Rems-Murr-Kreis

Corona-Folgen bei Kindern und Jugendlichen: Mehr Depressionen und Suizidgedanken

Psyche der Jüngsten
Die lange soziale Isolation während der Corona-Pandemie hat für Kinder psychische und soziale Folgen. © pixabay

Schulen und Kitas sind wieder geöffnet, Sport und Musik im Verein sind wieder möglich, ebenso wie viele Freizeitmöglichkeiten. Eine Rückkehr zu einer Normalität, wie wir sie vor der Corona-Pandemie kannten, ist dennoch weit entfernt. Das liegt nicht nur an 3G-Regelungen oder Hygienemaßnahmen. Vor allem Kinder und Jugendliche kennen diese Normalität nämlich noch nicht oder nicht mehr und brauchen Hilfe beim Anschluss an das alltägliche Leben. „In der Jugendhilfe verzeichnen wir einen signifikanten Anstieg bei der Nachfrage nach Beratungsangeboten, insbesondere bei den ambulanten Hilfen zur Erziehung“, sagt Marc Dressel, der bei der Caritas Ludwigsburg-Waiblingen-Enz als Fachleiter unter anderem für Jugendhilfe verantwortlich ist.

Er beschreibt die Pandemie als einen Katalysator, der einerseits bestehende Probleme verschärft, aber auch neue geschaffen hat. Das Konfliktpotenzial in Familien sei gestiegen, es sei davon auszugehen, dass es häufiger zu Gewalt gegen Kinder komme und diese nicht bemerkt und den Jugendämtern gemeldet worden sei, weil der institutionelle Schutz durch Schule, Kita oder Sportverein ebenso weggefallen sei wie der gesellschaftliche durch Nachbarn oder Begegnungen auf dem Spielplatz.

Die soziale Isolation habe dazu geführt, dass Kinder gar nicht mehr wüssten, wie sie sich anderen gegenüber verhalten sollen. „Die Rückkehr in die Normalität ist nicht so normal“, sagt Kristina Schnüll, Leiterin der Jugendhilfe. Ein kleines Kind kenne keine Kita ohne Masken, wer im vergangenen Jahr die Schule neu begonnen oder gewechselt habe oder ein Studium aufgenommen habe, kenne den „normalen“ Alltag dort nicht. Die Situation sei vor allem für Kinder und Jugendliche in Umbruchsituationen schwierig, was sich in einer Zunahme von Ängsten und Zwängen ebenso zeige wie in sozialer Vereinsamung und einem Anstieg depressiver Phasen, gerade bei jungen Menschen. „Junge Erwachsene haben vor Beginn der Pandemie kaum Beratungsangebote bei uns wahrgenommen, nun aber immer mehr“, sagt Dressel.

Auswirkungen der Pandemie sind noch nicht absehbar

Hinzu komme, dass der Leidensdruck heute schon höher sei, wenn sich die Betroffenen bei einer Beratungsstelle meldeten. „Haben Eltern früher zum Beispiel Rat gesucht, wenn ihr Kind einmal pro Woche autoaggressives Verhalten zeigte, tun sie es heute, wenn es schon knallt“, so Dressel. Derzeit könne die Caritas die Nachfrage stillen, aber nur, weil die Kapazitäten ständig ausgebaut würden. Der Bedarf werde in den kommenden Jahren bestehen bleiben: „Noch können wir nur erahnen, welche Auswirkungen die Pandemie auf die Schwächsten, die Kinder und Jugendlichen, hat.“ Es sei nun wichtig, bedarfsgerechte Angebote zu schaffen, die sowohl Bildungslücken schließen als auch soziale Fähigkeiten förderten. „Lag der Fokus zu Hochzeiten der Pandemie auf der Wirtschaft, muss er nun auf Kinder und Jugendliche gelegt werden. Es darf keine Generation heranwachsen, die in sozialer Isolation lebt, unter Ängsten und Zwängen leidet und deshalb nicht arbeits- und zukunftsfähig ist.“

Psychische Erkrankungen werden später entdeckt

Handlungsbedarf sieht auch Tina Schlüter, die als Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie des Klinikums am Weissenhof für die Außenstellen verantwortlich ist, zu denen unter anderem das Klinikum Schloss Winnenden gehört. Die Pandemie wirke sich auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen deutlich aus.

Bei den meisten Patienten hätten die Symptome zugenommen. „Wir erleben vermehrt Kinder und Jugendliche mit Depressionen, Angsterkrankungen und Essstörungen, was wir auf den lange andauernden Strukturverlust und die reduzierten Möglichkeiten zurückführen“, sagt Schlüter. Seit Schülerinnen und Schüler wieder in Präsenz unterrichtet werden, gebe es außerdem mehr Bewältigungsängste bezüglich der Schule. Schlüter rechnet damit, dass diese Problematik in den nächsten Wochen noch zunehmen wird.

Sie befürchtet außerdem, dass manche Kinder und Jugendliche mit sich entwickelnden psychischen Erkrankungen den Weg in eine Klinik oder in ambulante Praxen noch gar nicht gefunden haben. Früher hätten Jugendliche häufig im Erstgespräch berichtetet, dass Schule oder andere Eltern empfohlen hätten, sich in der Klinik vorzustellen. Durch reduzierte Kontakte und geschlossene Schulen würden Aufmerksamkeits- oder Sozialverhaltensstörungen nun teilweise nicht oder später als früher erkannt.

Der Therapiebedarf wiederum steigt, wenn Patienten später in Behandlung kommen. „Wir sehen derzeit bei Erstvorstellung oft schon einen höheren Schweregrad der Symptomatik und in diesem Zusammenhang auch vermehrt Jugendliche mit suizidalen Krisen, welche Krisenbehandlungen im vollstationären Bereich notwendig machen und deutlich engmaschigere ambulante Termine“, sagt Schlüter.

So könnten mehr Möglichkeiten zur Behandlung entstehen

Ein Ausbau der Behandlungsmöglichkeiten, auf den sich 50 Teilnehmer eines digitalen Fachgipfels zur psychischen Situation von Kindern und Jugendlichen infolge der Corona-Pandemie geeinigt haben, sei deshalb wichtig. An der Videokonferenz Ende August hatten Experten, die Jugendhilfe, die Jugendsozialarbeit und Betroffenenverbände teilgenommen. Eine Arbeitsgruppe soll nun laut Sozialminister Manfred Lucha Vorschläge zusammenstellen.

Tina Schlüter plädiert dafür, den Kliniken die Hürden zu nehmen, ihr Angebot weiter ausbauen oder anpassen zu können. „Wir sind noch nicht an dem Punkt, dass wir sagen können, für den Rems-Murr-Kreis besteht eine ausreichende, gute Versorgung“, betont die Chefärztin. „Zum Beispiel würden wir uns wünschen, für eine stabile ambulante Versorgung der Patienten eine längere Zulassung für unsere Institutsambulanzen zu erhalten.“ Diese Zulassung ist eine Art Betriebserlaubnis, die derzeit alle zwei Jahre neu beantragt werden muss. „Eine dauerhafte Zulassung würde nicht nur die bestehende Patientenversorgung sichern, sondern auch die personelle Aufstockung der Ambulanz erleichtern und damit das Versorgungsangebot erhöhen.“

Konkret könnte das beispielsweise auch im Rems-Murr-Kreis so aussehen wie im Kreis Ludwigsburg, wo seit einem Jahr eine sogenannte aufsuchende stationsäquivalente Behandlungsform angeboten wird, bei der Patienten täglich zuhause behandelt werden können, die sonst vielleicht gar nicht in der Klinik ankommen würden.

Schulen und Kitas sind wieder geöffnet, Sport und Musik im Verein sind wieder möglich, ebenso wie viele Freizeitmöglichkeiten. Eine Rückkehr zu einer Normalität, wie wir sie vor der Corona-Pandemie kannten, ist dennoch weit entfernt. Das liegt nicht nur an 3G-Regelungen oder Hygienemaßnahmen. Vor allem Kinder und Jugendliche kennen diese Normalität nämlich noch nicht oder nicht mehr und brauchen Hilfe beim Anschluss an das alltägliche Leben. „In der Jugendhilfe verzeichnen wir einen

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