Rems-Murr-Kreis

Claus Vogt beim ZVW-Stammtisch: Der VfB-Präsident liefert knackige Zitate

VfBClausVogt
Entspannt am EM-Stammtisch des Zeitungsverlags Waiblingen: VfB-Präsident Claus Vogt. © Gaby Schneider

So illuster war die Reihe der Gäste an einem WM- oder EM-Stammtisch des Zeitungsverlags Waiblingen selten. Von ehemaligen Nationalspielern über Schiedsrichter-Legenden bis zu Sportmoderatoren war diesmal alles vertreten. Und mit Claus Vogt gab sich zum ersten Mal gar ein leibhaftiger Präsident die Ehre. Er kassierte viel Lob (in schweren Zeiten habe er für den VfB "den Kopf hingehalten") und lieferte durchaus knackige Zitate ...

Weil Vogt in knapp zwei Wochen von der Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart für eine zweite Amtszeit gewählt werden will und sich dabei seines Herausforderers Pierre-Enric Steiger erwehren muss, war klar, dass nicht nur über die für Deutschland so enttäuschend schnell zu Ende gegangene Europameisterschaft gesprochen werden würde, sondern auch über das, was sich beim VfB vor unter hinter den Kulissen tut. Am Schluss gab’s ein – von der für einen Moderator gebotenen Neutralität abgesehen – einstimmiges Votum: Die Stammtisch-Brüder würden, egal ob sie nun VfB-Mitglieder sind oder nicht, am 18. Juli für Claus Vogt stimmen. Mehr noch: Ein dunkelroter Bayern-Fan wie Biergarten-Mitbetreiber und Apotheker Volker Ziesel wäre im Falle einer Wiederwahl Vogts sogar bereit, auch bei den anderen Roten Mitglied zu werden. So wie sein Kollege als Biergartenbetreiber, Harald Lutz, schon seit rund 20 Jahren eines ist.

Viele Baustellen: Die deutsche Mannschaft

Zunächst aber noch einmal der Blick zurück auf eine aus deutscher Sicht verkorkste EM. Dies umso mehr, als niemand daran zweifelt, dass Deutschland gegen die Ukraine ebenso locker ins Halbfinale eingezogen wäre wie England – und dann mit Dänemark eine weitere lösbare Aufgabe zu bewältigen gehabt hätte. Auch wenn Claus Vogt den gewagten Endspiel-Tipp Spanien gegen Dänemark abgibt, während es die Stammtisch-Mehrheit doch mit einem Finale Italien gegen England hält. „Aber wir hätten’s nicht verdient gehabt“, sagt Axel Schmieg, der mit Sepp Rettstatt übereinstimmt, dass „jetzt etwas passieren“ muss und dass es beim bereits vollzogenen Rücktritt von Toni Kroos nicht bleiben kann. „Sonst brauchen wir nicht zur WM nach Katar fahren“, meint Rettstatt, würde allerdings wie alle anderen in der Runde auch nicht so weit gehen wie Werner Böck, der einen „richtigen Altersschnitt“ fordert und es um den Preis, bei der EM 2024 im eigenen Land wieder eine titelverdächtige Mannschaft am Start zu haben, sogar für vertretbar halten würde, dass die WM 2022 in den (Wüsten)sand gesetzt wird.

„Das kann sich Deutschland nicht erlauben“, kontert Dietmar Heinle und gibt zu bedenken, dass es für einen harten Schnitt einen anderen Bundestrainer – den U-21-Bundestrainer Stefan Kuntz nämlich – als Hansi Flick gebraucht hätte, der eigenem Bekunden zufolge gerne mit Toni Kroos weitergemacht hätte und deshalb wohl auch an einem Thomas Müller festhalten wird (sofern der nicht von sich aus einen Rückzieher macht). Andererseits: Was wäre gewesen, wenn Timo Werner gegen England das 1:0 oder Thomas Müller den Ausgleich gemacht hätte. Dann, so Claus Vogt, „wäre die Welt heute vielleicht eine ganz andere und wir würden ganz anders dasitzen“. Was aus Sicht von Klaus Bihlmaier nichts daran ändert, dass es in dieser Mannschaft „Baustellen ohne Ende“ gibt, angefangen von der Abwehrreihe bis hin zu einem fehlenden Mittelstürmer. Gleichwohl ist am Stammtisch die Überzeugung groß, dass es der neue Bundestrainer Hansi Flick schon richten wird: „Er ist ein guter Trainer, der sowohl mit jungen Spielern als auch mit Stars umgehen kann“, findet Claus Vogt.

15.000 plus X: Zuschauer-Perspektiven für Bundesliga-Spiele

Nun hat diese EM aber nicht nur eine sportliche, sondern auch eine politische und nicht zuletzt eine gesundheitspolitische Dimension. Und so sehr der amtierende und erneut kandidierende VfB-Präsident den Gedanken, eine über Europa verteilte EM zu spielen, gutheißt, so sehr ist er der Meinung, dass sie zur Unzeit gekommen ist, weil die Rahmenbedingungen für die einzelnen Mannschaften corona- und UEFA-bedingt einfach zu unterschiedlich und deshalb auch nicht fair seien: „Die einen spielen vor 15.000, die anderen vor 40.000 und jetzt sogar vor 60.000 Zuschauern“, kritisiert er und sieht das, was jetzt in England mit einem vollen Wembley-Stadion bei gleichzeitig explodierenden Infektionszahlen passiert, auch aus Sicht der Bundesliga und damit auch des VfB kritisch. Denn wenn das in England jetzt schiefgehe, könne das, so die Befürchtung von Claus Vogt, auch Auswirkungen auf die Zulassung von Zuschauern zu Beginn der neuen Bundesliga-Saison haben.

Noch, so Vogt, gebe es keine Vorgaben der DFL, aber „wir spekulieren mit einer Kapazität wie München“, wo zu den EM-Spielen knapp 15.000 Zuschauer zugelassen waren. Wobei das aus Sicht des Präsidenten die Grenze zum Erreichen der Wirtschaftlichkeit wäre. „Wir verdienen was, wenn wir über 15.000 Zuschauer im Stadion haben“, sagt Vogt, der aber auch deutlich macht, dass der VfB wirtschaftlich so aufgestellt ist, dass er noch eine Saison unter Corona-Bedingungen überleben könnte. Im Gegensatz möglicherweise zum einen oder anderen Verein, weshalb Vogt nicht ausschließt, dass es, wenn nicht ganz schnell wieder viele Zuschauer zugelassen werden, am Ende der Saison 2021/22 auch einen wirtschaftlichen Absteiger geben könnte. Sportlich sieht sich der Präsident den VfB ungeachtet diverser personeller Veränderungen so aufgestellt, dass die Mannschaft mit dem Abstieg erneut nichts zu tun haben sollte. Was weitergehende Ansprüche oder gar Träumereien angeht, so verweist der Präsident die zunächst einmal ins Reich der Utopie. Statt sich mit den großen Bayern zu messen, die einen fünfmal höheren Etat hätten und deshalb eigentlich jedes Mal 5:0 gegen den VfB gewinnen müssten, müsse es das Ziel sein, sich an Vereinen wie Freiburg oder Hoffenheim zu orientieren, die bei einem geringeren Etat einen nahezu gleichwertigen Erfolg vorweisen könnten – und sich zu fragen, warum das so ist.

Gibt es beim VfB Hinterzimmerleute, die meinen, ihnen gehöre der Verein?

Sie merken: Der EM-Stammtisch ist längst zu einem VfB-Stammtisch geworden, in dem es vor allem um die teilweise undurchsichtigen Vereinsstrukturen und um die anstehende Präsidenten-Neuwahl und den damit verbundenen Wahlkampf geht, mit dem Claus Vogt so lange kein Problem hat, solange er nicht ins Persönliche oder gar in eine Schlammschlacht abgleitet. „Ich kann es akzeptieren, wenn ich demokratisch sauber nicht gewählt werde und keine Dinge behauptet werden, die jeder Grundlage entbehren“, sagt Claus Vogt, wohl wissend, dass es im Verein und vor allem auch im Aufsichtsrat bestimmte Personen gibt, die seine Wiederwahl verhindern wollen – und sich auch offen dazu bekennen, wie das etwa beim Vertreter der Daimler AG im Aufsichtsrat, Wilfried Porth, der Fall ist.

Kein Grund aber für Vogt, das finanzielle und ideelle Engagement von Daimler deshalb in irgendeiner Form zu diskreditieren. „Daimler ist ein Superpartner mit richtig guten Leuten“, betont der Präsident, der aber ungeachtet des verdienstvollen finanziellen Engagements von Daimler mit Harald Lutz und Dietmar Heinle übereinstimmt, dass der Verein insgesamt auf eine breitere finanzielle Basis gestellt werden müsste und nicht allein von einem Hauptsponsor abhängig sein dürfte. „Wir haben noch Anteile herzugeben“, sagt Claus Vogt, der sich selber als gespaltene Persönlichkeit insofern bezeichnet, als er als demokratisch gewählter Präsident des gesamten Vereins mit all seinen Abteilungen und 71.000 Mitgliedern gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzender bei der ausgegliederten Fußball-AG ist. Dass das mit der Gewinnung zusätzlicher potenter Sponsoren nicht immer so klappt, wie er sich das auch selber wünschen würde, hat aus Vogts’ Sicht abgesehen von den coronabedingten Hindernissen auch damit zu tun, dass auf der Entscheidungsebene zu wenige Leute sitzen, „die Fußball- und VfB-Fans sind“.

Dem Vorwurf von VfB-Vereinsmitglied Harald Lutz, dass es beim VfB zu viele Leute gebe, die aus dem Hinterzimmer heraus Politik machten, ergänzt um die Meinung von Dietmar Heinle, dass es beim VfB auch im sportlichen Bereich Personen gebe, die meinten, der Verein gehöre ihnen (namentlich die Herren Hitzlsperger und Mislintat), tritt Claus Vogt diplomatisch und pflichtschuldigst entgegen. Dietmar Heinles Kritik, den beiden Genannten gehe es nur noch darum, günstig junge unbekannte Spieler zu holen und sie möglichst schnell für teureres Geld weiterzuverkaufen – zulasten des eigenen Nachwuchses –, kontert Vogt mit dem Hinweis darauf, dass die Zeiten andere geworden seien und dass die Spielerberater heute viel mehr Einfluss und nicht immer zuerst das Wohl der Spieler im Auge hätten. Das Problem, pflichtet ihm Volker Ziesel bei, hätten mittlerweile sogar die Bayern – siehe David Alabas Wechsel zu Real Madrid.

Lob für Vogt: In der Krise „den Kopf hingehalten“

Es dürfe in diesen Fällen wie auch bei der Suche nach zusätzlichen Sponsoren nicht nur um die letzte Million gehen, sondern auch um Identifikation, sind sich Heinle und Harald Lutz mit dem Präsidenten einig. „Im Fußball darf es nicht darum gehen: Ein Euro mehr ist gut und ein Euro weniger ist schlecht. Das ist nicht mein Verein“, sagt Claus Vogt, dessen Motivation, sich für eine weitere, diesmal vierjährige Amtszeit als VfB-Präsident zu bewerben, es ist, sich – genau wie zuvor bei seiner Firma und beim von ihm mitgegründeten Verein FC Fair Play – für eine Sache zu engagieren, die ihm wirklich am Herzen liegt. Und bei der, nebenbei bemerkt, Kontinuität an der Spitze nicht das Schlechteste wäre.

„Wir brauchen noch vier Jahre, um nach Corona und Datenskandal wieder alles in vernünftige Bahnen zu lenken“, sagt Claus Vogt und bekommt Unterstützung von Axel Schmieg, der dem amtierenden Präsidenten auch mit Blick auf den Vorwurf des Konkurrenten Steiger, er, Vogt, habe kein Konzept, attestiert, dass es doch Vogt gewesen sei, der in schwierigen Zeiten „den Kopf hingehalten“ habe. „Besserwisser gibt’s genug, was wir brauchen, sind Bessermacher“, sagt Claus Vogt unter Berufung auf seinen Vater und weist beiläufig darauf hin, dass seine erste Wahl auch die erste demokratische Präsidentenwahl überhaupt in der 128-jährigen Geschichte des VfB war. Auch diesbezüglich habe er sich also nichts vorzuwerfen.

So geht er also zu Ende, der diesjährige EM-Stammtisch, für den aber mehr als für alle anderen in der Vergangenheit gilt: Nach der EM ist vor der WM. Denn schon im November kommenden Jahres steht das nächste fußballerische Großereignis an. Und dann hoffentlich mit einer Mannschaft, die mehr und länger Freude macht.

So illuster war die Reihe der Gäste an einem WM- oder EM-Stammtisch des Zeitungsverlags Waiblingen selten. Von ehemaligen Nationalspielern über Schiedsrichter-Legenden bis zu Sportmoderatoren war diesmal alles vertreten. Und mit Claus Vogt gab sich zum ersten Mal gar ein leibhaftiger Präsident die Ehre. Er kassierte viel Lob (in schweren Zeiten habe er für den VfB "den Kopf hingehalten") und lieferte durchaus knackige Zitate ...

Weil Vogt in knapp zwei Wochen von der

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