Rems-Murr-Kreis

Corona-Ausbruch im Rems-Murr-Klinikum Schorndorf: Rudersbergerin stirbt nach Coronainfektion

Mutmacher Kittel
Die Lage in der Waiblinger Partnerstadt Schmalkalden ist ernst (Symbolfoto). © Benjamin Büttner

Die Enkeltöchter nennen sie liebevoll „Omi“. Die „Omi“ heißt Brigitte Köhne und ist in Rudersberg bestens bekannt – mit 84 Jahren leistete sie noch Dienste im Freibad, wurde erst jüngst für 50 Jahre Mitgliedschaft beim Roten Kreuz geehrt – die Omi ist gestorben. An Corona. Eine Ärztin der Intensivstation im Rems-Murr-Klinikum Winnenden, erzählt Daniela Holyba, eine der Enkelinnen von Brigitte Köhne, habe bei der Aufnahme gesagt: schwerste Corona-Infektion, fast kein intaktes Lungengewebe mehr vorhanden. Und jetzt? „Es ist sehr, sehr bitter“, sagt Daniela Holyba. Die Familie trauert.

Nur zwei Personen durften die Omi auf der Intensivstation noch einmal besuchen, „meine Tante und ich“, sagt Daniela Holyba. Am ersten Tag, dem Aufnahmetag. Am nächsten durften sie schon nicht mehr auf die Station. Infektionsschutz. Die Omi starb allein.

Stirbt ein Mensch an Corona, stirbt er einsam - und die Familie bleibt auch einsam

Stirbt ein Mensch an Corona, gilt keine Tradition mehr: Die Hinterbliebenen dürfen die Toten nicht mehr sehen. Die Körper werden nicht mehr gewaschen, nicht schön eingekleidet, nicht liebevoll versorgt. Die Körper kommen in eine fest verschließbare, ganz dichte Hülle. „In einen Sack“, sagt Daniela Holyba. Infektionsschutz.

„Es ist“, sagt Daniela Holyba, „dieser Schmerz“. Der Schmerz, der sie und die Familie dazu bringt, öffentlich an die Omi zu erinnern. Sie zu würdigen, zu erzählen, wie sehr dieses Virus die Menschen, die noch mitten im Leben stehen, treffen kann. Wie Familien leiden. Wie hinterhältig, wie unfassbar diese Krankheit ist. Denn Brigitte Köhne war, als ihre Corona-Infektion nachgewiesen wurde, auch schon im Krankenhaus gewesen. In Schorndorf. Auf jener Station, die in den ersten Dezembertagen durch die Bekanntgabe einer Häufung von Covid-Infektionen in den Focus der Öffentlichkeit geriet. Brigitte Köhne war mit einem Bandscheibenvorfall auf der Unfallchirurgie, Station 25.

Sie und ihre Schwester, ihre Tante, ihre Cousine, wollten nicht gegen das Krankenhaus anstänkern, nicht irgendwie rechtlich vorgehen, sagt Daniela Holyba. Es seien die Zeiten, die Umstände. Sie arbeite selbst in der Pflege, sie wisse, was zurzeit los sei. Was passieren könne.

Was genau war denn passiert?

Brigitte Köhnes letzte Tage: Die Abfolge der Geschehnisse

Am 18. November wurde Brigitte Köhne im Schorndorfer Klinikum auf der Station 25, der Unfallchirurgie, aufgenommen. Sie hatte einen so schmerzhaften Bandscheibenvorfall, dass trotz täglichen, ambulanten Spritzens einfach nichts mehr ging.

Bei der Aufnahme wurde sie auf Corona getestet – negativ. Sie war, sagt Enkelin Daniela Holyba, viel auf der Station unterwegs, lief den Flur rauf und runter, wurde dazu auch ermutigt.

Am 23. November wurde sie, noch in der Klinik, erneut auf Corona getestet – jetzt positiv.

Am 24. November wurde die 84 Jahre alte Frau von der Station 25 in die häusliche Quarantäne entlassen. Im Entlassbericht steht: „Die Versorgung (Einkäufe etc.) wird durch die Enkelin sichergestellt“.

Die genannte „Enkelin“, sagt Daniela Holyba, war ihre Cousine. Die war jeden Tag bei der Omi, packte das Essen in ein Körbchen, das die Omi vom Hochhausbalkon aus an einer Schnur nach unten ließ. Direkter Kontakt war wegen der Quarantäne verboten.

Die durch den Bandscheibenvorfall bedingten Schmerzen von Brigitte Köhne, sagt Daniela Holyba, seien bei der Entlassung besser gewesen. Die alte Dame bekam sehr starke Schmerzmittel. Das Präparat heißt „Oxycodon“, ein Opioid. Oxycodon wirkt auch dämpfend auf Husten. Es wirkt aber nicht fiebersenkend. Wer also eine Lungenentzündung bekommt, müsste normalerweise Fieber haben.

Brigitte Köhne habe nicht gemerkt, dass sie offenbar immer schwerer krank wurde, sagt Daniela Holyba. Sie habe nicht schwer geatmet, war aber durch das Opioid müde und etwas durcheinander.

Am 3. Dezember war die Quarantäne offiziell zu Ende. Brigitte Köhne wurde von der Enkeltochter, die sie die ganze Zeit versorgt hatte, besucht.

In der Nacht vom 4. auf den 5. Dezember stürzte Brigitte Köhne vor ihrem Bett und lag die ganze Nacht auf dem Fußboden. Sie habe sich, erzählt Daniela Holyba, aus dem kleinen Fußläufer ein Kopfkissen gemacht. Daniela Holybas Cousine konnte die Omi am Morgen nicht erreichen, fuhr zur Wohnung und fand die alte Frau.

Der Rettungswagen lieferte sie nach Winnenden in die Klinik ein. Dort landete Brigitte Köhne direkt auf der Intensivstation. Am nächsten Tag, am 6. Dezember, starb Brigitte Köhne.

Die Ereignisse im Rems-Murr-Klinikum Schorndorf

Am 2. Dezember gingen die Rems-Murr-Kliniken mit einer Pressemitteilung an die Öffentlichkeit: Auf der Unfallchirurgie war eine „begrenzte Häufung von Covid-19-Infizierten erkannt worden“. 25 Patienten und sieben Mitarbeiter waren infiziert. Die Mitarbeiter sowie fünf Patienten wurden in häusliche Quarantäne geschickt; 20 Patienten blieben auf Station, 13 davon, so hieß es, in Bezug auf Corona „symptomlos“ und „in vorsorglicher Isolation“, sieben Corona-behandlungsbedürftig.

Die Tests wurden mit dem Corona-Ausbruch auf der Station noch häufiger: Seither werden alle Patienten nicht nur bei der Aufnahme, sondern einmal pro Woche getestet, „um auch Infizierte schnell zu erkennen, die symptomfrei sind und bei denen die Virenlast erst in der Klinik eine für die Testung ausreichende Menge entwickelt“.

Außerdem werden seither alle Besucher vor jedem Besuch getestet.

Die quälende Frage: Warum musste Brigitte Köhne sterben?

Die Rems-Murr-Kliniken erklären, dass sie sich zum Tod von Brigitte Köhne direkt nicht öffentlich äußern dürften. Die ärztliche Schweigepflicht verbiete das. Das Krankenhaus-Prozedere verläuft jedoch bei allen Patientinnen und Patienten gleich, wie Pressesprecher Christoph Schmale schildert: Mit der Aufnahme auf Station werde ein Antigentest gemacht. Sei dieser negativ, würden die Patienten auch in Mehrbettzimmern untergebracht.

Das war bei Brigitte Köhne der Fall.

Wenn Patienten in die ambulante Rehabilitation entlassen werden, würde routinemäßig auf Covid-19 getestet.

Das war Brigitte Köhnes zweiter Test am 23. November.

Falle dieser Test positiv aus, werden auch die Zimmernachbarn getestet. Die Reihentestungen nach dem Infektionsgeschehen auf der Unfallchirurgie fanden in der Kalenderwoche 48 statt. Dabei wurden die Covid-Fälle „identifiziert, die bis dahin keine Symptome gezeigt haben und bei Aufnahme negativ getestet wurden“.

Das heißt: Brigitte Köhnes zweiter Test kurz vor ihrer Entlassung fällt in diese Reihentestung.

Aber, so die Rems-Murr-Kliniken weiter: „Eine Coronainfektion ist nicht automatisch ein Grund für eine stationäre Aufnahme oder Überwachung“. Auch ältere Patienten könnten, wenn sie symptomfrei seien, es ihr medizinischer Zustand erlaube und sie nicht stationär behandlungsbedürftig seien, „in die häusliche Quarantäne entlassen werden“. Symptomfreie Verläufe gebe es sowohl bei jungen als auch bei alten Menschen.

Brigitte Köhne gehörte also zu den fünf Patienten der Station 25, die, wie die sieben infizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, mit der Infektion nach Hause gegangen sind. Die 13 Patienten mit Corona-positivem Test, die in der damaligen Pressemitteilung als „symptomlos“ bezeichnet worden waren, und die dennoch auf Station blieben, blieben dort, weil ihre ursprüngliche orthopädische Erkrankung noch nicht auskuriert war.

Die bisherigen Erfahrung mit dem Krankheitsverlauf von Covid-19 zeigten, so die Rems-Murr-Kliniken weiter, dass der Körper manchmal die Symptome eine Zeit lang kompensiere. Das heißt: Die Erkrankung kommt nicht richtig durch. Wenn den Körper im Verlauf der Infektion dann aber die Kräfte verlassen, kämen die Patienten „bereits stark geschwächt in die Klinik und haben einen hohen Therapiebedarf. Bei einigen Patienten ist eine dramatische Verschlechterung des Allgemeinzustands ein typisches Zeichen des Krankheitsverlaufs“.

War das bei Brigitte Köhne der Fall? Kämpfte ihr Körper erst mit aller Macht und erfolgreich gegen das Virus? Brach ihr Immunsystem dann schlagartig zusammen? Merkte sie nichts von der Erkrankung, weil sie sich wegen der Schmerzen und der starken Medikamente sowieso nicht gesund fühlte? Das wird niemand jemals mehr in Erfahrung bringen können. Niemand wird mehr an irgendeiner Stelle einschreiten, etwas anders machen können.

Brigitte Köhne, sagt Daniela Holyba, sei auf der Intensivstation nicht bewusstlos gewesen. Ihr sei der Sauerstoff mit Kraft in die Lungen gedrückt worden, um ihr die Atmung zu erleichtern. Sie habe ihre letzten zwei Tage „gelitten“. Wie sehr, sagt Daniela Holyba, „das sieht ja keiner. Das ist ja alles im Verborgenen, hinter fest verschlossenen Türen“. Daniela Holyba wünscht sich, dass alle, die querdenkend und ohne Masken auf die Straßen gehen, sich die Geschichte ihrer Omi zu Herzen nehmen.

Die Enkeltöchter nennen sie liebevoll „Omi“. Die „Omi“ heißt Brigitte Köhne und ist in Rudersberg bestens bekannt – mit 84 Jahren leistete sie noch Dienste im Freibad, wurde erst jüngst für 50 Jahre Mitgliedschaft beim Roten Kreuz geehrt – die Omi ist gestorben. An Corona. Eine Ärztin der Intensivstation im Rems-Murr-Klinikum Winnenden, erzählt Daniela Holyba, eine der Enkelinnen von Brigitte Köhne, habe bei der Aufnahme gesagt: schwerste Corona-Infektion, fast kein intaktes Lungengewebe

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper