Rems-Murr-Kreis

Corona im Rems-Murr-Kreis: Die Wahrheit über die Impfquote

Corona Impfung
Was haben wir erreicht seit Ende Dezember 2020, wie viele Menschen sind geimpft? Niemand weiß das ganz genau. © Pixabay

Die Impfquote Rems-Murr liegt bei 69,0 Prozent. Offiziell. Klingt präzise. Ist aber falsch. Wie viele sind wirklich gepikst? Niemand kann das genau sagen. Auch nicht das RKI ... Einige unangenehme Wahrheiten über die klaffenden Wissenslücken 15 Monate nach dem Impfstart in Deutschland: ein Lehrstück über das Elend des deutschen Daten-Erhebungswesens. Und am Ende: eine begründete Vermutung, wie viele Leute wirklich geimpft sind im Rems-Murr-Kreis.

Die Impfquote ist wichtig. Sie zeigt uns, wie gut wir geschützt sind gegen künftige Wellen. Sie liefert Orientierung, ob wir eine Impfpflicht brauchen; oder eher nicht.

Allein, wir schwimmen. Wann immer Sie eine Prozentangabe mit einer Stelle hinterm Komma lesen – lassen Sie sich nicht täuschen. Die präzise Angabe gaukelt ein Wissen vor, über das wir nicht verfügen.

Ministerium und RKI: Das Phänomen der abweichenden Zahlen

Seit Juni 2021 weist das Landessozialministerium die Impfquote für Baden-Württemberg aus, aufgeschlüsselt nach Landkreisen; den dort genannten Wert pflegt das Landratsamt auch ins Dashboard des Rems-Murr-Kreises ein. Ein guter Service – der indes von Anfang an Fragen aufwarf.

Denn diese Landesdaten decken sich nicht mit den Angaben des Robert-Koch-Instituts. Bereits im Herbst haben wir auf das irritierende Phänomen hingewiesen. „Doppelte Buchführung“, nannten wir es.

Laut Landesministerium gab es in Baden-Württemberg Ende November etwa 250 000 weniger Doppelt-Geimpfte als gemäß dem Impfquotenmonitoring des RKI. Seither ist die Schere noch weiter aufgegangen:

  • Daten des Landessozialministeriums (Stand 28. März): In Baden-Württemberg sind 71,4 Prozent der Menschen (7.928.742 Leute) doppelt geimpft und 52,5 Prozent (5.832.121) geboostert.
  • Daten des RKI (Stand 28. März): In Baden-Württemberg sind 74,1 Prozent (8.229.952 Leute) doppelt geimpft und 56,9 Prozent (6.319.459) geboostert.
  • Damit führt das RKI 301.210 Leute mehr als doppelt geimpft und hat beim Booster gar 487.338 mehr Menschen in der Statistik.

Wie ist das möglich?

Eine Anfrage - zwei sehr verschiedene Antworten

Um dem Rätsel der doppelten Buchführung auf die Spur zu kommen, haben wir an beide Einrichtungen eine gleichlautende Anfrage geschickt:

  • Wie kommt das Ministerium, wie das RKI zu seinen Daten?
  • Wie erklärt sich die doch recht gravierende Abweichung?

Das RKI antwortete schnell – sofern man das, was da zurückkam, ernsthaft als „Antwort“ bezeichnen will: „Vielen Dank für Ihre Anfrage. Bitte wenden Sie sich an die Landesgesundheitsbehörden. Wir können keine externen Daten oder Berechnungen bewerten. Mit freundlichen Grüßen“.

Dankenswert ausführlich reagierte hingegen das Landessozialministerium: Die „landkreisscharfe Statistik“ – eine „rein freiwillige Sonderauswertung“ – enthält „die Impfungen durch niedergelassene Ärzte, Impfzentren, mobile Impfteams und Krankenhäuser“. Daten von Betriebs- und Privatärzten sind hingegen allenfalls vereinzelt eingepflegt. „Zudem übermitteln einige Ärzte direkt ans RKI“ und nicht an die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg – „somit sind diese Zahlen ebenfalls nicht enthalten“.

Die RKI-Zahlen sind also umfangreicher. Vollständig sind sie aber auch nicht, wie sich gleich zeigen wird ...

Untererfassung und zweierlei Hochrechnungen

Regelmäßig heißt es nämlich im Covid-Wochenbericht des RKI: Man gehe „von einer gewissen Untererfassung“ aus. Die Werte seien als „Mindest-Impfquoten zu verstehen“. Wie krass aber ist diese Untererfassung?

  • Im November 2021 ergab eine erste Hochrechnung des RKI – anhand der ausgelieferten Impfstoffdosen – eine „Unterschätzung“ der Impfquote „um maximal 5 Prozentpunkte“.
  • Ende Dezember ergab eine zweite Hochrechnung des RKI – diesmal anhand abgerechneter Impfleistungen – eine „Unterschätzung“ der Impfquote von „0,6 bis 0,8 Prozentpunkten“.

Beide Hochrechnungen haben aber ihrerseits wieder Unschärfen:

  • Die Orientierung an ausgelieferten Impfstoffdosen ist wackelig – es ist ja nicht gesagt, dass wirklich alle Tranchen auch komplett verbraucht wurden.
  • Die Orientierung an Abrechnungen ist nicht auf dem aktuellen Stand: Laut RKI-Bericht von Ende März liegen bislang nur die Daten von 13 der 17 Kassenärztlichen Vereinigungen in Deutschland vor – und auch nur für den Zeitraum vom Impfstart Ende 2020 „bis zum Ende des zweiten Quartals 2021“; also bis Ende Juni.

15 Monate nach dem äußerst rumpeligen Impfstart lautet also die desillusionierende Erkenntnis: Vieles liegt immer noch im Ungefähren.

Was wir über die Impfquote dennoch sagen können

Aus all dem ergeben sich diverse Erkenntnisse über den mutmaßlichen Stand der Impfquote - konkret heißt das für ...

  • Deutschland: Laut RKI sind 75,9 Prozent doppelt geimpft. Es könnten aber auch 76,5 Prozent sein (wenn man nach älteren Abrechnungsdaten geht) oder bis zu knapp 81 Prozent (wenn man nach ausgelieferten Dosen geht). Die Boosterquote liegt bei 58,6 Prozent – mit einem Fragezeichen ist auch sie zu versehen.
  • Baden-Württemberg: Die Angaben des Sozialministeriums zur Zweitimpfquote (71,4 Prozent) und zum Booster-Stand (52,5 Prozent) sind sicher zu niedrig. Ein realistischeres Bild liefert das RKI: mindestens 74,1 Prozent (vermutlich aber irgendwo zwischen etwa 75 und 80); und 56,9 Prozent – plus x.
  • Rems-Murr-Kreis: Das RKI bricht seine Daten nicht auf Kreisebene herunter. Deshalb haben wir nur die Angaben des Ministeriums: 69,0 Prozent doppelt geimpft, 53,8 Prozent geboostert. Von diesen Zahlen wissen wir aber, dass sie zu niedrig sind. Plausibler scheint eine Zweitimpfquote zwischen etwa 72 und maximal 77 Prozent und eine Boosterquote von etwa 58; oder mehr?

Sie finden all das unbefriedigend? Wir auch. Es ist aber leider so: Je genauer wir die Lage analysieren, desto vager wird das Bild.

Die Impfquote Rems-Murr liegt bei 69,0 Prozent. Offiziell. Klingt präzise. Ist aber falsch. Wie viele sind wirklich gepikst? Niemand kann das genau sagen. Auch nicht das RKI ... Einige unangenehme Wahrheiten über die klaffenden Wissenslücken 15 Monate nach dem Impfstart in Deutschland: ein Lehrstück über das Elend des deutschen Daten-Erhebungswesens. Und am Ende: eine begründete Vermutung, wie viele Leute wirklich geimpft sind im Rems-Murr-Kreis.

Die Impfquote ist wichtig. Sie zeigt

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