Rems-Murr-Kreis

Busreise-Unternehmen aus dem Rems-Murr-Kreis sind schwer getroffen von der Corona-Krise

corona reisebus
Tatiana Wiesenhütter (links) und Kristina Maier sehen ihr Unternehmen „Maier Reisen“ in einer existenzbedrohlichen Lage. Sie sind nun sehr gespannt, inwieweit der Rettungsschirm des Landes ihnen helfen wird. © Markus Metzger

Die Reiseveranstalter gehören zu denen, die am meisten unter dem Corona-Lockdown gelitten haben. Besonders hart traf es wiederum die Reisebusunternehmen. Busreisen sind nun unter Infektionsschutz-Auflagen seit 15. Juni wieder erlaubt. Die Lage ist dennoch weiter dramatisch. Neubuchungen lassen auf sich warten – doch jetzt gibt’s zumindest einen Lichtblick: 40 Millionen Euro an Finanzhilfen hat das Land Baden-Württemberg den Bustouristik-Unternehmen zugesagt. Am Dienstag stimmte das Landeskabinett dem Rettungsschirm zu, und auch der Bund hat ein Rettungspaket aufgelegt. Wann die Gelder fließen und wie das Prozedere im Detail ausgestaltet sein wird, darum werden sich die Unternehmen nun kümmern müssen. „Alle Beteiligten von Landesseite sind sich einig, dass die Hilfen bald fließen sollten“, so ein Sprecher des baden-württembergischen Verkehrsministeriums.

Die Unternehmen erhalten laut Verkehrsministerium einen einmaligen Zuschuss in Höhe von bis zu 18 750 Euro pro Reisebus. Das Geld fließt allerdings nur an Firmen, die einen Liquiditätsengpass nachweisen können. Dazu ist laut Ministerium ein Testat eines Steuerberaters oder Wirtschaftsprüfers nötig.

Das lange Warten auf Hilfen

Bereits vor der offiziellen Verkündung des Ministeriums hörte Kristina Maier davon, dass der Rettungsschirm für Busreise-Unternehmen nun doch aufgespannt wird. „Cool. Richtig super“ – das ist Kristina Maiers spontane Reaktion auf die Nachricht. Sie führt mit ihrer Schwester Tatiana Wiesenhütter das Familienunternehmen Maier Reisen in Kaisersbach-Cronhütte. Das Familienunternehmen war im Mai auch im rund 150 Busse umfassenden Protest-Corso in Stuttgart vertreten. Mitte Juni hatte es wiederum eine Reisebus-Sternfahrt mit rund 1000 Fahrzeugen in Berlin gegeben. „Hilfen sind bei den Reisebusunternehmen jedoch immer noch nicht angekommen“, sagt Tatiana Wiesenhütter.

"Manche Kunden waren echt unverschämt"

„Uns ging’s Anfang März eigentlich noch echt gut. Wir hatten richtig viele Buchungen, die Auftragsbücher waren voll, auch mit vielen Abschluss-, Firmen- und Vereinsfahrten. Und dann hat’s uns den Boden unter den Füßen weggezogen. Alles ist weggebrochen“, sagt Kristina Maier. Vor allem Stornierungen waren die Folge.

„Manche Kunden waren echt unverschämt, haben geschimpft, wir wollten uns an den Stornogebühren bereichern, und haben einfach ihre Stornorechnungen nicht bezahlt.“ Fakt sei, dass sich das Unternehmen in existenzbedrohlicher Lage befinde. Alle sieben Busfahrer seien in Kurzarbeit. Das coronabedingte Reiseverbot „war für uns wie mit 180 gegen die Wand“, so Tatiana Wiesenhütter.

„Die Leute haben Angst“

Und jetzt dürfen zwar wieder Busreisen stattfinden, doch Neubuchungen gebe es kaum. „Es läuft sehr zäh. Die Leute haben Angst, weil in den Medien Panik verbreitet wird. Viele sagen auch, die ganze Zeit mit Mund-Nasen-Maske im Bus zu sitzen, das könnten und wollten sie nicht. Was ich nicht ganz verstehe, woanders, beim Einkaufen, im ÖPNV und im Flugzeug muss man doch auch eine Maske tragen“, sagt Kristina Maier. Fahrten ins Schullandheim, Klassen- und Abschlussfahrten sind komplett abgesagt – „das drückt uns“. Umso mehr freut sich Kristina Maier jetzt über die Hilfe.

Die erste Busreise von Maier Reisen findet nun am 5. Juli statt, sie geht nach Österreich, aber: „Die steht schon seit langem fest. Das ist eine Gruppe, die schon seit 15 Jahren an diesem festen Termin mit uns verreist“, so Kristina Maier. Ende Juli folge dann eine zweite Reise. Danach sehe es schon wieder ganz mau aus. „Wir brauchen ja mindestens 15 bis 18 Teilnehmer, damit es sich rechnet. Ich verstehe das aber. Vereine und Firmen planen ja jetzt wegen der ganzen Unsicherheiten keine Reisen im Moment und schon gar nicht so spontan für die nächsten Wochen und Monate.“

Auch Römer Reisen in Winnenden kann aufgrund der Buchungslage erst im Juli wieder mit Busreisen beginnen, sagt Marianne Römer. „Es gibt zwar viele Anfragen. Die Leute sind jedoch nach wie vor vorsichtig und warten lieber noch mal ab, wie sich die Lage entwickelt, bevor sie sich festlegen.“ So musste das Unternehmen auch eine eigentlich für 25. Juni anvisierte viertägige Wien-Reise leider absagen. „Wir hatten zu wenige Buchungen dafür.“

Die meisten Kunden haben storniert

Die wirtschaftliche Lage des Unternehmens, das vor rund 70 Jahren gegründet wurde und von ihrem Mann Harald und ihr geführt wird, sei kritisch. Wenige hätten bei Reiseausfall umgebucht. Einige hätten Gutschriften akzeptiert, die bis Ende 2021 eingelöst werden könnten. Die meisten hätten jedoch storniert.

„Wir haben damit bis Juli insgesamt 3,5 Monate Totalausfall. Die Reisebusse standen bei uns nur herum. Die Kosten, Zinsen und Verpflichtungen liefen und laufen weiter“, sagt Marianne Römer. Staatliche Corona-Hilfszuschüsse oder einen KfW-Förderkredit habe man nicht abrufen können. „Wir haben dafür schon zu viele andere Kredite laufen. Die Fahrzeuge sind ja alle finanziert.“ Ein Teil der 16 Beschäftigten ist in Kurzarbeit.

Zum Glück betreibt die Otto Römer Omnibusverkehr GmbH & Co. KG noch Linienbusverkehr. „Die Linien liefen weiter, das brachte zumindest konstante Einnahmen“, sagt Marianne Römer.

Aus Unsicherheit warten alle erstmal ab

Im Vor-Corona-Normalbetrieb machten auch viele Vereine, Jahrgangsgruppen und Firmen Reisen und Ausflüge mit Bussen von Römer Reisen. „Auch die warten im Moment alle erst einmal ab. Die Lage ist für uns Reisebusveranstalter immer noch sehr schwierig. Wir hoffen, dass jetzt wieder nach und nach viele Buchungen kommen“, sagt Marianne Römer. Und sie wirbt: „Busreisen sind im Vergleich zum Urlaub mit dem Flieger oder dem eigenen Auto viel umweltfreundlicher.“ Vergleichsrechnungen von Verkehrsexperten belegen, für 100 Kilometer pro Person verbrauchen im Durchschnitt der Reisebus 0,9 Liter, der Diesel-Pkw 5,9 Liter, der Benzin-Pkw 6,7 Liter, die Bahn bei einer Zuggeschwindigkeit unter 200 km/h 1,9 Liter und bei über 200 km/h 2,6 Liter sowie das Flugzeug 6,6 Liter Kraftstoff. Ein Reisebus ersetzt weit mehr als 30 Individualverkehrsmittel und trägt daher zu einer geringeren Belastung der Straßen und Umwelt generell bei.

Auch der Schlienz Tours GmbH & Co. KG in Rommelshausen und Stuttgart „ist das Busreisegeschäft vom einen auf den anderen Tag weggebrochen“, erinnert sich Mark Ungerathen, Leiter der Touristik des Unternehmens, das glücklicherweise ebenso noch Buslinienverkehr betreibt. Kunden annullierten, stornierten oder buchten um. Ein Teil der Mitarbeiter musste in Kurzarbeit. Ungerathen bestätigt auch sonst Marianne Römers Angaben: „Es ist noch große Verunsicherung vorhanden. Wir waren immer für unsere Kunden da und haben sehr viel von der besorgten Stimmung mitbekommen.“

„Wann geht's endlich wieder los?“

Es gebe aber auch viele, die nachfragten, „Wann geht’s endlich wieder los? Das zeigt uns, dass die Menschen wieder verreisen wollen“, so Ungerathen. Schlienz beginnt aber auch erst Ende Juni, Anfang Juli wieder mit Busreisen, dann vor allem mit Zielen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. „Was andere Destinationen angeht, das ist den meisten noch zu unsicher. Die Lage während der Coronakrise ändert sich ja beinahe täglich.“ Wenigstens bestehe noch die Chance, dass sich für die klassischen Busreise-Monate August, September und Oktober wieder Anmeldungen ergeben, so Ungerathen. „Die Frühjahrssaison ist ja diesmal komplett ausgefallen. Wir stellen gerade auch schon das Winterprogramm auf die Beine. Und Reisetermine im Jahr 2021 sind bereits zur Buchung geöffnet.“

Welche Anti-Corona-Regeln gibt es für Busreisen?

In Baden-Württemberg gibt es seit 10. Juni eine eigene Landes-Verordnung für Busreisen. Das Verkehrsministerium fasst die Corona-Regelungen so zusammen:

  • Die Fahrgäste müssen während der Fahrt im Reisebus – wie ja auch im ÖPNV und im Flugzeug – eine Mund- und Nasenbedeckung tragen.
  • Außerhalb des Busses und beim Ein- und Aussteigen soll der Abstand von mindestens 1,5 Metern eingehalten werden.
  • Körperkontakt, insbesondere Händeschütteln oder Umarmen, ist zu vermeiden.
  • Außerdem soll jeder Fahrgast einen festen Sitzplatz haben.
  • Es gelten Hygieneregeln, so muss es im Bus genug Mittel zur Desinfektion der Hände geben.

Die Reiseveranstalter gehören zu denen, die am meisten unter dem Corona-Lockdown gelitten haben. Besonders hart traf es wiederum die Reisebusunternehmen. Busreisen sind nun unter Infektionsschutz-Auflagen seit 15. Juni wieder erlaubt. Die Lage ist dennoch weiter dramatisch. Neubuchungen lassen auf sich warten – doch jetzt gibt’s zumindest einen Lichtblick: 40 Millionen Euro an Finanzhilfen hat das Land Baden-Württemberg den Bustouristik-Unternehmen zugesagt. Am Dienstag stimmte das

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