Rems-Murr-Kreis

Corona-Auffrischimpfungen: Wer darf, wer sollte und warum?

Booster Impfung
Bei der Impfaktion in der Hermann-Schwab-Halle in Winnenden am vergangenen Freitag (5.11.201) waren besonders Zweit- und Drittimpfungen gefragt. Doch wer ist eigentlich berechtigt, eine Drittimpfung zu erhalten? © Alexandra Palmizi

Schon Ende Oktober appellierte Gesundheitsminister Manfred Lucha an die Bevölkerung, jetzt doch auch das „Angebot der Auffrischimpfung“ zu nutzen, um das Gesundheitssystem zu entlasten. Doch es gibt Berichte von bis zu zweimonatigen Wartezeiten auf einen Booster-Impftermin. Zudem weigern sich viele Ärzte, auch unter 70-Jährigen eine Auffrisch-Impfung zu gewähren. Andere "drittimpfen" bereits Patienten auch ohne Stiko-Empfehlung. Was ist jetzt eigentlich erlaubt und sinnvoll? Und: Ist ein vorheriger Antikörpertest zu empfehlen? Ein Überblick.

Wer ist berechtigt zur Booster-Impfung?

„Berechtigt sind laut Bundesimpfverordnung alle Impfberechtigten, und das sind momentan alle ab dem Alter von 12 Jahren, auch für eine Corona-Booster-Impfung, frühestens sechs Monate nach der letzten Immunisierung“, erläutert Kai Sonntag, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW). Nach einer einmaligen Impfung mit Johnson & Johnson ist laut Landes-Sozialministerium die Auffrischung mit einem mRNA-Impfstoff (Bionetch, Moderna) schon nach vier Wochen sinnvoll. Allerdings empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) den Booster im Moment noch ausschließlich für

  • über 70-Jährige sowie
  • Menschen mit Immunschwäche,
  • alle Bewohner/-innen und Betreute in Pflege- und Seniorenheimen,
  • Pflegepersonal und andere Tätige mit direktem Kontakt mit den zu Pflegenden,
  • Personal in medizinischen Einrichtungen mit direktem Patientenkontakt.

Die Stiko gab unterdessen am Montag (8. 11.) bekannt, dass sie eine Aktualisierung ihre Empfehlungen zu Corona-Auffrischimpfungen in Arbeit habe. Danach solle es aber bei einem Priorisierungsplan bleiben. "Auch wenn Auffrischimpfungen bei Jüngeren – nach Erreichen hoher Impfquoten – zur spürbaren Reduktion der Virusausbreitung in der Bevölkerung beitragen können, darf dies nicht zu einer Verzögerung der Auffrischimpfung bei über 70-Jährigen sowie bei immundefizienten Personen führen. Durchbruchsinfektionen führen bei alten Menschen häufiger als bei jüngeren zu einer schweren Erkrankung, die eine intensivmedizinische Behandlung notwendig macht", schreibt die Stiko in ihrer Stellungnahme.

Wie handhabt die Ärzteschaft die Booster-Impfungen und für wen?

„Manche Ärzte halten sich streng an die Stiko-Empfehlung. Andere machen von ihrem ärztlichen Ermessen Gebrauch und drittimpfen auch andere Patienten, wenn sie es für angemessen halten“, sagt Sonntag. Das sei aber absolut legal und ganz normal abrechnungsfähig. „Weder die Abrechnungsfähigkeit noch die eventuellen Haftungsmechanismen sind von der Stiko-Empfehlung abhängig.“

Wie lange Impfwillige auf einen Booster-Termin warten müssten, sei ganz unterschiedlich. „Die Praxen behandeln ja zum einen im Normalbetrieb weiter ihre Patienten, dann kommen noch die Corona-Infektionssprechstunden und die Coronatests und viele Dokumentationspflichten dazu und jetzt sind wir auch noch mittendrin in einer anschwellenden Grippewelle. Die Ärzteschaft hat also sehr viel zu tun. Drittimpfungen verursachen da zusätzliche Arbeit.“

Es gibt Berichte von einer Wartezeit von bis zu zwei Monaten auf einen Booster-Impftermin. Dies hält Kai Sonntag allerdings für seltene Ausnahmen. „Das geht schon meistens deutlich schneller.“ Erst vergangenen Freitag (5. 11.) sei das Prozedere für die Bestellung von Impfstoffen bei den Apotheken umgestellt worden. „Davor mussten die Arztpraxen zwei Wochen vor dem Boosterimpftermin bestellen, nunmehr eine Woche vorher. Einen Impfstoffmangel wie 2020 gibt es jedenfalls ganz sicher nicht mehr.“ Die Impfzentren nun zu reaktivieren, sei wohl kaum realistisch, aber der verstärkte Einsatz von mobilen Impfteams sehr sinnvoll und zielführend, um die Ärzteschaft zu unterstützen, sagt Sonntag.

Der Pandemiebeauftragte des Rems-Murr-Kreises und Arzt in Oppenweiler, Dr. Jens A. Steinat, hält es „für völlig richtig, dass jeder eine Boosterimpfung benötigt“. Ihm sei aber bewusst, dass dies in der Ärzteschaft different gesehen wird und „die unkoordinierten und teils widersprüchlichen Mitteilungen an die Bevölkerung auch für Verunsicherung sorgen“. Tatsächlich würden im Kreis momentan hauptsächlich die Personengruppen, die von der Stiko empfohlen sind, mit Auffrischimpfungen bedacht. „Diese gilt es auch prioritär zu versorgen. Wir verzeichnen in dieser Personengruppe eine hohe Nachfrage und Akzeptanz der Boosterimpfungen“, so Steinat.

Warum wären Booster-Impfungen für alle wichtig?

„Die Boosterimpfung sollte unabhängig vom Alter bei jedem, der will, erfolgen“, sagt Dr. Torsten Ade, Chefarzt der Notaufnahme Rems-Murr-Klinikum Winnenden und Klinik-Hygieniker. „Klinikintern haben wir seit 1. August 2021 bisher 304 Booster-Impfungen (Biontech) durchgeführt, insbesondere geht dieses Impfangebot natürlich an die Mitarbeitenden in den patientennahen Bereichen, kann aber grundsätzlich von allen Mitarbeitenden in Anspruch genommen werden“, sagt Ade.

Ein Drittel der stationär behandelten Covid-Patienten der Rems-Murr-Kliniken ist geimpft. Der Anteil der Altersgruppe der ab 60-Jährigen an den Impfdurchbrüchen ist jüngst in ganz Deutschland stark angestiegen. Der Schutzeffekt von zwei Corona-Impfungen (oder einer im Falle von Johnson & Johnson) lässt ganz offensichtlich nach.

Diese Erfahrungen macht auch der Vorstandsvorsitzende des Robert-Bosch-Krankenhauses in Stuttgart, Prof. Dr. Dominik Alscher. „Wir erleben sogar bei noch jüngeren Krankenhausbeschäftigten derzeit immer wieder Impfdurchbrüche und bieten den Kolleginnen und Kollegen deshalb offensiv Boosterimpfungen an. Im Grunde sollten sich aber alle boostern lassen.“ Feldstudien-Ergebnisse aus Israel zeigten, dass eine Booster-Impfung die Gefahr eines Durchbruchs um den Faktor zehn reduziert, das Risiko einer Krankenhauseinlieferung um den Faktor elf. „Die Israelis haben ihre vierte Welle mit großzügig verteilten Booster-Impfungen gebrochen.“ (Studie im Fachmagazin The Lancet)

Sind Antikörpertests vor der Booster-Impfung zu empfehlen?

Antikörpertests gelten noch als ziemlich sinnlos, weil die medizinische Fachwelt nicht eindeutig sicher ist, welche Antikörpermenge zur Bekämpfung von Corona „ausreicht“, bestätigt Dr. Torsten Ade von den Rems-Murr-Kliniken. „Da ein Antigentest nur eine sehr vage Aussage zum Schutz vor Corona liefern kann, bieten die Rems-Murr-Kliniken dies auch nicht an. Bisher ist kein Wert bekannt, anhand dessen man sich für eine zusätzliche Impfung entscheiden könnte. Man kann allenfalls sagen, dass ein hoher Titer-Wert bestimmter Antikörper für eine höhere Schutzwirkung spricht.“ (Titer ist ein Maß für die Antikörper-Anzahl im Blut, Anm. d. Red.)

„Antikörpertestungen führen wir auf Wunsch durch, diese werden aber momentan nicht generell empfohlen“, sagt auch der Pandemiebeauftragte im Rems-Murr-Kreis, Dr. Jens A. Steinat.

Derweil fordert Landrat Dr. Richard Sigel angesichts der angespannten Lage in den Rems-Murr-Kliniken einen Rettungsschirm für Krankenhäuser und der Klinikenchef Dr. Marc Nickel macht sich über eine Impfpflicht Gedanken.

Schon Ende Oktober appellierte Gesundheitsminister Manfred Lucha an die Bevölkerung, jetzt doch auch das „Angebot der Auffrischimpfung“ zu nutzen, um das Gesundheitssystem zu entlasten. Doch es gibt Berichte von bis zu zweimonatigen Wartezeiten auf einen Booster-Impftermin. Zudem weigern sich viele Ärzte, auch unter 70-Jährigen eine Auffrisch-Impfung zu gewähren. Andere "drittimpfen" bereits Patienten auch ohne Stiko-Empfehlung. Was ist jetzt eigentlich erlaubt und sinnvoll? Und: Ist ein

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper