Rems-Murr-Kreis

Cannabis-Legalisierung würde Probleme beseitigen – und neue schaffen

Marihuana
Voraussichtlich können Bürger/-innen bald auch in Deutschland Cannabis in lizenzierten Geschäften legal kaufen. © Benjamin Bôttner

In dunklen Ecken riecht’s hin und wieder deutlich nach Gras. Gemeint ist nicht das frisch gemähte. In naher Zukunft werden sich Cannabis-Konsumenten nicht mehr in dunklen Ecken verstecken müssen: Die Ampelparteien planen die Legalisierung.

Das wird Auswirkungen auf die Arbeit der Suchthilfe im Rems-Murr-Kreis haben. Menschen, die bisher zur Beratung gekommen sind, weil sie eine Auflage zu erfüllen hatten, verschwinden nun unterm Radar. Man wird auf anderen Wegen versuchen müssen, sie zu erreichen, etwa via Streetwork.

Die Lage ist verzwickt

Im Gespräch mit Kilian Frey, Fachbereichsleiter beim Kreisdiakonieverband, wird schnell klar, wie verzwickt die Lage ist. Die Legalisierung wird Probleme lösen – und neue schaffen. Es sind vor allem junge Menschen, berichtet Frey, die in Zusammenhang mit Cannabis die Justiz kennengelernt und eine Auflage erhalten haben – und daraufhin einen Beratungstermin wahrnehmen. „Okay, du hast dir Ärger eingehandelt. Wie gehen wir jetzt damit um?“ – das ist der Ausgangspunkt in der Beratung, so Frey. Es geht dann schlicht darum, im besten Falle zu verhindern, dass der oder die Betreffende in eine Sucht hineingerät. Wer schon in einem frühen Stadium Kontakt zu einer Beratungsstelle hatte, wird vielleicht die Schwelle als kleiner empfinden, sich erneut dorthin zu wenden.

„Schwere Verläufe massiver Abhängigkeit“

Andererseits kriminalisiert das – noch – geltende Recht auch jene Menschen, deren Konsum nicht als problematisch einzustufen ist. Es ist zum Haareraufen, und selbst die Landesstelle für Suchtfragen (LSS) in Baden-Württemberg hat sich sehr lange Zeit gelassen, bis sie sich zu einer offiziellen Stellungnahme durchgerungen hat. Ihr Votum datiert vom 22. Oktober 2021, und dort heißt es: Die LSS „setzt sich für eine Entkriminalisierung von Cannabis ein“ – obwohl sich „insbesondere in den Rehakliniken schwere Verläufe massiver Abhängigkeit mit ausgeprägten psychischen, körperlichen und sozialen Folgeschäden zeigen.“

Ein Widerspruch?

Im Grunde nicht. Denn ganz offensichtlich verhindert Strafverfolgung nicht den Konsum. Und: Ein großer Teil jener Personen, die aufgrund von juristischen Auflagen in Beratungsstellen kommen, betreiben einen „risikoarmen, nicht abhängigen und größtenteils unschädlichen Konsum“, wie die LSS weiter schreibt.

Cannabis-Konsum bringt Risiken mit sich

Was wiederum nicht heißt, Cannabis sei ungefährlich, das sagt die LSS mitnichten, und diesen Punkt betont auch Kilian Frey. Wer Cannabis konsumiert, kann eine Psychose entwickeln, also ernsthaft psychisch erkranken.

Entkriminalisierung fördert trotzdem den Gesundheitsschutz, argumentieren Befürworter. Ein beachtlicher Schwarzmarkt existiert seit langem, und was dem Stoff, den's illegal allerorten zu kaufen gibt, so alles beigemischt ist – das weiß kein Mensch. Die Rede ist in vielen Berichten von einer regelrechten Chemiegras-Schwemme. Mit synthetischen Cannabinoiden versetztes Gras könnte, davon gehen Fachleute aus, mitverantwortlich dafür sein, dass Psychosen nach Cannabis-Konsum zunehmen.

Kontrollierte Abgabe: Noch viele Details wären zu klären

Auf die Gefahren von Chemiegras weist auch die Landesstelle für Suchtfragen in ihrer Stellungnahme hin. Ein kontrollierter Verkauf würde verhindern, dass dem Stoff unerwünschte Substanzen beigemischt sind. Ganz im Gegensatz dazu wissen Käufer/-innen, die in Parks und an Bahnhöfen ein Tütchen mit Gras erwerben, mitnichten, was genau sich in der Mischung befindet.

Nur in lizenzierten Geschäften soll künftig Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken verkauft werden. Darauf habe sich die Koalitions-Arbeitsgruppe Gesundheit und Pflege geeinigt, berichtete die Funke Mediengruppe. Was die Details angeht, dürfte noch eine Menge Klärungsbedarf bestehen. Der regulierte, legale Bezug von Cannabisprodukten dürfe erst ab einem Alter von 21 Jahren erlaubt sein, mahnt die LSS: Junge Menschen seien, da ihre neurophysiologische Entwicklung noch nicht abgeschlossen sei, „einem ungleich höheren Risiko für psychische Schäden ausgesetzt als Erwachsene“. Ein striktes Werbeverbot hätte die Landesstelle für Suchtfragen zudem gern in den Regeln verankert.

In dunklen Ecken riecht’s hin und wieder deutlich nach Gras. Gemeint ist nicht das frisch gemähte. In naher Zukunft werden sich Cannabis-Konsumenten nicht mehr in dunklen Ecken verstecken müssen: Die Ampelparteien planen die Legalisierung.

Das wird Auswirkungen auf die Arbeit der Suchthilfe im Rems-Murr-Kreis haben. Menschen, die bisher zur Beratung gekommen sind, weil sie eine Auflage zu erfüllen hatten, verschwinden nun unterm Radar. Man wird auf anderen Wegen versuchen müssen, sie

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