Rems-Murr-Kreis

Bundestagsbewerber im Energie-Verhör: Frau Kowatsch, Die Grünen, wie ist Ihre CO2-Bilanz?

Anne Kowatsch
Anne Kowatsch von den Grünen hat gut lächeln: Ihre CO2-Bilanz ist vorbildlich. © Benjamin Büttner

Alle warnen vor dem Klimawandel – aber wie sieht die private CO2-Bilanz der Bundestagskandidatinnen und -kandidaten im Kreis aus? Das wollen wir wissen. Heute: Anne Kowatsch von den Grünen.

CO2-Rechner: Das Projekt

Wenn unsere Gesellschaft ihre Energiebilanz verbessern will, muss die Politik entsprechende Weichen stellen – klar. Aber: Jede und jeder kann bei sich selber zumindest mal anfangen. Deshalb unser ZVW-Check: Wir lassen Bewerberinnen und Bewerber aus dem Wahlkreis Waiblingen den CO2-Rechner des Umweltbundesamtes ausfüllen.

Eine Offenbarungszumutung? Durchaus. Deshalb gibt im Gegenzug bei jeder Test-Geschichte der jeweilige Autor auch die eigene CO2-Bilanz zum Vergleich preis.

Der deutsche Durchschnittsbürger

Laut Umweltbundesamt ist dies der jährliche Verbrauch von Max Mustermann beziehungsweise Nora Normalfrau:

  • Wohnen & Strom: 2,74 Tonnen
  • Mobilität: 2,09 Tonnen
  • Ernährung: 1,69 Tonnen
  • Sonstiger Konsum: 3,79 Tonnen „Öffentliche Emissionen“, verursacht vom Staat – sie werden gleichmäßig auf alle Einwohner verteilt und betragen pro Kopf : 0,86 Tonnen
  • Gesamt: 11,17 Tonnen

Anne Kowatsch, Wohnen und Strom

Bescheidenheit zahlt sich aus – auch in der Energiebilanz und beim CO2-Ausstoß. Anne Kowatsch wohnt mit Mann und zwei Kindern in einer 85-Quadratmeter-Wohnung. Ein Riesenpluspunkt. Das Zweifamilienhaus geht in Richtung Niedrigenergiehaus und wird entweder mit Holz oder mit Strom geheizt. Durch die Leitungen fließt – das darf bei einer Grünen natürlich auch anders nicht sein – Ökostrom. Und auch wenn der grün ist, er wird äußerst sparsam verbraucht. Die Kinder haben gelernt, das Licht, das sie nicht brauchen, auszuschalten. Handy, Tablet oder Computer sind noch so gut wie kein Thema und müssen daher auch nicht ans Netz. Und von Mai bis September wird nicht geheizt, ganz gleich, wie kalt der Sommer ist. Das ergibt in Sachen Strom einen Miniwert von 0,03 Tonnen und für Wohnen und Strom gesamt auch nur ein schwäbisches Muggaseggele: 0,3 Tonnen

Anne Kowatsch, Mobilität

Auch wenn die Kreispolitikerin noch nicht im Berliner Bundestag angelangt ist, sondern auf diesen Schritt noch hofft: Dieser Beruf bringt einfach viel Bewegung ins Leben. Da ist Anne Kowatsch nicht allein; bei diesem Punkt schnellen alle Kandidatinnen und Kandidaten im Verbrauch nach oben. Und Anne Kowatsch wehrt sich vehement dagegen, ihren doch recht großen Benziner, einen VW Passat, der wegen der Kinder halt doch nötig ist, abzustoßen, um ein E-Auto herzutun. Das wäre, sagt sie, ein „Alibi-E-Auto“. Sie will das Gesamtpaket betrachtet haben. Es mache schließlich keinen Sinn, sagt sie, gute und womöglich recht neue Verbrenner nach Polen oder Afrika zu verkaufen, damit sie dort weiterstinken. Und die Öko-Bilanz eines guten, verschrotteten Verbrenners, der unnötigerweise durch ein E-Auto ersetzt wurde, sei auch nicht bestechend. Keine Herstellung von Verbrennermotoren bis 2035 sei richtig. Die Verbannung von Verbrennern auf Teufel komm raus will sie nicht. Lieber eine ökologisch gute Umrüstung. Lieber eine kluge, sparsame Fahrweise. Und natürlich eine funktionierende Infrastruktur, die so oft wie möglich das eigene Auto unnötig macht. Anne Kowatsch hat übrigens mit ihren Kindern vereinbart, dass ein Tag in der Woche das Auto stehen bleibt. Das bescherte ihr schon eine Joggingrunde von Kaisersbach nach Welzheim und wieder zurück. Doch trotz dieser Maßnahme, so gut wie keinen Flügen und vielen Kilometern mit S-Bahn und Bahn kommt sie bei der Mobilität über den deutschen Durchschnitt: 2,71 Tonnen

Anne Kowatsch, Ernährung

Vorwiegend regional, vorwiegend saisonal, hauptsächlich bio: Anne Kowatschs Speisezettel könnte als Wahlwerbung herhalten. Erdbeeren im Winter sind für sie eine Undenkbarkeit; sie hat einen Kalender, in dem genau gelistet ist, wann was bei uns im Ländle reif wird. Und die Kinder haben gelernt: Wegwerfen ist nicht. Deshalb den Teller lieber erst mal nicht so vollmachen. Wer dann noch Hunger hat, darf nachschöpfen. 1,32 Tonnen

Anne Kowatsch, sonstiger Konsum

„Dieses Top hier“, sagt Anne Kowatsch beim Besuch in der Redaktion, „ist 15 Jahre alt.“ Ihr Rock mindestens zehn. Sie sieht trotzdem nicht aus, als ob sie, um sich anzuziehen, auf dem Dachboden in Omas Koffern kruschteln würde. Sie habe, sagt sie, einen Top-Secondhandladen. Sie kaufe außerdem nur Langlebiges. Und sie trage ihre Kleider einfach runter. Auch ihre Kinder haben die Klamotten, bis sie zu klein oder verlöchert sind. Anne Kowatsch ist da schon reingeboren. Sie komme, sagt sie, aus einer „Ökofamilie“. Die Mutter habe selbst gestrickt und manchmal sogar selbst gesponnen, der Vater habe die Holzknöpfe geschnitzt. „Die Wegwerfkultur ist schrecklich“, sagt Anne Kowatsch und bestellt deshalb nichts, wirklich gar nichts online. Sie hat weder Paypal noch ein Amazon-Konto. Das zahlt sich aus: 1,37 Tonnen

Anne Kowatsch, die Gesamtbilanz

Anne Kowatsch toppt alle, die sich bislang der Herausforderung des CO2-Rechners gestellt haben. Sogar SPD-Mann Urs Abelein, der bislang beim CO2-Sparen den Spitzenplatz innehatte, muss das vorläufige Siegertreppchen räumen. Urs Abelein, der seinen Wahlkampf mit einem sehr besonderen Fahrrad bewältigt, kam insgesamt auf 6,76 Tonnen CO2. Anne Kowatsch unterbietet ihn noch: 6,54 Tonnen

Der Ehrlichkeitsfaktor

Der CO2-Rechner gibt einen guten Anhaltspunkt. Doch Hundertprozentigkeit gibt’s mit dem Programm natürlich nicht. Vieles lässt sich nicht eintragen. Beispielsweise werden Flüge abgefragt. Sind jetzt die Flüge im ganzen Leben gemeint? Oder die im letzten Jahr? Das kann einen großen, nein, einen wahnsinnig großen Unterschied machen. Im letzten Jahr nämlich war Corona – da war Fliegen fast nicht möglich.

Man kann sich beim CO2-Rechner auch selbst sehr freundlich beurteilen. Anne Kowatsch kommt sehr glaubwürdig rüber, wenn sie erzählt, wie im Haus jede unnötige Lampe ausgeschaltet und die Jeans erstens gebraucht gekauft und zweitens später noch weitervererbt wird. Auch die Zurückhaltung beim Fleisch wird ihr sofort abgenommen. Ob der VW Passat aber wirklich so wenig verbraucht, wie sie das sagt, das sei mal mit einem kleinen Fragezeichen versehen. Auf der Autobahn mit stetigen 130 Kilometern in der Stunde, die sie grundsätzlich fährt, mag das so sein. Doch sie gibt ja selbst zu, dass sie erstens nach Kaisersbach den Buckel samt Serpentinen raufmuss und zweitens auch mal mit dem Auto zur Arbeit nach Stuttgart fährt. Nicht, weil sie das toll findet. Sondern weil alle Park-and-Ride-Plätze voll sind. In Stau und Stadtverkehr aber ist dieser gute Verbrauch wohl kaum zu halten. Aber auch wenn dieser Punkt vielleicht ein bisschen geschönt ist, im Großen und Ganzen würde eine Korrektur nichts ändern. Anne Kowatsch ist glaubwürdig umweltverträglich.

Die ZVW-Autorin zum Vergleich

Ich schäme mich fast, das zugeben zu müssen. Aber ich wohne definitiv sehr viel großzügiger als Familie Kowatsch. Vier Menschen auf 85 Quadratmetern – ich weiß nicht, ob da unser Familienfrieden gesichert wäre. Zu meiner Verteidigung kann ich anbringen, dass es energietechnisch auf neuestem Stand ist und tatsächlich meine CO2-Gesamtbilanz nicht sonderlich beeinträchtigt. Und was die Kleidung angeht: Ich kaufe für mich zwar nicht secondhand. Aber in regem Gebrauch habe ich eine Jeans-Latzhose. Und die ist bestimmt 35 Jahre alt. Sie ist super. Demnächst allerdings werde ich mich trotzdem von ihr trennen müssen. Sie besteht inzwischen mehr aus Löchern denn aus Körperbedeckung. Dafür aber habe ich Jeans und Pullis von meinen Söhnen übernommen. Die sind rausgewachsen. Ich trag’s auf. Alles in allem gucke ich auf eine Bilanz von 7,19 Tonnen.

Das Schlusswort

Das wird schwer. Wenn Anne Kowatsch, die nun wirklich in vielem geradezu spartanisch lebt, immer noch über sechs Tonnen CO2 ausstößt, wie sollen wir Otto-Normal-Ausstoßer da irgendwann auf null kommen? Das ist ja kaum zu schaffen. Zumal vermutlich so gut wie niemand auf motorisierte Mobilität verzichten kann. Wer arbeitet schon genau dort, wo er wohnt? Wer kann dort alles einkaufen, alles erledigen? Vor diesem Hintergrund verwundert die Kreistagsdebatte, die vor noch nicht allzu langer Zeit rund ums Schüler-ÖPNV-Ticket geführt wurde, erneut und noch mehr. Da stritten sich die Parteien darum, ob’s ein 365-Euro-Ticket sein dürfe oder ob das Ticket anders heißen müsse, damit auch mal der Preis erhöht werden könne. Nein! Denn wenn schon die Kinder nicht öffentlich fahren, weil’s nicht so günstig ist, dass das Herz danach lechzt, dann wird’s am Ende und im Gesamten noch teurer. Viel teurer jedenfalls als das Sümmchen, das der Kreis zum Ticket zubuttern muss.

Alle warnen vor dem Klimawandel – aber wie sieht die private CO2-Bilanz der Bundestagskandidatinnen und -kandidaten im Kreis aus? Das wollen wir wissen. Heute: Anne Kowatsch von den Grünen.

CO2-Rechner: Das Projekt

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