Rems-Murr-Kreis

Charly und die Ackerfurche: Kartoffelanbau handgemacht

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Total vermummt wegen zu viel Sonne und Corona: Rechts auf dem Anhänger sitzt Charlotte Ulrich, genannt Charly. Neben ihr ist Kathrin Haller; beide sind schwer damit beschäftigt, die Setzmaschine mit Kartoffel-Nachschub zu versorgen. Den Trecker fährt Lothar Maier. © Gabriel Habermann

„Schneller!“, schreit Lothar Maier gegen den Treckerlärm an. Und: „Kriaget d’ Finger net nei!“ Charlotte „Charly“ Ulrich und Kathrin Haller müssen aus den Schütten vor ihnen Kartoffeln rausholen und in den Drehteller einlegen. Von dem aus fallen die Knollen dann durch ein Rohr, das eine Furche in den Ackerboden zieht, in die Erde. Direkt daneben häufeln zwei schräg gestellte Räder die Krume etwa 15 Zentimeter hoch über die Kartoffeln. Und obwohl Lothar Maier so langsam fährt, dass sein Trecker schon stottert – die Drehteller brauchen ständig Futter. Die Sonne brennt auf den Acker beim Schwaikheimer Grüß-Gott-Weg am Sportplatz vorbei zur Linde hoch – Beinsteiner Weg heißt er offiziell, aber das weiß ja keiner –, und es staubt ganz fürchterlich. Aber immerhin: Der Anhänger, korrekt „Kartoffel-Lege-Maschine“, sagt Lothar Maier, käme zwar, technologisch betrachtet, quasi direkt nach dem Ackergaul mit Holzpflug, die  Frauen müssen sich aber wenigstens nicht bücken, sondern können sitzen. 


Wieso schwitzt Charlotte Ulrich, die eigentlich Grafik-Designerin mit eigenem, schön schattigem Büro ist, zusammen mit ihrer Mitarbeiterin auf dem Feld?

„Das schafft ihr nie“ – Charly Ulrich nahm die Wette an

Am Anfang – das war noch im alten Jahr, in 2019 – war da diese klitzekleine  Auseinandersetzung: „ Ihr wisst ja gar nicht, was das bedeutet; wie das war, früher“, sagte Lothar Maier, seines Zeichens Schwaikheimer Wengerter und schollenverbundener Landmensch, allerdings ohne Bio-Hintergrund. Und Charlotte Ulrich, üblicherweise an Schreibtisch und Computer tätig, sagte: „Aber Lothar, es muss was passieren! Wir können so nicht weitermachen.“ Lothar Maier sagte: „Das schafft ihr nie“ – und Charly Ulrich nahm die Wette an.

Das Ganze heißt jetzt „Äbira-Prodschegt“: Charlotte Ulrich und ihre vier Kolleginnen – Mirjam Häcker, Ilona Ivenz, Kathrin Haller und Daniela Deeg – werden ein Frühjahr und einen Sommer lang Kartoffeln pflegen. Acht Kartoffelreihen müssen sie beackern. Der Acker ist ungefähr 140 Meter lang. Das ist echt ein weites Stück.

Charly hat Landwirts-Wurzeln und außerdem einen Hang zum romantischen Selber-Tun: Im Garten hinterm Haus hält sie glückliche Hühner. Sie meint, dass sie sich noch gut an ihre Kindergartenzeit erinnert, in der sie immer eine Horde von Frauen auf dem Feld gesehen hat, die fleißig gehackt haben. Woraufhin Lothar Maier auf seine unnachahmlich knorrige Art erklärt, dass das heute und auf diese Weise wirklich keiner mehr mache.

Kartoffelkäfersuche ist inklusive

Aber Lothar Maier wäre nicht er selbst, wenn er nicht sofort in den „Kartoffelvertrag“ eingestiegen wäre: „feierlich beschlossen“ und „hiermit wird vereinbart“, dass sich die idealistischen Schreibtischtäterinnen um die Kartoffeln kümmern, „inklusive Kartoffelkäfersuche beziehungsweise -vernichtung“. Die Ernte wird geteilt, Saatgut und Acker stellt Lothar Maier.

Zu Weihnachten und zur Bekräftigung bekam das Frauen-Team fürs „Äbira-Prodschegt“  von ihm dann auch erstens Kopftücher gegen den Sonnenstich und zweitens Hacken geschenkt. „Die schwersten, die’s gibt“, sagt er. Nicht weil er die Frauen quälen will, nein, nein. Sondern weil nur diese Hacken wirklich taugen.


„Wir wollen nicht in die Steinzeit zurück“, sagt Charlotte Ulrich. Und vom Demeterstandard seien sie freilich weit entfernt. Aber „wir lehnen Ackergifte ab“. Das heißt: Unkrautvernichtungsmittel, Schädlingsbekämpfer – alles auch gern Pflanzenschutzmittel genannt – gibt’s nicht. Der Traktor allerdings darf fahren und versenkt jetzt kiloweise Annabella, Linda, Rote Emmalie, Nicola und Laura. Technik macht das Leben leichter.

Bodenproben ziehen, denn Kartoffeln brauchen beste Erde

Einige Wochen vorher, genau gesagt am Montag, 27. Januar, als es eklig kalt und unglaublich nass von oben war, trug Charly Ulrich ganz ohne maschinelle Unterstützung kiloweise Lehmbollen an den Gummistiefeln durch die Gegend. „Es hat geschüttet“, sagt sie, was ja einen echten Kartoffelfan nicht schmerzt. Doch die von Lothar Maier  geforderten Bodenproben sorgen bei solchen Verhältnissen schon für kalte Füße. Diese ganze Arbeit war nötig, weil die Kartoffeln beste Verhältnisse fürs Rund-und-gesund-Wachsen haben sollen. Und daher musste mittels eines Erdbohrers in den Acker gepikt werden. Um dieses zu tun, durchquert der Kartoffel-Profi das Gelände im Zickzack, und Charly Ulrich vermutet, dass es für solch eine Gangart im Dressurreiten bestimmt einen Namen gibt. Alle eingesammelte Erde kommt dann in einen Eimer und wird vermischt.

Etwa 200 Gramm davon landen in einer Tüte und ab die Post damit nach Sinsheim ins Labor Bioplan. Inklusive der Angabe, was auf dem beprobten Acker demnächst wachsen soll.

Die Chemiker dort untersuchen auf Humusgehalt, Phosphor, Kalium, Magnesium und pH-Wert. Sie stellen die Bodenart fest, ermitteln den Kalkbedarf und geben eine Düngerempfehlung. Kartoffeln haben gerne einen eher leichten, nährstoffreichen Boden in der Sonne. Ja – an der Sonne fehlt’s nicht, aber Charly musste düngen.  Biodünger natürlich. Von Hand ausgestreut. Aber aufpassen: Zu viel durfte es auch nicht werden, dann werden die Kartoffeln auch nix. Arbeit auf den ganzen insgesamt 38 Ar.

Die Kartoffeln sollten jetzt also prächtig gedeihen – wenn, ja wenn es endlich mal kräftig regnet.

Dem Acker blüht noch was: Landfrauen sorgen für Bienenweide

Die Schwaikheimer Landfrauen geben dem „Äbira-Prodschegt“ den schönsten Rahmen, den ein Acker haben kann. Sie haben gute 2000 Quadratmeter Blühstreifen  gespendet. Die Samen sind bereits gesät – auch hier fehlt jetzt der sehnlichst erwartete Regen. Wenn dann endlich das Wasser kommt und die vielen Tausend Körnchen keimen, werden entlang der Kartoffelreihen Sommerwicken, Phacelia,  Klatschmohn, verschiedene Kleesorten, Sonnenblumen, Koriander und Borretsch, Ringelblumen, Malven, Lupinen, Senf, Schwarzkümmel und, und, und blühen. Das gibt Futter für Bienen und Schmetterlinge, Unterschlupf für andere Insekten und  Schönes fürs Auge und das Herz der Spaziergänger Die Landfrauen freuen sich doppelt, denn ihre Spende hilft doppelt: Das Geld, das Lothar Maier von ihnen für den  Blühstreifen bekommen hat, geht nämlich komplett an die Stiftung Deutsche  Kinderkrebsnachsorge in Tannheim im Schwarzwald.

Übrigens: Bei dieser Spendenaktion können noch ganz viele mitmachen. Lothar Maier hat noch einige Blühstreifen mehr entlang seiner Äcker eingesät. Für 30 Cent pro Quadratmeter kann sich jeder sein Stück Bienenweide sichern und die  Kinderkrebsnachsorge unterstützen. Wer drei Ar Bienenblüten sein Eigen nennen will und somit 90 Euro spendet, bekommt sogar ein Schild. Mehr Infos und Kontakt unter www.maier-weingut.de/veranstaltungen/aktuelles-presse/

„Schneller!“, schreit Lothar Maier gegen den Treckerlärm an. Und: „Kriaget d’ Finger net nei!“ Charlotte „Charly“ Ulrich und Kathrin Haller müssen aus den Schütten vor ihnen Kartoffeln rausholen und in den Drehteller einlegen. Von dem aus fallen die Knollen dann durch ein Rohr, das eine Furche in den Ackerboden zieht, in die Erde. Direkt daneben häufeln zwei schräg gestellte Räder die Krume etwa 15 Zentimeter hoch über die Kartoffeln. Und obwohl Lothar Maier so langsam fährt, dass sein

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