Rems-Murr-Kreis

Brüchiger Porenbeton: 55 Häuser betroffen, Hersteller bestreitet Verantwortung

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Der Bausachverständige Hans-Peter Illner begutachtet bröseligen Porenbeton in der Mauer eines Hauses in Fellbach. © Ralph Steinemann Pressefoto

Betongold ist nicht immer „Gold“. Mittlerweile sind Baugutachtern 55 Gebäude in Baden-Württemberg bekannt, in deren Mauern verbaute Porenbetonsteine an Druckfestigkeit verloren, brüchig wurden, und wegen Einsturzgefahr teure Reparaturen notwendig waren. Betroffene Häuser haben größtenteils die Baujahre 2003 bis 2011 – darunter welche in Plüderhausen, Winterbach, Urbach, Fellbach, Weissach im Tal, Kernen, auf dem Schurwald, im Filstal.

Hans-Peter Illner greift hinein in eine der Hausmauer-Nischen, die Bauarbeiter für den Einbau der notwendig gewordenen 20 Stahlstützen geschaffen haben. Rechts und links in dieser Nische sind mit Rissen durchsetzte Porenbeton-Steine zu sehen. Der Bausachverständige aus Adelberg zeigt, wie leicht sich davon Stückchen lösen und zwischen Zeigefinger und Daumen zerbröseln lassen. Mehliger Staub rieselt zu Boden.

„Vor rund 30 Jahren wurde Porenbeton noch als die ökonomische und ökologische Innovation der Bauwirtschaft gefeiert. Als preiswerter, leichter, aber druckfester Baustoff, der obendrein noch hervorragende Dämmungseigenschaften hat“, sagt Illner. Die Kostenersparnis bei Ressourcenverbrauch, Produktion, Ein- und Verkauf, Auslieferung, Einbau und Energieverbrauch kommt die Besitzer dieses Hauses in Fellbach nun teuer zu stehen.

Die Hausbesitzerin steht im Garten und schaut auf die Fassade voller frisch eingezogener Stahlstützen und das Baugerüst. „Wir haben natürlich auf die Baufirma vertraut, dass sie hochwertige Baustoffe verwenden.“ 2007 sind sie, ihr Mann und die Kinder eingezogen. „Etwa 2014 bemerkten wir im Wohnzimmer erste Risse in der Wand. Wir dachten zuerst, die seien harmlos, man müsste nur neu tapezieren oder verputzen. Dann wurden es aber immer mehr und die vorhandenen Risse immer größer. 2017 war ein Gutachter da, der nichts Schlimmes feststellen wollte. Der Gipser besserte aus.“

Später bekam die innere Fensterplatte einen Sprung, weil sich die Mauer so stark verzogen hatte, und 2020 erschienen erste Medienberichte zu zerbröselndem Porenbeton, auch in dieser Zeitung:

So bestellte das Fellbacher Ehepaar Hans-Peter Illner zur Begutachtung. Der ließ Bohrungsproben aus dem Mauerwerk nehmen und von der Materialprüfungsanstalt der Universität Stuttgart analysieren. „Das Ergebnis war ähnlich wie bei all den anderen mittlerweile 55 betroffenen Gebäuden in Baden-Württemberg. Der Porenbeton weist nicht mehr die notwendige Druckfestigkeit auf. Eine Einsturzgefahr konnte nicht ausgeschlossen werden. Stahlstützen waren unbedingt angeraten.“

Niemand schuld? Über gesetzliche Fristen und Normen

Und wer kommt für die Sanierungskosten auf, die sich im Fellbacher Fall auf mindestens 30 000 Euro belaufen und landesweit schon auf 1,2 Millionen Euro summieren? „Die Baufirma gibt’s nicht mehr“, sagt die Fellbacher Hausbesitzerin. „Klassisch“, sagt Illner. Die gesetzliche Gewährleistungsfrist von fünf Jahren für Forderungen gegenüber dem Bauträger ist abgelaufen. Gleiches gilt für die gesetzliche Produkthaftungsfrist von zehn Jahren für Forderungen gegenüber den Baustoffhersteller. „Genau so, wie bei den allermeisten der 55 Fälle. Die Hausbesitzer bleiben deshalb auf den Kosten sitzen.“

„Es wäre wünschenswert und angemessen, wenn die Gewährleistungsfristen länger wären, zumindest so lange, wie ein Haus doch halten sollte, oder? Nach der Wertermittlungsrichtlinie ist ein Massivhaus auf einen Zeitraum zwischen 70 und 100 Jahre ausgelegt.“ Eine zehnjährige Produkthaftungsfrist bei Baustoffen sei doch absurd, so Illner: „Wenn man bedenkt, dass bereits in den 1990ern nach Untersuchungen des Instituts für Baustoffe der Universität Hannover (ifB) in Studien Zweifel an der dauerhaften Druckfestigkeit manchen Porenbetons geäußert wurden.“

2002 untersuchte das ifB das „Dauerstandverhalten von Mauerwerk aus Porenbeton-Plansteinen mit Rohdichten < 0,4 kg/dm“ und stellte fest: „Zwei Steinsorten ergaben von den anderen beiden auffällig abweichende schlechte Ergebnisse.“ Ein in Folge vom Deutschen Institut für Bautechnik in Berlin (DIBt) angestoßenes Forschungsvorhaben über die „Dauerhaftigkeit von Porenbeton-Plansteinen unter realitätsnahen Bedingungen“ identifizierte Porenbetonsteine eines Herstellers, die „nach 18-monatiger Außenlagerung eine Halbierung der Druckfestigkeit aufwiesen“.

Das Problem scheint die Karbonatisierung insbesondere eines Bestandteils von Porenbeton zu sein, des Tobermorits, sagt Illner. „Das ist ein schleichender, über Jahre andauernder chemischer Prozess. Unter Einwirkung von CO² und Feuchtigkeit verliert Porenbeton einer bestimmten Rezeptur an Druckfestigkeit und wird brüchig.“

Im Schlussbericht zum Forschungsvorhaben des DIBt vom September 2012 wurde der Hersteller eines auffällig an Druckfestigkeit verlierenden Porenbetons so wie alle anderen anonymisiert und als „Werk 3“ bezeichnet. Derweil konnten trotzdem jahrelang mutmaßlich nicht dauerhaft druckfeste Porenbetonsteine ganz legal weiter verbaut werden. Erst 2015 wurde die DIN-Norm zur Druckfestigkeit von Porenbeton angepasst und um das Leistungsmerkmal Trocknungsschwinden ergänzt.

Illner sagt: „Bei den in Baden-Württemberg mittlerweile 55 Fällen, die von mir und dem Bausachverständigen-Kollegen Bernhard Adolf aus Wernau (Landkreis Esslingen) und der Materialprüfungsanstalt der Uni Stuttgart analysiert wurden, taucht zu 70 Prozent immer wieder der Name eines einzigen Herstellers auf.“

Taucht Firma ab? Spurensuche in Feuchtwangen

Alle von dieser Zeitung befragten betroffenen Hausbesitzer gaben an, dass in ihren Häusern Porenbeton der mittelfränkischen Firma Greisel verbaut worden sei. Seit Mai 2021 versuchte unsere Redaktion mehrfach per Mail und telefonisch mit Greisel im Feuchtwangener Ortsteil Dorfgütingen im Landkreis Ansbach Kontakt aufzunehmen und bat um eine Stellungnahme. Zuletzt am 16. Dezember 2021. Nie kam eine Antwort. Unter der im Internet kursierenden Firmentelefonnummer geht nie jemand dran oder es ist ständig besetzt.

Der Stuttgarter Zeitung hingegen gelang es, anhand eines Brösel-Porenbeton-Falles in Altbach (Kreis Esslingen) eine Stellungnahme von Greisel einzuholen: „Die von uns gelieferten Porenbetonsteine waren zum Zeitpunkt der Auslieferung mangelfrei und entsprachen den Anforderungen der einschlägigen DIN-Normen für die jeweilige Güteklasse“, zitierte die Stuttgarter Zeitung daraus am 23. Oktober 2020.

Die Fränkische Landeszeitung (FLZ) nahm die Vorwürfe in der Stuttgarter Zeitung auf und ließ einige Tage später einen Anwalt einer Ansbacher Kanzlei für Greisel zu Wort kommen: Die Firma könne ausschließen, „dass hinsichtlich der erwähnten Vorgänge mangelbehaftete Produkte ausgeliefert wurden, die für eingetretene Schäden ursächlich oder mitursächlich sind“. Das Unternehmen liefere an Kunden „grundsätzlich Porenbetonsteine der Güteklasse aus“, die stets auch im Einzelfall bestellt würden. Die Produkte, die die Firma verließen, seien „mangelfrei und entsprechen den technischen Anforderungen der einschlägigen DIN-Normen für die jeweilige Güteklasse“, so der Anwalt in der FLZ.

Zu keinem Zeitpunkt habe es auch in der Vergangenheit Anhaltspunkte für Qualitätsmängel der Produkte gegeben. Das Unternehmen Greisel habe keinen Einfluss darauf, ob die Steine nach ihrer Auslieferung „auch ordnungsgemäß gelagert und verarbeitet“ würden, so der Anwalt.

Auch unsere Redaktion kontaktierte daraufhin im Dezember 2021 besagten Anwalt. Doch auch von ihm kam trotz mehrfacher Anfragen per Mail und Telefon keinerlei Rückmeldung.

Parallel dazu ist gleichwohl bekannt geworden, dass das Greisel-Werk von dem dänischen Baustoffkonzern H+H gekauft worden ist. Die Geschäftsführung von H+H antwortete auf einen Fragenkatalog dieser Zeitung. „Die H+H Deutschland GmbH übernahm am 15. September das vom früheren Eigentümer bereits stillgelegte Werk in Feuchtwangen. Dieses wird aktuell auf den Produktionsbeginn im 1. Quartal 2022 vorbereitet.“ Nicht gekauft und übernommen worden seien jedoch Markenrechte, Produkte oder Lieferverträge der Greisel Vertrieb GmbH. H+H baue in Dorfgütingen eine Produktion eigener Baustoffe, inklusive Porenbeton auf, jedoch nach eigener Rezeptur. „Darüber hinaus wird die Steuerung aller Anlagen sowie der Prozess des Qualitätsmanagements vom Rohstoff bis zur Fertigware nach den hohen Standards der H+H International A/S aufgebaut.“

Allen Beschäftigten des übernommenen Porenbetonwerks in Dorfgütingen sei eine Weiterbeschäftigung angeboten worden und wohl auch die meisten Greisel-Mitarbeiter hätten von diesem Angebot Gebrauch gemacht, teilt H+H mit. So wurde dies auch in einem Artikel der FLZ von Ende September 2021 berichtet, den H+H am 1. Oktober 2021 auf seiner Homepage veröffentlicht hat (Stand: 17.01.2022).

Fahrt nach Feuchtwangen im Januar 2022. Dorfgütingen verfügt über ein Zweifirmen-Gewerbegebiet „Deichmannstraße“ außerhalb. Dort liegt ein Deichmann-Logistikzentrum und das ehemalige Greisel-Werk. Im Hof stehen noch etliche Greisel-Lkw und Paletten mit verschweißtem Greisel-Porenbeton. Auf der Werkhallen-Fassade prangt bereits der Schriftzug „H+H“.

Im Verwaltungsgebäude sagt der Empfangsmann, er sei nicht befugt, Auskünfte zu erteilen, jedenfalls habe er aber früher für Greisel gearbeitet und sei jetzt bei H+H angestellt. Einen Brief mit Fragen dieser Zeitung an die Geschäftsführerin Christine Greisel nahm er entgegen.

Ein Blick ins Handelsregister zeigt mehrere, noch als „aktuell“ gelistete Greisel-GmbHs (Bauelemente, Bauprodukte, Vertrieb) mit Sitz in der Deichmannstraße 2. Ein Kenner des Unternehmens behauptet: „Greisel wird abgewickelt und besteht nur noch aus Frau Greisel, die auch noch ein Büro im Verwaltungsgebäude hat. Dort taucht sie aber nur ab und zu noch auf.“

Erneute Anfrage bei H+H. Eine Unternehmenssprecherin erläutert: Das Greisel-Verwaltungsgebäude sei von H+H nicht gekauft worden. „Es wurden lediglich Räume im Erdgeschoss gemietet für einige Verwaltungstätigkeiten, die vor Ort erledigt werden müssen. Tatsächlich hat die Übernahme des Porenbetonwerks durch H+H also keinen Einfluss auf den Firmensitz der Firma Greisel. Der Brief an die Firma Greisel, den Sie einem Mitarbeiter von H+H übergeben haben, wurde an der verschlossenen Eingangstür zu den Büros von Greisel im Obergeschoss deponiert und wird daher hoffentlich seinen Adressaten erreichen.“

Das Verwaltungsgebäude sei weiterhin „im Besitz von Greisel“, sagt die H+H-Sprecherin. „H+H hat das Erdgeschoss gemietet. Auch hat H+H nicht das gesamte Gelände von Greisel erworben. Teile sind im Besitz von Greisel verblieben.“ Die noch auf dem Hof stehenden Lkw von Greisel seien vorübergehend und genehmigt auf dem Gelände von H+H geparkt, Abmachungen zur künftigen Übernahme durch H+H gebe es nicht. „Greisel-Porenbetonsteine lagern auf dem Teil des Geländes, das nach wie vor Greisel gehört“, so die H+H-Sprecherin.

Betongold ist nicht immer „Gold“. Mittlerweile sind Baugutachtern 55 Gebäude in Baden-Württemberg bekannt, in deren Mauern verbaute Porenbetonsteine an Druckfestigkeit verloren, brüchig wurden, und wegen Einsturzgefahr teure Reparaturen notwendig waren. Betroffene Häuser haben größtenteils die Baujahre 2003 bis 2011 – darunter welche in Plüderhausen, Winterbach, Urbach, Fellbach, Weissach im Tal, Kernen, auf dem Schurwald, im Filstal.

Hans-Peter Illner greift hinein in eine der

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