Rems-Murr-Kreis

Charly und die schweren Hacken: Kartoffelanbau mit Schweiß und Muskelschmalz

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Ja, auch dahinten ist noch Unkraut: Charly Ulrich und Lothar Maier beim Hacken auf dem Kartoffelacker. © Gabriel Habermann

Der Schweiß rinnt von der Stirn und tropft in die Augen. Es ist heiß. Die Hacken sind schwer. Und der Kartoffelacker wird mit jedem Schritt, mit jedem Mal Hacke anheben, runterfallen lassen, durchs Erdreich ziehen lang und länger. Charlotte „Charly“ Ulrich und ihrem Mädels-Team vom „Äbira-Prodschegt“ war gar nicht so bewusst, dass sie von Lothar Maier nicht nur a schwäbisch’s Breggele, sondern wirklich einen richtigen Acker mit ungefähr 140 Metern Länge zur Verfügung gestellt bekommen haben, um ihren Öko-Kartoffelversuch durchzuziehen.

Zur Erinnerung: Die Schwaikheimer Grafikdesignerin Charly Ulrich und ihre Kolleginnen haben mit Wengerter Lothar Maier einen Kartoffelvertrag abgeschlossen.

Er stiftet den Acker und das Saatgut, die Frauen ihre Muskelkraft und ganz viel Idealismus. Die Idee: einmal ausprobieren, ob’s nicht doch ohne Pflanzenschutz konventioneller Art geht. Kommt der Mensch ganz ohne Insektizide, Herbizide, Fungizide bis zur Ernte? Oder reicht’s wenigstens, wenn nur „bio“ gespritzt wird? „Das schafft ihr nie“, sagte Lothar Maier – die Frauen nahmen die Wette an und steckten Ende April fünf verschiedene Sorten Kartoffeln in neun Reihen Ackerfurche.


„Mir hän Dusel“ – das Unkraut ließ eine lange Zeit auf sich warten.

Sie hatten’s gut bislang. Mehrmals war zwar vorsichtshalber schon Unkraut-Alarm geschlagen worden, dann musste aber doch keine die Hacke schwingen. „Mir hän Dusel“, sagte Lothar. Der lange Zeit so schrecklich fehlende Regen quälte die Gerste im Feld nebenan, sorgte jedoch auch dafür, dass nix Ungewolltes spross. Und die Kartoffeln fanden das Wetter prima. Sie hatten’s in ihren angehäufelten Reihen warm und trotz der Sonnenfülle erstaunlich feucht. Schließlich aber wuchsen sie doch, der Schachtelhalm, der Ackerfuchsschwanz, der weiße Gänsefuß, die Hirse, die nicht das leckere Getreide, sondern ein grobes Gras ist, das sich viel schneller ausbreitet, als die gepflanzten Ackerfrüchte dies tun. Das alles musste raus. Die gute Erde mit all ihren Nährstoffen und Mineralien am Schwaikheimer Grüß-Gott-Weg von der Kelterstraße aus hoch zur Linde soll allein für die Kartoffeln da sein.



Charly und ihre Mädels müssen von Hand ran. Denn das Unkraut wächst nicht nur längs der Furchen, sondern auch quer zwischen den einzelnen Kartoffelpflanzen. So feinmotorisch ist kein Traktor-Anhänger, und sei er noch so modern. Und wer meint, dass Hacken was ist, was jeder ohne nachzudenken aus dem speziell fürs Kartoffelprojekt designten T-Shirt-Ärmel schüttelt, der irrt. „Ned so tief!“, schreit Lothar Maier. „Ihr grabet mir ja die Äbira aus!“ Ihm steht der Schweiß auf der Stirn – und das nicht nur, weil die Temperatur danach ist. Angst! Ahnungslose Schreibtischtäterinnen auf dem Acker.

Damals, als er noch gelernt hat – ja, das ist schon ein kleines Weilchen her –, da wurde die Arbeit auf dem Kartoffelacker sehr genau aufgeteilt. Da nämlich hat jeder, der mitgemacht hat, immer dieselbe Reihe gehackt. „Da hat man schnell gesehen, wer schlampig g’schafft hat.“ Nun, diese Arbeitskoordination, in deren Folge disziplinarische Maßnahmen ergriffen werden könnten, ist beim Äbira-Prodschegt schon ums Eck: Zu viele hacken zu bunt durcheinander durch die Erde. Sicher ist aber: Charly und ihre Mädels werden wieder ranmüssen. Denn, sagt der „Chefagriculteur“ – O-Ton Charly –, die Hackerei regt das Wachstum an, vor allem blöderweise das des Unkrauts. Durchs Hacken wird der Boden durcheinandergeworfen, neue Samen kriegen Licht und Luft – ein Teufelskreis.


Brennnesseljauche zur Pflanzenstärkung: Es stinkt!

Am Schluss – Charly hatte schon den Trecker gesteuert, während Lothar hinten auf dem Anhänger aufsaß, um dessen schief gestellte Rädchen zentimeterabzirkelnd durch die Kartoffelreihen zu führen, damit die krumm gehackten Furchen wieder schöne Kartoffel-Hügel bekamen – am Schluss wird’s olfaktorisch noch bedenklich. Genauer gesagt: Es stinkt bis zum Würgereiz. „Lauter Biozeug“, sagt Lothar Maier und grinst so ein fieses klitzekleines bisschen. Kanisterweise hat er Brennnesselsud angesetzt. Zur Pflanzenstärkung. Die Brühe muss, mit Wasser verdünnt, an die Kartoffelpflanzen ran. Allerdings wohlgezielt, denn die Blätter sollten bei der Sonne nicht benetzt werden. Sie würden sonst verbrennen. Es kann also kein Traktor samt Anhänger großzügig über den Acker sprühen, sondern Charly muss schleppen. Gießkanne für Gießkanne für Gießkanne. Neun Reihen à ungefähr 140 Meter. Es ist heiß. Der Schweiß rinnt von der Stirn und tropft in die Augen.


Insekten, Vögeln, Eidechsen und anderen Nützlingen zum Wohle

Es sind nicht nur die Mädels vom „Äbira-Prodschegt“, die mit viel Einsatz und Liebe dafür sorgen, dass unsere Welt bunt bleibt, dass sie weiterleben kann. Längst haben sich auch der Landkreis und Gemeinden dem Insektenschutz verschrieben. Rudolf Scharer, Ortsvorsteher von Schlechtbach und außerdem im Klimamanagement tätig, zählt inzwischen in den Rudersberger Ortsteilen etwa 2500 Quadratmeter Blühflächen. Die sind von einem Biologen begutachtet und mit standortgerechten Blühmischungen versorgt worden. Damit auch die Bevölkerung von den Steingärten weg und hin zum bienenfreundlichen und blühenden Garten kommt, wurden sowohl 2019 als auch schon in diesem Jahr Blütensamenmischungen zum Selbstkostenpreis abgegeben. Im letzten Jahr seien so rund 700 Quadratmeter Blühflächen in Privatgärten entstanden. Für 2020 rechnet Scharer mit weiteren 900 Quadratmetern. Wer in Rudersberg seinen Garten naturnah gestalten will, bekommt Infos und Unterstützung von den örtlichen Landschafts- und Gartenbaubetrieben.


Naturnah im Weinberg

Auch der Schwaikheimer Wengerter Christian Escher will nicht gegen, sondern mit der Natur arbeiten. Denn, sagt er, „wir denken in Generationen“. Und wie sollen die kommenden Generationen Landwirtschaft betreiben können, wenn das Land tot ist? Bei Christian Escher sind vor wenigen Tagen fünf kleine Rotkehlchen ausgeflogen. Aber nicht nur Nistkästen hat er aufgehängt: In seinen Weinbergen stehen vier Insektenhotels. Außerdem hat er Steinriegel aufgehäuft. Das Material dafür klaubt er immer wieder aus dem Wengert. In den Steinriegeln, sagt Christian Escher, würde es oft rascheln: Hier sind Eidechsen daheim.

Eschers Weinberge sind schon seit ein paar Jahren keine Monokultur mehr. Er hat kleine Hecken gepflanzt, zum Beispiel mit Holunder. Außerdem Weinbergpfirsiche, Mandelbäumchen, Apfel-, Quitten- und Kirschbäume. Rosen stehen am Wengerthäusle, Lavendel ist ein dankbarer Schmuck im Weinberg – er braucht wenig Wasser und die Bienen fliegen drauf. Er hat, sagt Christian Escher, darauf geachtet, dass möglichst immer wieder was blüht.

Zwischen den Rebstöcken sät der nachhaltig wirtschaftende Wengerter Pflanzen aus, die dem Boden guttun. Phacelia zum Beispiel, eine wunderhübsch lila-blau blühende Pflanze, die nicht umsonst auch „Bienenfreund“ heißt. Aber auch verschiedene Kleesorten, Senf oder Ölrettich tun Gutes. So kann auch aus einem Weinberg eine blühende Oase werden.

Der Schweiß rinnt von der Stirn und tropft in die Augen. Es ist heiß. Die Hacken sind schwer. Und der Kartoffelacker wird mit jedem Schritt, mit jedem Mal Hacke anheben, runterfallen lassen, durchs Erdreich ziehen lang und länger. Charlotte „Charly“ Ulrich und ihrem Mädels-Team vom „Äbira-Prodschegt“ war gar nicht so bewusst, dass sie von Lothar Maier nicht nur a schwäbisch’s Breggele, sondern wirklich einen richtigen Acker mit ungefähr 140 Metern Länge zur Verfügung gestellt bekommen haben,

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