Rems-Murr-Kreis

Charly und die erste Ernte: Das "Äbira-Prodschegt"-Team buddelt zwei Reihen Frühkartoffeln aus der Erde

Kartoffelserie 4
Mit dem „Karschd“ die Kartoffeln aus der Erde holen: Lothar Maier und Charly Ulrich schwitzen auf dem Acker. © Benjamin Büttner

Am Ende dieser mehr als vier Stunden Schufterei wird’s richtig feierlich. Alle, die in brütender Hitze auf dem Schwaikheimer Kartoffelacker in der zugegebenermaßen sensationell feinkrümeligen Erde gebuddelt, die sich so oft gebückt haben, dass sie aufgehört haben mitzuzählen, strecken erledigt alle viere von sich. Der Baum vom Stückle nebenan spendet Schatten, Charlotte „Charly“ Ulrich schenkt reihum kühlen Sekt in Pappbecher, und „Chefagriculteur“ Lothar Maier gibt erstens strahlend zu, dass er seine Wette gegen die Mädels vom Äbira-Prodschegt verloren hat – sie haben’s geschafft!


Der Kartoffelanbau ist geglückt, wenn auch alle zwei Tage die Käfer abgelesen werden mussten. Und zweitens hält er die längste Rede, die er in diesem Erschöpfungszustand noch zu halten in der Lage ist. „Ich hätt’ nie denkt“, sagt er, „dass mir nach zehn Wochen scho so eine Ernte eifahred. Und des ohne pflanzenschutztechnische Maßnahmen!“

Sie mussten mit Kupfer spritzen; es ging nicht anders. „Koi Chance!“

Na ja. Fast jedenfalls. „Mir müsset was gestehen“ sagte er, noch inmitten der Ackerfurchen, und er und Charly Ulrich guckten ein bisschen zerknirscht. Die sieben Kartoffelreihen nämlich, die noch länger im Acker bleiben sollen, haben die beiden vor ein paar Tagen mit Kupfer gespritzt. Es ging nicht anders, auch wenn’s Herz wehtat. „Koi Chance!“ Der längst von beiden erwartete Pilz, der sich bei feuchtwarmen Wetter ganz hervorragend entwickelt, hatte schon das Kartoffelkraut befallen. Die Blätter sehen aus, als ob sie jemand angekokelt hätte. Hätte das „Äbira-Prodschegt“-Team nicht auf das Fungizid zurückgegriffen, wäre die Krankheit innerhalb kurzer Zeit auch auf die Knollen übergegangen. Die ganze Ernte wäre futsch gewesen. „Charly und die fiese Fäule“ hätte der nächste Artikel dann wohl geheißen. Aber der muss ja jetzt nicht geschrieben werden.

Kupfer ist ein Schwermetall, das in hoher Konzentration in der Erde zahlreiche Bodenorganismen schädigen kann. Es wird auch nicht abgebaut. Dennoch sind kupferhaltige Spritzmittel sogar im Demeterlandbau zugelassen. Irgendwie muss sich halt auch der beseelteste Biolandwirt helfen. Das Umweltbundesamt hat den Nutzen für die Landwirtschaft für vergleichsweise hoch, die Nebenwirkungen auf die Umwelt als vertretbar eingestuft. Im Hobbygarten allerdings darf es nicht eingesetzt werden.

Lothar Maier und sein „Äbira-Prodschegt“-Team müssen jetzt jedenfalls die gespritzten Kartoffeln zwei Wochen lang stehenlassen. Erst dann darf wieder geerntet werden. Kein Problem bei der Ausbeute, die schon die ersten zwei, selbstverständlich unbehandelten Reihen ergeben haben.


Sogar einen Gaul hatten sie auf dem Acker beim Schwaikheimer Grüß-Gott-Weg zur Linde hoch mit dabei. Prinz heißt der Gute und zieht normalerweise Planwagen für vergnügliche Feierfahrten. Die allerdings scheinen augenblicklich nicht so gefragt – eine Corona-Nebenwirkung. Auf dem Kartoffelacker war Prinz noch nie. Und einen so museumsreifen, rostigen Pflug wie den, den er dort angeschnallt bekommen hat, hat er auch noch nie bewegt. Stundenlang, sagt Lothar Maier, habe er dieses Erbstück bearbeiten müssen, auf dass das Verbogene wieder gerade werde. Jetzt hält er den Pflug an den Stellen, an denen eigentlich Holzgriffe wären, versucht, die Spitze dorthin zu lenken, wo die Kartoffeln wachsen und rennt. Denn Prinz hat’s eilig.

Anschließend müssen die Erntehelfer ackern. Und es führt kein Weg dran vorbei, Pflug hin, Pflug her: Sie müssen mit dem „Karschd“ ran. Hä? Mit dem „Karschd“! Noch nie gehört? Also dann ein Kurzkurs Schwäbisch für die Landwirtschaft. Wer Lothar Maiers Breitschwäbisch googelt, findet nichts. Wer das „d“ durch ein „t“ ersetzt, „Karscht“, wird fündig: Ein passendes Bild, ein erklärender Artikel aus der Würzburger Mainpost – Wahnsinn, das Gerät heißt wirklich so! Der Karscht – nicht Karst, Hochdeutschsprecher aufgepasst! – ist eine zweizinkige Hacke für die Kartoffelernte. Der Sinn des Geräts ist, die Erde hochzulupfen und lockerzuschütteln, ohne die Kartoffeln, die zu finden und aufzulesen sind, in Mengen kaputtzuhacken. Es funktioniert gut. Es ist saumäßig anstrengend. So haben die Bauern in den Zeiten, in denen sie noch nicht mit klimatisierten Vollerntern über die Felder dieselten, immer gearbeitet.


Am Ende kommen wirklich und wahrhaftig 15 Säcke der guten Annabelle, Typ festkochend, für Bratkartoffeln, Gratin, Kartoffelsalat, Ofen-, Brat- Pell-, Salz- und wilde Kartoffeln geeignet, zusammen. „Des isch a Pracht“, sagt Lothar Maier. 15 Säcke à ungefähr 25 Kilo ergeben rund 375 Kilo Kartoffeln. Oder, noch mal anders gerechnet: Die zwei Reihen sind jeweils fast 140 Meter lang, pro Meter wurden drei Kartoffeln gesetzt, die durchschnittlich fünf neue Kartoffeln wachsen lassen – ergibt insgesamt 4200 junge Kartoffeln. Charly Ulrich fragt sich schon, wohin damit und ob ihr Gewölbekeller die richtige Temperatur hat. Denn Annabelle ist ein Sensibelchen, will luftig, dunkel und zwischen vier und acht Grad Celsius aufbewahrt werden und hält sich trotzdem nach der Juli-Ernte nur bis Ende des Jahres.

Lothar Maier träumt von Kartoffeln mit Quark und Bio-Weizen

Lothar Maier dagegen schiebt jetzt erstmal alle Probleme von sich, träumt von Kartoffeln mit Quark und davon, im nächsten Jahr mit den „Äbira-Prodschegt“-Mädels auf seinem Acker Bio-Weizen anzubauen. Der kriegt schließlich keine Käfer. „Da müsset ihr na bloß des Unkraut hacken!“ Das klingt ja echt nach ‘nem leichten Job.


Familienglück im „Wengert“: Albrecht Ebinger aus Rudersberg liebt sein Obstbaumstückle, sorgt dort für die Natur – und die Familie hilft mit

Das „Äbira-Prodschegt“-Team hat glücklicherweise regelmäßig freiwillige Helfer, die mit auf den Acker gehen, um etwa Kartoffelkäfer zu sammeln oder um sich tief in die Ackerfurchen zu bücken, um wie die Schatzsucher die Kartoffeln aus der Erde zu graben. Albrecht Ebinger, 88 Jahre ist er inzwischen alt, hat zum Glück seine Söhne. Die helfen ihm auf seinem „Wengert“. Ha - falsch gedacht, es geht nicht um einen Weinberg.

Die ererbte Streuobstwiese

Von seinen Eltern hat er eine Streuobstwiese mit zwei Ar und 20 Obstbäumen geerbt. Im Wieslauftal heißt das nicht „Stückle“, sondern „Wengert“, weil, so schreibt Albrecht Ebinger, „vor über 120 Jahren die aus Amerika eingeschleppte Reblaus die Rebstöcke kaputt gefressen hat und die Besitzer fast alle Reben gerodet und danach Obstbäume gepflanzt haben“. Auch Albrecht Ebingers Vorfahren haben das gemacht.

Er könne, schreibt er, die Bäume inzwischen nicht mehr selbst schneiden. Und in der Steillage auch das Gras nicht mehr mähen. Aber dennoch: Seinen Wengert liebt er, und zwar schon viele Jahre lang. In 35 Jahren Außendiensttätigkeit für einen holländischen Farbenhersteller habe er, so schreibt er, seine Heimat und auch das Schwäbische besonders zu lieben gelernt. Und „mein Wengert bot mir eine wunderbare Abwechslung, ja Erholung an Wochenenden“. Er lernte, die Bäume in Form zu halten und die Sorten zu kennen. In seinem Wengert wird das Gras nur Mitte bis Ende Juni, und Ende Oktober vor der Obst-Ernte geschnitten. Damit der Öko-Kreislauf unterstützt ist und damit schöne und seltene Blumen blühen. Weder die Wiese noch die Bäume hätten jemals Kunstdünger abbekommen.

Ende Oktober findet im Ebinger’schen „Wengert“ seit vielen Jahren ein „Apfelfest“ statt. Da trifft sich die Familie, die Äpfel werden geerntet, es wird gegrillt und gemeinsam gegessen. „Den Begriff Apfelfest hat eine unserer zehn Enkelkinder vor sehr langer Zeit von der Schule mitgebracht, weil Sie einen Aufsatz schreiben musste, was sie in den Ferien gemacht hat.“ Inzwischen ist die einst kleine Schülerin Mama „zweier unserer sechs Urenkel“.

Stolz auf die Söhne

Dass die drei Söhne sich inzwischen um den geliebten Wengert kümmern, „ohne dass ich sie zehnmal bitten muss“, das, schreibt Albrecht Ebinger, mache ihn nicht nur zufrieden, sondern auch „ein wenig stolz“.

Am Ende dieser mehr als vier Stunden Schufterei wird’s richtig feierlich. Alle, die in brütender Hitze auf dem Schwaikheimer Kartoffelacker in der zugegebenermaßen sensationell feinkrümeligen Erde gebuddelt, die sich so oft gebückt haben, dass sie aufgehört haben mitzuzählen, strecken erledigt alle viere von sich. Der Baum vom Stückle nebenan spendet Schatten, Charlotte „Charly“ Ulrich schenkt reihum kühlen Sekt in Pappbecher, und „Chefagriculteur“ Lothar Maier gibt erstens strahlend zu,

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