Rems-Murr-Kreis

Bundesstraße 14: Warum gilt nicht durchgehend Tempo 100?

Tempo-100
Wie schnell darf auf den Bundesstraßen gefahren werden? © Benjamin Büttner

Im Leutenbachtunnel wird die Höchstgeschwindigkeit auf 80 km/h begrenzt. Zwölf Jahre nach der Inbetriebnahme ist das Regierungspräsidium Stuttgart zur Einsicht gelangt, dass Tempo 100 im kurvigen Tunnel wohl doch zu schnell, weil zu unfallträchtig ist. Mit diesem Tempolimit im 1,1 Kilometer langen Tunnel kommt im Flickenteppich unterschiedlicher Höchstgeschwindigkeiten zwischen Waiblingen und Backnang künftig eines weiteres Flickerl hinzu. Auf dem rund 17 Kilometer langen, vierspurigen Abschnitt zwischen dem Teiler B14/29 bis Waldrems herrscht ein steter Wechsel von Gas geben und bremsen, Gas geben und bremsen ...

Das Tüpfelchen auf dem i ist die Tempobegrenzungen vor der Ausfahrt Winnenden-Mitte/Leutenbach. Wegen regelmäßiger Rückstaus an der überlasteten Ausfahrt gilt hier werktags von 16 bis 18 Uhr Tempo 60. An diesem Flickenteppich wird sich auch nichts ändern, verweisen das Regierungspräsidium Stuttgart und das Landratsamt Rems-Murr als Verkehrsbehörden auf die verkehrsrechtlichen Bestimmungen. So wie zwölf Jahre Tempo 100 im Leutenbachtunnel verkehrsrechtlich als unumstößlich galten.

Was sagen die Verkehrsbehörden zu einem einheitlichen Tempolimit?

Mehr als 50 000 Autos und 3000 Lastwagen sind Werktag für Werktag auf dieser Bundesstraße unterwegs, weist die automatische Zählstelle bei Korb für den Corona-Monat Februar 2021 aus. Dasist zwar rund ein Fünftel weniger als vor Corona. Doch stark frequentiert ist diese Straße allemal - und laut. Die Bemühungen, die Höchstgeschwindigkeiten zu vereinheitlichen und so einen gleichmäßigeren Verkehrsfluss zu schaffen, laufen bei der B14 in Leere. So wie seit Jahrzehnten entlang der Bundesstraße 29 im Remstal, wo die Debatte um 120 oder 100 regelmäßig aufploppt - und abgewürgt wird. Die Frage, ob Tempo 80 im Leutenbachtunnel nicht ein geeigneter Anlass wäre, auf der gesamten Strecke 100 km/h vorzuschreiben, wird vom Regierungspräsidium und dem Landratsamt kurz zusammengefasst mit Nein beantwortet.

Auf Anfrage teilten die Verkehrsbehörden mit: „Bei der Planung einer Bundesfernstraße wird eine Entwurfsgeschwindigkeit zugrunde gelegt. Im Falle der Bundesstraßen 14 und 29 beträgt diese außerhalb geschlossener Ortschaften 120 km/h. Für den Betrieb der Straße wird die Entwurfsgeschwindigkeit verkehrsrechtlich angeordnet. Abweichungen sind nur in Ausnahmefällen zulässig.“ Eine Begrenzung der zulässigen Geschwindigkeit könne angeordnet werden, „wenn aufgrund der örtlichen Verhältnisse eine Gefahrenlage besteht, die das Risiko einer allgemeinen Beeinträchtigung von in der Straßenverkehrsordnung geregelten Rechtsgütern erheblich übersteigt.“ Zum Beispiel Unfälle.

Doch eine Auswertung des Unfalllagebilds habe auf den auf 120 km/h beschränkten Teilabschnitten auf Kreisgebiet keine Auffälligkeiten ergeben - auch im Vergleich zu den niedriger beschränkten Teilbereichen. „Es besteht somit keine Gefahrenlage als Rechtsgrundlage für die Anordnung einer Geschwindigkeitsbeschränkung.“

Könnten die Lärmbelastungen der Anwohner an der vielbefahrenen Bundesstraße nicht für Tempo 100 sprechen?

Und was ist mit Abgasen und Lärm? Der Leutenbacher Bürgermeister Jürgen Kiesl jedenfalls befürchtet für seine Bürgerinnen und Bürger eine höhere Lärmbelastung, wenn die Autofahrer in Richtung Backnang nach dem Tunnel künftig ordentlich aufs Gas treten und von 80 auf 120 hochbeschleunigen. „Eine Begrenzung der zulässigen Geschwindigkeit auf Bundesfernstraßen kann auch aus immissionsschutzrechtlichen Gründen angeordnet werden“, so das Landratsamt im Benehmen mit dem RP: „Grundlage hierfür ist der gutachterliche Nachweis einer Überschreitung der gesetzlich definierten Grenzwerte für Luftschadstoffe oder Lärm.“ Der Lärmatlas des Landesamtes für Umwelt Baden-Württemberg weist den Verkehr auf den beiden Bundesstraßen als stete Lärmquelle für die nähere und auch fernere Umgebung aus. Im Fall einer nachgewiesenen Überschreitung sei der Straßenbaulastträger zur Abhilfe gesetzlich verpflichtet, so die Verkehrsbehörde: „In den auf 120 km/h beschränkten Teilabschnitten der Bundesstraßen 14 und 29 auf Kreisgebiet liegt dem Regierungspräsidium Stuttgart als Straßenbaulastträger derzeit kein Nachweis für eine Grenzwertüberschreitung vor.“

Wie kam es zwölf Jahre nach der Inbetriebnahme zu Tempo 80 im Leutenbachtunnel?

In seiner Planung war der Leutenbachtunnel wegen des S-Schlages und dem Gefälle für Tempo 80 ausgelegt worden, aber dann mit 100 in Betrieb gegangen. Für die Tempo-80-Begrenzung sorgte ein neues Gutachten. Es kam zu anderen Ergebnissen als die Beurteilung von 2009, „weil neben der (neuen) Richtlinien für die Ausstattung und den Betrieb von Straßentunnels auch die Unfallzahlen mit herangezogen wurden“. 2018 hat es nach einer Reihe von mehr oder minder schweren Tunnelunglücken den ersten tödlichen Unfall gegeben, bei dem ein 24-Jähriger starb. Die Kette an Unfällen reißt seither nicht ab. Die Hauptursache für die vielen Tunnelunfälle, so das neue Gutachten, lässt sich meist auf einen Nenner bringen: zu schnell.

Das Landratsamt Rems-Murr hat vorsorglich die Installation von Blitzern im Tunnel angekündigt, sollte sich zeigen, dass die Autofahrer sich nicht an Tempo 80 halten und es weiterhin zu Unfällen kommt.

Im Leutenbachtunnel wird die Höchstgeschwindigkeit auf 80 km/h begrenzt. Zwölf Jahre nach der Inbetriebnahme ist das Regierungspräsidium Stuttgart zur Einsicht gelangt, dass Tempo 100 im kurvigen Tunnel wohl doch zu schnell, weil zu unfallträchtig ist. Mit diesem Tempolimit im 1,1 Kilometer langen Tunnel kommt im Flickenteppich unterschiedlicher Höchstgeschwindigkeiten zwischen Waiblingen und Backnang künftig eines weiteres Flickerl hinzu. Auf dem rund 17 Kilometer langen, vierspurigen

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