwahrscheinlich, aber mit Restchancen“, ist die Tendenz für Charlotte Klinghoffer, der Bewerberin für die FDP.

„Wahrscheinlich, aber nicht sicher“, holt Daniel Lindenschmid für die AfD ein Mandat. So wie Jörg Meuthen vor fünf Jahren, der in zwei Wahlkreisen kandidiert hatte und nach kurzer Zeit ins Europaparlament wechselte. Der Wahlkreis gilt als Hochburg für die AfD, die 2016 in Spiegelberg beispielsweise die CDU überflügelte und zur stärksten Kraft wurde.

Zur Info die Ergebnisse 2016 im Wahlkreis 17 Backnang mit seinen 17 Städten und Gemeinden (Alfdorf, Allmersbach im Tal, Althütte, Aspach, Auenwald, Backnang, Berglen, Burgstetten, Großerlach, Kaisersbach, Kirchberg an der Murr, Murrhardt, Oppenweiler, Spiegelberg, Sulzbach an der Murr, Weissach im Tal und Welzheim: CDU: 27,4 %, Grüne: 22,3 %, AfD: 19,7 %, SPD; 15,7 %, FDP: 8,0 %.

Es handelt sich hier um Prognosen, und die sind bekanntlich besonders schwierig, „wenn sie die Zukunft betreffen“, wie es in einem Mark Twain zugeschriebenen Zitat heißt. Die Demoskopen von Wahlkreisprognose schlagen sich in den vergangenen Jahren vor allem mit der schwindenden Milieubindung und dem Mobilisierungsgrad für Parteien herum, der sich stark gewandelt habe: „Die einstigen Stammwähler werden zunehmend seltener.“ So sei in großstädtisch geprägten Wahlkreisen zu beobachten, dass Zuzüge und Fortzüge das Wahlverhalten schwerer vorherzusagen machten. „Auch Wahlkreise in ländlichen Regionen weisen bei Abwanderung, Transformationen oder schwachem Wirtschaftswachstum eine neue Dynamik auf.“ Zudem spielten bei manchen Wahlen örtliche Kandidateneffekte eine Rolle. „Sie sind zwar nicht die Regel, aber können in besonders knappen Wahlkreisrennen den wichtigen Ausschlag geben.“

Wahlen sind wie Weihnachten. Wir wissen, dass wir Präsente bekommen - aber nicht, was sich unter dem hübschen Geschenkpapier versteckt. Zwar gilt die Vorfreude als schönste Freude ... Doch neugierig sind wir schon. Am Sonntag, 14. März, Punkt 18 Uhr, werden die ersten Hochrechnungen der Landtagswahl bekanntgegeben - und die Überraschung ist umso größer, je schiefer die Demoskopen mit ihren Prognosen gelegen haben.

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