Rems-Murr-Kreis

Chef der Kinderklinik Winnenden impft schon Kinder unter zwölf gegen Corona

Impfung Corona
Sollen jetzt auch Kinder ab fünf Jahren gegen Corona geimpft werden? Womöglich auch noch jüngere Kinder? © ZVW/Benjamin Büttner

In den USA ist der Corona-Impfstoff von Biontech für den Einsatz bei Kindern zwischen fünf und elf Jahren am 2. November von der Gesundheitsbehörde zugelassen worden. Für Deutschland erwartet der Chef der Kinderklinik in Winnenden, Prof. Dr. Ralf Rauch, die Zulassung zwar, doch in greifbarer Nähe ist sie nicht. Allerdings: Rauch hat trotzdem schon einige Kinder gegen Corona geimpft, sogar noch jüngere.

Beatmete Kinder auf der Station: „Das geht einem nahe“

Ralf Rauch hatte zwei Kinder auf der Intensivstation in Winnenden, die beatmet werden mussten. „Das geht einem nahe“, sagt er. Rund 50 Kinder, die mit Covid-19 infiziert waren, musste er seit Beginn der Pandemie auf seiner Station versorgen. Sie hatten, sagt er, Fieber, waren völlig abgeschlagen, brauchten Sauerstoff. „Die Kinder ringen um Atem!“

Fünf Kinder, die Rauch versorgt hat, hatten gesichert jenes Syndrom, das sich PIMS nennt: Sie litten am pädiatrischen inflammatorischen Multiorgan-Syndrom – jener Erkrankung, die erst Wochen nach der eigentlichen Corona-Infektion auftritt. „Inflammatorisch“ heißt „entzündet“: Herz, Magen, Darm und Leber waren angegriffen, die Leberwerte schlecht. Warum, fragt Ralf Rauch, soll er Kindern diese schreckliche Krankheit zumuten, wenn er sie doch davor schützen kann?

Ralf Rauch argumentiert nicht mit der sogenannten Herdenimmunität. Er will nicht die Kinder mit in die Verantwortung für die Gesellschaft nehmen. Verlangt nicht, dass auch die Kinder mit dafür sorgen, dass endlich die für die Eindämmung der Corona-Pandemie benötigte 85-prozentige Durchimpfung erreicht wird. „Mir geht es um das, was ich den Einzelnen ersparen kann.“

Ralf Rauch hat auch seine eigenen Kinder geimpft: Sie sind 2,5 und fünf Jahre alt

Ralf Rauch impft. Nicht nur die Kinder und Jugendlichen ab zwölf, für die der Schutz gegen Corona von der Stiko inzwischen abgesegnet ist. Er impft auch Kleinere. Seine eigenen Jüngsten, 2,5 und fünf Jahre alt, hat er längst mit dem Impfstoff von Biontech vor der Erkrankung geschützt. Mehr als ein Dutzend unter zwölfjährige Kinder von Krankenhausmitarbeiterinnen und -mitarbeitern wurden schon bei ihm vorbeigebracht. Der Betriebsarzt der Klinik, sagt er, führe zurzeit die Booster-Impfungen für das Klinikpersonal durch, da bleibe hin und wieder was übrig. Dann gibt's einen Rundruf: Wer will? Wer kann spontan das Kind vorbeibringen?

Ralf Rauch bezeichnet das als „off label“-Impfung. Die Impfstoffe gegen Corona sind in Deutschland für Kinder unter zwölf noch nicht zugelassen. Ganz zu schweigen davon, dass die Stiko sie empfiehlt. Was Rauch macht, nennt sich „individueller Heilversuch“, Eltern müssen unterschreiben, dass sie damit einverstanden sind. Die Verantwortung, sagt Rauch, trage dennoch der Arzt.

Impfung oder womöglich eine Krankenhausbehandlung mit Sauerstoff und Cortison?

„Aus meiner Sicht rechtfertigt der Schutz vor einer frischen Covid-19-Infektion mit potenziell mehrtägiger stationärer Behandlung mit Sauerstoff-Therapie, Inhalationen und Cortison-Gaben diese gut verträgliche Impfung sehr wohl.“ Noch mehr sieht Rauch sich in dieser Meinung bestätigt, wenn er an die Kinder mit PIMS denkt: „Diese Kinder brauchen Kreislaufunterstützung, Cortison, Immunglobuline und Atemhilfe. Sie haben Bauchprobleme und werden oft noch sehr lädiert entlassen.“

Über Long-Covid will er gar nicht reden. Über 400 solcher Fälle seien deutschlandweit gesichert, wobei die Zahlen zu dieser Folgeerkrankung wissenschaftlich nicht belastbar sind. Die Dokumentation der Fälle und die Weitergabe der Daten durch die Kliniken sind freiwillig. Nur eine Minderheit der Kliniken melde. „Ich weiß schon,“ sagt Rauch, „die meisten infizierten Kinder werden ohne Klinik-Behandlung bleiben. Nur kann ich mit dieser Argumentation ja auch beim Auto den Airbag und den Sicherheitsgurt weglassen.“

Auf der psychosomatischen Station reichen die Betten seit Corona nicht aus

Und Rauch selbst stellt fest, dass auf seiner psychosomatischen Station die Betten längst nicht mehr ausreichen. Ob die körperlichen und psychischen Beschwerden dieser Kinder und Jugendlichen von einer durchgemachten Corona-Infektion stammen oder ob sie eine psychische Folge des ganzen gesellschaftlichen Corona-Drumherums samt Isolierung sind, das sagt er, sei schwer einzuordnen. Sicher aber sei: Nach einer Impfung muss man nicht mehr isolieren. Man könne also auch die psychischen Belastungsfaktoren verhindern.

Ralf Rauch geht davon aus, dass die Zulassung des Biontech-Impfstoffs für Kinder auch durch die europäische Arzneimittel-Agentur EMA demnächst erfolgt. Er selbst beobachtet dank persönlicher Kontakte zusätzlich das Impfgeschehen in Kanada sehr genau. Dort seien rund 10 700 Kinder unter zwölf inzwischen gegen Corona geimpft. Drei Kliniken – in Toronto, in Montreal und in London (Ontario) – impfen wie er. Was Nebenwirkungen der Impfung angeht, werde, sagt Rauch, von Halsschmerzen und Fieber berichtet. Er habe von nichts Schlimmerem gehört.

Richtig, sagt Rauch, beim Biontech-Impfstoff könne eine Herzmuskelentzündung auftreten. Sie treffe vor allem Jungs. Einer von 16 000 sei betroffen. Bei Mädchen sei die Wahrscheinlichkeit, diese Nebenwirkung zu bekommen, „im Bereich eines Lottogewinns“. Die Entzündung heile üblicherweise gut ab. Die Infektion dagegen könne Herz und Lunge sehr schwer schädigen. Und im Verhältnis zur Impfnebenwirkung seien davon sehr viel mehr Infizierte betroffen.

Und was ist mit den späten Impffolgen, vor denen so viele Menschen Angst haben? Womöglich Jahrzehnte später auftretende Nebenwirkungen, sagt Rauch, gebe es nicht. Wenn Nebenwirkungen auftreten, dann innerhalb des ersten Monats nach der Impfung. Und ja, mRNA-Impfstoffe gebe es tatsächlich noch nicht lang. Doch die mRNA komme nicht bis zur menschlichen DNA. Sie sei nicht vermehrungsfähig, könne das Erbgut nicht schädigen. Sie werde nach der Impfung vom Körper abgebaut. Es gebe auch keine „ernsthaften Belege“ für Unfruchtbarkeit nach der Impfung. Sehr wohl aber für Schäden am ungeborenen Kind nach einer Infektion.

Jahrzehnte später auftretende Impffolgen gibt es nicht

Ralf Rauch klingt zum Schluss recht fatalistisch: „Wir werden“, sagt er, „auch nach mehreren Hundert Millionen verimpfter Dosen des Biontech-Impfstoffes niemanden davon abhalten, etwas anderes zu glauben.“ Ein Teil der Menschen, die sich gegen die Impfung entscheiden würden, überstehe die Infektion ohne dauerhafte Probleme. Der andere Teil lande auf der Intensivstation, habe Langzeitschäden. Aber auch Kinder, sagt Ralf Rauch, „haben ein Recht auf Unversehrtheit“.

In den USA ist der Corona-Impfstoff von Biontech für den Einsatz bei Kindern zwischen fünf und elf Jahren am 2. November von der Gesundheitsbehörde zugelassen worden. Für Deutschland erwartet der Chef der Kinderklinik in Winnenden, Prof. Dr. Ralf Rauch, die Zulassung zwar, doch in greifbarer Nähe ist sie nicht. Allerdings: Rauch hat trotzdem schon einige Kinder gegen Corona geimpft, sogar noch jüngere.

Beatmete Kinder auf der Station: „Das geht einem nahe“

Ralf Rauch hatte

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