Rems-Murr-Kreis

Corona: Übersterblichkeit im Rems-Murr-Kreis? Oh ja, heftig - und nein ...

Friedhof Schorndorf
Starben während der Corona-Krise im Rems-Murr-Kreis wirklich viel mehr Menschen als sonst? Symbolfoto: Der Schorndorfer Friedhof. © Benjamin Büttner

Wie tödlich war die Corona-Krise im Rems-Murr-Kreis wirklich? Mittlerweile liegt die Sterbefall-Statistik bis September 2021 vor – und die volle Wahrheit auf dem Tisch. Die Zahlen sind doppelt verblüffend: einerseits verblüffend eindeutig und andererseits verblüffend unterschiedlich, wenn man die einzelnen Phasen der Pandemie vergleicht. Im Jahr 2020 und auch noch im Januar 2021 war die Übersterblichkeit gravierend, die Wucht von Corona enorm. Bereits seit Februar 2021 aber ist in den Daten kein Virus-Effekt mehr zu erkennen.

Wie oft hat man das gehört: Die angeblichen Corona-Todesfallzahlen seien trügerisch, da seien zum Teil Leute eingerechnet, die in Wahrheit einem ganz anderen Leiden erlegen seien – wer beurteilen wolle, wie gefährlich Corona wirklich ist, müsse die sogenannte Übersterblichkeit betrachten: Sind in der Krise im Vergleich zu früheren Zeiträumen insgesamt wirklich mehr Menschen ums Leben gekommen?

Bevor wir diese Frage für den Rems-Murr-Kreis genau beantworten, sind ein paar Vorbemerkungen nötig.

Bitte beachten: Drei wichtige Punkte

Erstens: Hinter den vielen Zahlen im folgenden Artikel verbergen sich viele Tote. All diesen Schicksalen, all der Trauer so statistisch nüchtern zu begegnen, mag gefühllos wirken, ist aber unvermeidlich, wenn wir verstehen wollen, was geschehen ist, und abschätzen wollen, was noch kommen könnte.

Zweitens: Die monatlichen Todesfalldaten sind Zufallsschwankungen und vielen ganz verschiedenen Effekten unterworfen, die unentwirrbar ineinanderwirken: Das Wetter spielt zum Beispiel eine Rolle – ist es besonders kalt oder heiß, fordert es tendenziell mehr Todesopfer. Auch eine Grippewelle, die im einen Jahr stärker, im anderen schwächer ausfällt, kann sich eventuell auf die Daten auswirken (zum Grippe-Thema später mehr).

Drittens: Das Durchschnittsalter der Rems-Murr-Bevölkerung lag 2020 bei 44,4 Jahren; vor zehn Jahren noch bei 43,4. Im Rems-Murr-Kreis lebten 2020 mehr als 91.000 Menschen im Alter von mindestens 65; vor zehn Jahren waren es noch kaum 83.000. Man nennt das alternde Gesellschaft, demografischen Wandel; er führt dazu, dass heutzutage – Corona hin oder her – tendenziell mehr Menschen sterben als noch vor fünf oder zehn Jahren. Bei der Einordnung der folgenden Daten müssen wir das im Hinterkopf behalten.

Hohe Verluste: Das Jahr 2020

Blenden wir zurück in die erste Welle: Anfang März 2020 gab es die ersten Infektionsdiagnosen im Rems-Murr-Kreis, aber bis Ende März nur neun Todesfälle. Dann kam es knüppeldick: 81 Corona-Tote von Anfang April bis Ende Mai.

Doch was, wenn die Gesamtzahl der Todesfälle in diesen beiden Monaten gar nicht auffällig hoch wäre im Vergleich zum Vorjahr?

Dann spräche das für die These, dass viele der angeblichen Corona-Toten in Wahrheit anderen Krankheiten erlagen und nur zufällig nebenbei auch infiziert waren.

Nur: Es ist mitnichten so. Im April und Mai 2019 starben insgesamt 690 Menschen im Rems-Murr-Kreis; im April und Mai 2020 waren es 818. Ein dramatischer Anstieg.

Eine bloße Momentaufnahme? Betrachten wir das gesamte Jahr 2020: Im Rems-Murr-Kreis gab es 224 Corona-Todesfälle. Wieder die Frage: Schlägt das auf die Übersterblichkeit durch, führt es zu einer höheren Zahl der Todesfälle insgesamt? Vergleichen wir 2020 mit den fünf Vorjahren:

  • 2015: 4134 Todesfälle
  • 2016: 4128 Todesfälle
  • 2017: 4304 Todesfälle
  • 2018: 4210 Todesfälle
  • 2019: 4333 Todesfälle
  • 5-Jahre-Mittelwert: 4222 Todesfälle
    ------------------------------------------
  • 2020: 4690 Todesfälle

Wir sehen, dass zwischen 2015 und 2019 die Sterbezahlen zwar nicht direkt von Jahr zu Jahr, aber doch in der mittelfristigen Tendenz steigen (demografischer Wandel, siehe oben). Allerdings: Insgesamt sind die Abweichungen vom Fünf-Jahre-Mittelwert gering; nach oben um maximal 111, nach unten um höchstens 94.

Im sechsten Jahr aber, dem Corona-Jahr 2020, vollzieht sich ein Sprung: 468 Todesfälle mehr als im Schnitt der fünf Vorjahre, 357 mehr als im Jahr mit den zweitmeisten, 562 mehr als im Jahr mit den wenigsten Sterbefällen; eine kapitale und höchst auffällige Übersterblichkeit.

Blick auf die zweite Welle: Die Infektionsdiagnosen mehrten sich bereits Anfang, Mitte Oktober 2020 – erst im November aber häuften sich die Corona-Todesmeldungen im Rems-Murr-Kreis. Von Anfang November bis Ende Januar waren dann binnen drei Monaten 185 Corona-Tote zu beklagen. Merken wir uns die Zahl.

Wieder die Frage: Bildet sich der Corona-Effekt auch in der Gesamtsterblichkeit ab?

Erneut die klare Antwort: Ja. Insgesamt starben im Kreis in diesen drei Monaten 1348 Menschen – in den drei Vergleichsmonaten ein Jahr vorher waren es nur 1154. Der Anstieg um 194 deckt sich gespenstisch genau mit der Zahl von 185 Corona-Toten.

Und die Grippe? Was die Daten sagen

Man kann es drehen und wenden, wie man will, kann statistische Zufallsschwankungen, die alternde Bevölkerung oder mögliche Wettereffekte mitbedenken – im Jahr 2020 und vor allem während der Wellen im Frühjahr und im Herbst/Winter gab es eine bestürzende Übersterblichkeit.

Aber Moment: Lässt sich so etwas nicht auch in Jahren mit schwerer Grippe-Belastung feststellen? Prüfen wir den Verdacht.

Die stärkste Grippewelle in den vergangenen 30 Jahren grassierte von Herbst 2017 bis Frühjahr 2018, nach fundierten Schätzungen sollen ihr deutschlandweit etwa 25.000 Menschen erlegen sein – zu einer drastischen Übersterblichkeit im Rems-Murr-Kreis hat das nicht geführt: 2017 war der Wert, gemessen am Fünf-Jahres-Schnitt von 4222 Todesfällen, mit 4304 zwar leicht erhöht, 2018 aber lag er mit 4210 gar etwas unterm Schnitt.

Ab 60 heftig: Übersterblichkeit und Alter

Wie stellt sich die Übersterblichkeit im Rems-Murr-Kreis nach Altersgruppen dar? Zunächst die Gruppe 75 und älter:

  • 2015: 2960 Todesfälle
  • 2016: 2940 Todesfälle
  • 2017: 3087 Todesfälle
  • 2018: 3081 Todesfälle
  • 2019: 3188 Todesfälle
  • 5-Jahre-Mittelwert: 3051 Todesfälle
    ------------------------------------------
  • 2020: 3476 Todesfälle

Die Übersterblichkeit in dieser Gruppe war 2020 dramatisch: 288 Todesfälle mehr als im zweitschlimmsten Jahr, 425 mehr als im Schnitt der fünf Vorjahre, 536 mehr als im harmlosesten Jahr.

Weiter zur Altersgruppe 60 bis 74:

  • 2015: 808 Todesfälle
  • 2016: 773 Todesfälle
  • 2017: 819 Todesfälle
  • 2018: 757 Todesfälle
  • 2019: 787 Todesfälle
  • 5-Jahre-Mittelwert: 789 Todesfälle
    ------------------------------------------
  • 2020: 842 Todesfälle

Übersterblichkeit, eindeutig: 23 Todesfälle mehr als im zweitschlimmsten Jahr, 53 mehr als im Schnitt der fünf Vorjahre, 85 mehr als im harmlosesten Jahr.

Nun aber die Altersgruppe 0 bis 59:

  • 2015: 366 Todesfälle
  • 2016: 415 Todesfälle
  • 2017: 398 Todesfälle
  • 2018: 372 Todesfälle
  • 2019: 358 Todesfälle
  • 5-Jahre-Mittelwert: 382 Todesfälle
    ------------------------------------------
  • 2020: 372 Todesfälle

Ein frappierender Befund: Im Corona-Jahr 2020 ist bei dieser großen Gruppe, zu der ja durchaus nicht nur die ganz jungen Leute gehören, statistisch keine Übersterblichkeit zu erkennen! Der Wert von 372 liegt sogar geringfügig unterm Schnitt der fünf Vorjahre.

Die Übersterblichkeit 2020 traf die Älteren hart, die Ältesten brutal und die Gruppe unter 60 überhaupt nicht.

Alles anders: Das Jahr 2021

Aber wie war es 2021? Es gab ja im Frühling eine heftige dritte Infektionswelle. Allerdings wurde da auch schon fleißig geimpft: Bis Ende März hatten im Rems-Murr-Kreis die meisten Menschen in den Altenheimen bereits den Doppel-Piks. Wenn die Vakzine wirken, wäre zu erwarten, dass sich in der dritten Welle keine starke Übersterblichkeit mehr messen lässt.

Binnen drei Wellenmonaten – März, April, Mai ‘21 – waren im Rems-Murr-Kreis nur 52 Corona-Tote zu betrauern; obwohl die Zahl der Infektionen in der dritten Welle fast so hoch war wie in der zweiten! Und das sind die Sterblichkeitsraten insgesamt:

  • März, April, Mai 2019: 1089 Todesfälle
  • März, April, Mai, 2020: 1242 Todesfälle
  • März, April, Mai 2021: 972 Todesfälle

Von einer Übersterblichkeit kann in dieser dritten Welle also keine Rede mehr sein – man müsste eher von einer Untersterblichkeit sprechen!

Zuletzt ein Blick aufs ganze Jahr 2021, soweit die Daten bereits vorliegen:

  • 1.1. bis 30.9. 2019: 3201 Todesfälle
  • 1.1. bis 30.9. 2020: 3402 Todesfälle
  • 1.1. bis 30.9. 2021: 2943 Todesfälle

Auch hier kein Corona-Effekt; auch hier ganz im Gegenteil: Untersterblichkeit.

Woran könnte das liegen? Ein Erklärungsansatz: Möglicherweise hat die Vielzahl der Schutzmaßnahmen – Hygieneregeln, Kontaktbeschränkungen, teilweise Lockdown – nicht nur die Corona-Krise zu dämpfen geholfen, sondern nebenbei auch gegen die Grippe geschützt. In Deutschland jedenfalls wurden dem Robert-Koch-Institut von Herbst 2020 bis Ende April 2021 nur gut 500 laborbestätigte Influenza-Erkrankungen gemeldet; im Vergleichszeitraum ein Jahr zuvor waren es etwa 184.000!

Gute Aussichten: Was wir daraus lernen

Dass im Rems-Murr-Kreis bereits seit Februar 2021 keine Übersterblichkeit mehr festgestellt werden kann, ist in zweifacher Hinsicht eine gute Nachricht.

Erstens zeigt sich, dass die Impfung die Lage vor allem für alte Menschen radikal zum Guten verändert hat, auch wenn uns manche Leute mit Unsinnsbehauptungen etwas anderes weismachen wollen.

Zweitens liegt nun die prognostische Vermutung nahe, dass wir nun im Herbst und Winter selbst bei steil steigenden Infektionszahlen nicht unbedingt mit Übersterblichkeit rechnen müssen.

Das Ansteckungsgeschehen nimmt jetzt wieder Fahrt auf, der Herbst wird absehbar noch einmal hart – aber wir sind heute viel besser gegen die Folgen gewappnet als vor einem Jahr, als die zweite Welle so viele Leben kostete.

Wie tödlich war die Corona-Krise im Rems-Murr-Kreis wirklich? Mittlerweile liegt die Sterbefall-Statistik bis September 2021 vor – und die volle Wahrheit auf dem Tisch. Die Zahlen sind doppelt verblüffend: einerseits verblüffend eindeutig und andererseits verblüffend unterschiedlich, wenn man die einzelnen Phasen der Pandemie vergleicht. Im Jahr 2020 und auch noch im Januar 2021 war die Übersterblichkeit gravierend, die Wucht von Corona enorm. Bereits seit Februar 2021 aber ist in den Daten

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper