Rems-Murr-Kreis

Corona: "Gerade die Jugend leidet, es mangelt an Perspektiven", sagt der Jugendamtsleiter Holger Gläss

Krawallnacht in Stuttgart vom Juni 2020 randale zerstörung innenstadt
„Ich möchte wirklich eine Lanze brechen für die heutige Jugend. Wir sollten sie nicht nur als Superspreader sehen, die jetzt sauer sind, weil sie keine Partys mehr feiern dürfen. Die Jugend, das sind auch nicht per se die Randalierer der Krawallnacht von Stuttgart“, sagte der Leiter des Kreisjugendamtes des Rems-Murr-Kreises, Holger Gläss. © Simon Adomat

„Die Jugend hat es gerade wirklich nicht leicht, Ausbildung, Leben und Familie zu planen“, sagte der Leiter des Kreisjugendamtes, Holger Gläss. Der Satz von Macron, „es ist 2020 nicht einfach, 20 Jahre alt zu sein“, sei komplett richtig. „Distanz ist mittlerweile Realität, dabei sind doch gerade für Heranwachsende Kontakte und Beziehungen so wichtig. Wie und wo soll man denn beispielsweise derzeit einen Partner, eine Partnerin finden!? Wie seine Eigenständigkeit aufbauen, wenn aufgrund der wirtschaftlichen Schwierigkeiten prekäre Lebenssituationen und Niedriglohn-Anstellungen zunehmen!?“

Alltagsräume und Freizeitmöglichkeiten sind verloren gegangen. Auslandsjahr oder FSJ? Fehlanzeige! Ausbildung oder Studium beginnen? Im Fernunterricht? Chancen und Möglichkeiten sind für die Jugend auf ein Minimum geschrumpft. „Es gibt eindeutig krisenbedingte Nachteile bei der Schulbildung, Weiterbildung, Ausbildung und dem Einstieg in einen durch Corona geschüttelten Arbeitsmarkt“, so Gläss. Und das werde alles bestimmt nicht besser, der Staat müsse ja die Milliardenschulden aufgrund der Coronahilfen irgendwann auch zurückzahlen.

Holger Gläss prognostiziert, dass die soziale Mobilität zurück- und die Bildungsschere weiter auseinandergehen werde, denn digitale Ausrüstung und Unterstützung im Heimunterricht sei nicht in allen Familien realisierbar. „Ich möchte wirklich eine Lanze brechen für die heutige Jugend. Wir sollten sie nicht nur als Superspreader sehen, die jetzt sauer sind, weil sie keine Partys mehr feiern dürfen. Die Jugend, das sind auch nicht per se die Randalierer der Krawallnacht von Stuttgart. Das sind verkürzte Bilder, das sind Klischees."

Gläss appelliert deshalb an die Politik, gerade im Zuge der Coronakrise, wo bislang vor allem Wirtschaft und Konzerne mit Milliarden bedacht werden, Investitionen in Kinder und junge Menschen nicht zu vernachlässigen. „Denn auch das sind Investitionen in unser aller Zukunft.“

Aufgrund der zahlreichen coronabedingten Unsicherheitsfaktoren und aufgrund des Umstands, dass Wohnmöglichkeiten immer schwerer zu finden sind, rechnet Gläss mit weiter steigenden Fallzahlen der Heimerziehung für junge Volljährige.

Aber auch Familien mit Kindern haben es in der Corona-Krise besonders schwer. Zur Wirtschaftsflaute, Kurzarbeit und zu finanziellen Engpässen gesellen sich die kaum planbaren und häufig plötzlichen Erfordernisse von Kinderbetreuung und Heimunterricht. „Die wichtigen Entlastungsfunktionen von Kitas und Schulen für die Familien sind lange Zeit komplett weggefallen. Auch Oma und Opa konnten und können nicht einspringen, weil sie zur Risikogruppe gehören“, sagte Holger Gläss bei einer Sitzung des Kinder- und Jugendhilfeausschusses des Kreistags am Montag in Fellbach.

Umso mehr verwunderte es den Kreisjugendamtsleiter, dass 2020 bisher keine Steigerung der Inobhutnahmen im Vergleich zu 2019 zu verzeichnen waren (rund 190 Fälle). „Im März und April mussten wir sogar zeitweise weniger Kinder aus kritischen Familienumfeldern nehmen als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.“ Die statistische Delle führt Gläss auf den Umstand zurück, dass im Frühjahr Schulen und Kitas geschlossen waren. Diese sind jedoch „Frühwarn-Multiplikatoren“, also Institutionen, in und von denen familiäre Probleme offenbar und ans Jugendamt gemeldet werden. Kurzzeitige Steigerungen der Inobhutnahmen im Juni/Juli seien ein nachholender Effekt gewesen. „Trotzdem gibt es bislang insgesamt auf das Jahr 2020 gesehen keine statistischen Hinweise darauf, dass Corona gravierend negative Folgen auf die Situationen in den Familien gehabt hätte, was eigentlich zu vermuten wäre“, so Gläss, schließlich sei die Zunahme häuslicher Gewalt in Quarantänezeiten ja gerade bundesweit zu beobachten.

Im Rems-Murr-Kreis sei der Corona-Stress aber anderswo deutlich spürbar. Sozialer Dienst, Ambulanter Dienst, Frühe Hilfen und Beratungsstellen beobachteten einen steigenden Beratungsbedarf wegen der allgemeinen Verunsicherung, Erfahrungen der sozialen Isolation und der Zunahme von Konflikten.

Erschwerend hinzu komme, dass die Personaldecke des Jugendamtes merklich dünner geworden sei. Wegen Corona-Infektionen innerhalb der Belegschaft, aber auch wegen Umschichtungen. „Aus guten Gründen wird auch Personal vom Jugendamt für die Bearbeitung der Pandemie-Bewältigung eingesetzt“, so Gläss. Mehr als 22 Vollzeitäquivalente des Jugendamt-Stellenpools sind für die Corona-Hotline, die Kontakte-Nachverfolgung, das Schnelltestzentrum und dergleichen im Einsatz. „Das ist verständlich, aber die fehlen dann halt anderswo, so dass wir nicht mehr so entschieden wie während der ersten Corona-Welle sagen können, dass sämtliche Aufgaben und Dienstleistungen der Kinder- und Jugendhilfe aufrechterhalten werden können. Keine Sorge, kein Kindeswohl wird gefährdet, aber wir müssen priorisieren.“

„Die Jugend hat es gerade wirklich nicht leicht, Ausbildung, Leben und Familie zu planen“, sagte der Leiter des Kreisjugendamtes, Holger Gläss. Der Satz von Macron, „es ist 2020 nicht einfach, 20 Jahre alt zu sein“, sei komplett richtig. „Distanz ist mittlerweile Realität, dabei sind doch gerade für Heranwachsende Kontakte und Beziehungen so wichtig. Wie und wo soll man denn beispielsweise derzeit einen Partner, eine Partnerin finden!? Wie seine Eigenständigkeit aufbauen, wenn aufgrund der

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