Rems-Murr-Kreis

Corona erschwert die Arbeit mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen im Rems-Murr-Kreis

Boxprojekt
Hoffen auf weitere Lockerung der Corona-Verordnungen: Hanna Bauer und Oliver Dentz, hier im Aufenthaltsraum der Jugendwohngruppe in Waiblingen. © ALEXANDRA PALMIZI

Viele Kinder und Jugendliche, die in den Wohngruppen der Paulinenpflege leben, fühlen sich schwach und sind wenig belastbar. Die Gründe sind vielfältig: verbale und körperliche Gewalt in der Familie, Eltern, die wegen Krankheit oder Sucht überfordert sind, ein schädliches Milieu. Und nun fehlen wegen Corona auch noch wichtige Strukturen wie der Schulbesuch. Auch das sehr gefragte therapeutische Boxprojekt liegt derzeit mehr oder minder auf Eis.

Die 14 Wohngruppen des Jugendhilfeverbunds der Paulinenpflege Winnenden für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen sechs und 21 Jahren sind im ganzen Rems-Murr-Kreis verteilt. Für fünf ist Abteilungsleiterin Hanna Bauer zuständig.

„Wenn kein Zusammenleben innerhalb der Familie mehr möglich ist, kommen die Kinder und Jugendlichen in die Wohngruppen“, erklärt die 30-Jährige. Kostenträger und Kooperationspartner ist das Jugendamt. Die Ziele reichen von der Rückkehr in die Familie bis hin zur Verselbstständigung, um auf eigenen Füßen stehen zu können. 

Die Häuser der Jugendhilfe stehen mitten in Wohngebieten

Zur Verfügung stehen dem Jugendhilfeverbund erstens vollstationäre Wohngruppen mit – abgesehen vom Schulbesuch – einer Rundumbetreuung. Zweitens gibt es Jugendwohngemeinschaften, die täglich nur ein paar Stunden lang betreut werden. Jugendliche schließlich, die sich selbst organisieren können, kommen ins betreute Jugendwohnen. Mitarbeiter schauen dort nur ein paar Stunden pro Woche vorbei, um da zu helfen, wo's klemmt.

Die Häuser der Wohngruppen stehen nicht separiert, sondern inmitten von Wohngegenden. Auch wenn es vielleicht mal etwas Ärger mit Anwohnern geben kann, macht es das leichter, die Kinder und Jugendlichen zu integrieren. Eigentlich. Denn nun funkt Corona dazwischen.

Zu Anfang sei das noch kein großes Problem gewesen, sagt Bauer. „Da waren alle sehr motiviert. Es gab schöne Projekte wie Hobbyraumausbau, Gartengestaltung und Maskennähen.“ Nicht in die Schule zu müssen, habe einigen Kindern und Jugendlichen sogar gutgetan.

Bewohner und Betreuer haben die Nase voll von Corona

Doch inzwischen, nach zehn Wochen Einschränkungen, hätten die Hausbewohner keine Lust mehr. Genauso wenig wie die Mitarbeiter, die immer die gleichen Diskussionen führen müssten. Dass es nervenzehrend ist, Schwererziehbare beim Home-Schooling zu betreuen, kann sich jeder vorstellen. Zumal „wir keine Lehrer sind“.

Der erfahrene Jugend- und Heimerzieher Oliver Dentz (54) bestätigt Bauers Eindrücke und sagt: „Die Jugendlichen suchen Reibung. Sie fühlen sich gegängelt, und wir haben den Druck, die Maßnahmen des Infektionsschutzes einzuhalten. Wir dürfen keine fremden Leute ins Haus lassen, können das nachts aber nicht kontrollieren.“

Manche Jugendliche seien abends in Stuttgart unterwegs. Saufen gehen und Abstand halten? Kaum möglich. „Deshalb machen sich Kollegen schon Gedanken. Wir müssen uns ja auch vor Corona schützen.“

Aus dem Gruppentrainer Dentz ist ein Personal Trainer geworden

Dentz schmerzt speziell, dass das von ihm betreute therapeutische Boxprojekt wochenlang fast komplett ausfiel. Abbau von Aggressionen, Steigerung des Durchhaltevermögens und des Selbstbewusstseins, Erlernen des Umgangs mit Lob und Kritik, Austesten körperlicher Grenzen: Der A-Lizenz-Trainer des DBV (Deutscher Boxverband Olympisches Boxen) und der Jugendhilfeverbund haben sehr gute Erfahrungen mit dem Angebot gemacht.

Sportliche Erfolge hat's auch schon gegeben. Für den größten sorgte 2014 der Waiblinger Dominik Allmendinger mit dem Gewinn des Vizeeuropameistertitels bei der U 15.

Normalerweise arbeiten Dentz und zwei ehrenamtliche Helfer mit bis zu zwölf Jugendlichen in der Halle der Winnender Bodenwaldschule. Hinzu kommen oft Fitnessboxer und Sportler vom Kooperationspartner, der Boxschule Charlie (Box-Team Remstal).

Doch daran ist derzeit nicht zu denken. Dentz konzentriert sich auf seine therapeutische Aufgabe und kümmerte sich zuletzt quasi als Personal-Coach um drei Jugendliche aus vollstationären Wohngruppen.

Sozialphobie, familiäre Kälte, Konzentrationsschwäche

Die Einheiten fanden im Freien statt. Dentz nutzte Medizinbälle, Bänke, Geländer, Reifen und Hütchen für Kraft- und Bewegungstraining, dazu gab's Waldläufe und Technikübungen wie langsames Schattenboxen. Alles auf Abstand und begleitet von vielen Gesprächen. Jeder Schützling habe einen anderen Bedarf.

Eine Jugendliche mache heuer Abitur, habe aber eine Sozialphobie. „Mit der bin ich als Boxeinheit schon mal zum Einkaufen gegangen.“ Dann gebe es ein Mädchen, zu dem die Familie keinen Kontakt wolle und das deshalb vor allem Erfolgserlebnisse brauche.

Und dann sei da noch ein Junge, der sehr sportlich sei, aber große Probleme habe, sich zu konzentrieren. Weil Oliver Dentz derzeit alleine arbeiten muss und das stundenlang und mit schweren Fällen, sei das Training für ihn viel anstrengender als gewohnt.

Bauer: „Das Boxprojekt ist eine Stabilisierung in der Coronazeit“

Unterstützung bekam und bekommt er von Hanna Bauer, in deren Abteilung das Boxprojekt fällt. „Jemand wie Herrn Dentz zu haben, der sagt, ich bin Profi und biete das Boxen an, ist sehr viel wert. Für die Jugendlichen ist das auch eine Stabilisierung in der Coronazeit.“

Seit 2. Juni sind die Sportstätten wieder geöffnet, nun kann zumindest etwas Kleingruppentraining stattfinden. „Es kommen permanent Anfragen, wann es richtig weitergeht mit dem Boxprojekt. Einige Jugendliche bekommen von mir Trainingspläne“, so Dentz.

Wie alle Beschäftigten des Jugendhilfeverbunds hofft er, dass die Einschränkungen nach und nach zurückgenommen werden können. Erfolgreich sind sie offenbar gewesen: In der gesamten Paulinenpflege gibt es laut Oliver Dentz keinen einzigen Corona-Fall.

Viele Kinder und Jugendliche, die in den Wohngruppen der Paulinenpflege leben, fühlen sich schwach und sind wenig belastbar. Die Gründe sind vielfältig: verbale und körperliche Gewalt in der Familie, Eltern, die wegen Krankheit oder Sucht überfordert sind, ein schädliches Milieu. Und nun fehlen wegen Corona auch noch wichtige Strukturen wie der Schulbesuch. Auch das sehr gefragte therapeutische Boxprojekt liegt derzeit mehr oder minder auf Eis.

Die 14 Wohngruppen des

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